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06. Februar 2011, 12:22 Uhr

Deutsche Journalistin in Ägypten

Im Folterknast des Muchabarat

Aus Kairo berichtet

Eine deutsche Journalistin geriet Ende der Woche in die Fänge des berüchtigten ägyptischen Geheimdienstes. Ihre Erlebnisse geben einen erschreckenden Einblick in den Polizeistaat Mubaraks. Dieser versucht weiterhin, mit brutalen Methoden eine wahrheitsgemäße Berichterstattung zu verhindern.

"Inhaftiert zu sein, war schlimm", schreibt die deutsche Journalistin Souad Mekhennet, "wir fühlten uns so machtlos". 24 Stunden war die hartnäckige Terror-Rechercheurin der "New York Times" Ende letzter Woche in der Hand des taumelnden ägyptischen Systems.

Anfangs wusste sie nicht einmal genau, welches der völlig unberechenbaren und machtbesessenen Sicherheitsorgane sie festhielt und wie lange sie in Gefangenschaft bleiben würde. Die eigene Unsicherheit aber war nicht das schlimmste. Zu sehen oder vielmehr durch die Wände eines berüchtigten Foltergefängnisses zu hören, wie der ägyptische Geheimdienst Muchabarat Ägypter misshandelt und quält, schockiert sie bis heute.

Gemeinsam mit ihrem Kollegen Nicholas Kulish war die deutsche Reporterin am vergangenen Donnerstag unterwegs von Alexandria nach Kairo als sie an einem Checkpoint am Rand der Hauptstadt angehalten wurden. Wer die Straßensperren betreibt, ist dieser Tage nicht zu erkennen. Manchmal sind es Bürgerwehren. Manchmal ist es die Polizei oder der Geheimdienst. Genau weiß das niemand.

Schnell gab es Ärger. Im Kofferraum des Wagens entdeckten die Männer am Checkpoint eine Fernsehkamera und mehrere tausend Dollar in bar. Zudem kam ihnen Mekhennet, eine junge Frau mit arabischem Namen, aber mit einem deutschen Pass, verdächtig vor. Zwei Männer drängten sich in den Wagen und identifizierten sich als Polizisten.

Das Foltersystem Mubaraks ist keineswegs am Ende

Der verhängnisvolle Stopp am Checkpoint war der Beginn einer Odyssee auf die dunkle Seite des Reichs von Husni Mubarak. Nach einigen Zwischenstationen landeten die beiden Reporter und ihr Fahrer in einem der berüchtigten Foltergefängnisse, in denen das Regime von Mubarak Tausende politischer Gegner einkerkerte, folterte und so jahrzehntelang jegliche Opposition gegen ihn und seine Machtclique unterdrückte.

Dieses System ist mit der Revolte gegen Mubarak keineswegs am Ende. Mekhennet und ihr Kollege sahen nach ihrer Festnahme mit eigenen Augen, wie rücksichtslos der Machtapparat weiter gegen jeden Gegner im eigenen Land vorgeht.

Den beiden Reportern taten die Geheimdienstler zwar körperlich nichts an, doch allein die Umgebung erinnerte die Terrorexpertin Mekhennet an die schlimmsten Berichte von Folteropfern aus ihren intensiven Recherchen der letzten Jahre. In einem kalten Raum, in dem das Neonlicht die ganze Nacht brannte, mussten sie und ihr Fahrer ausharren.

Zwar konnte Mekhennet auf Arabisch mit den Beamten in dem Knast sprechen, doch das nutzte wenig. Keiner der Männer nannte seinen Namen. Als die Reporterin bei einem der vielen Verhöre fragte, wo sie eigentlich sei, lächelte der Mann auf der anderen Seite des Tisches. "Nirgendwo", lautete seine Antwort.

Die Reporter wurden Zeugen von Folter und Erniedrigung

Vielmehr spielten die Geheimdienstler mit den beiden Gefangenen Psycho-Spielchen, um sie zu verängstigen. Am Morgen führte sie einer der Männer in einen anderen Raum. Dort knieten auf dem Boden bis zu 20 Gefangene, darunter mehrere vom Geheimdienst festgenommene ausländische Reporter. Alle hatten die Augen verbunden und waren an den Händen gefesselt.

"Wir könnten euch noch viel schlechter behandeln", drohte der Geheimdienstmann der Reporterin. Offenbar waren die Männer während der Nacht zum Freitag festgenommen worden. Zuvor jedenfalls war der Raum leer, berichteten Mekhenet und ihr Kollege Nicholas Kulish in einem beeindruckenden Artikel über ihre Gefangenschaft, den die "Times" am Samstag abdruckte.

Die ganze Nacht lang wurden die beiden Reporter Zeugen von Folter und Erniedrigung. Ihre Augen waren verbunden, doch sie hörten durch die Wände des Folterknasts, wie die Geheimdienstler auf Ägypter einprügelten - und diese verzweifelt um Gnade bettelten. Dabei handelte es sich offenkundig um Mitarbeiter von ausländischen Journalisten oder ganz normale Menschen von der Straße, die in den Tagen des Aufruhrs mit Reportern gesprochen hatten.

"Du bist ein Verräter, du arbeitest mit Ausländern zusammen", schrien die Geheimdienstler die Gefangenen an. Dies sei eine Sünde, es sei schlecht für Ägypten. Unterbrochen wurden die brutalen Vernehmungen immer wieder von Schlägen und den verzweifelten Schreien der Gefangenen.

Anfangs standen Mekhennet und ihr Kollege noch per Telefon in Kontakt mit der deutschen und der amerikanischen Botschaft und konnten zumindest melden, dass sie dem Geheimdienst übergeben worden waren. Die Diplomaten machten sofort massiven Druck auf die ägyptische Regierung.

Das Weiße Haus machte Druck - doch das hilft den ägyptischen Opfern nicht

Kurz nach der Festnahme forderte das Weiße Haus öffentlich die Freilassung aller ausländischen Reporter - neben den beiden "Times"-Mitarbeitern war zu diesem Zeitpunkt auch ein Team der "Washington Post" kurzzeitig festgenommen worden. Vermutlich deswegen wurden Mekhennet, ihr Kollege Kulish und der Fahrer am Freitagnachmittag plötzlich entlassen.

Die Erlebnisse belegen den Verdacht, dass die in Deutschland breit berichteten Einschüchterungsversuche gegen ausländische Reporter nur ein kleiner Teil einer großen und konzertierten Kampagne gegen eine wahrheitsgemäße Berichterstattung über die Unruhen in Ägypten sind. So zeigen diese Erlebnisse eindrücklich, dass der Geheimdienst Mubaraks trotz der öffentlich verbreiteten Kompromissbereitschaft gegenüber der Opposition in den vergangenen Tagen gegen ägyptische Journalisten vorgegangen ist, die kritisch berichteten.

Die Versprechungen und Dialogangebote, gerade vom jetzigen Vizepräsidenten und ehemaligen Geheimdienstchef Omar Suleiman, wirken in diesem Licht mehr als zynisch.

Souad Mekhennet ist nach den Erlebnissen in Kairo umgehend nach Deutschland zurückgekehrt. Zumindest die Gruppe der westlichen Gefangenen, darunter neben einigen Reportern auch mehrere Menschenrechtsaktivisten, soll mittlerweile ebenfalls wieder auf freiem Fuß sein.

Die ägyptischen Opfer des Geheimdienstes allerdings sitzen vermutlich noch immer in den Knästen des Muchabarat ein. So lange die westlichen Regierungen keinen Druck auf das Mubarak-Regime ausüben, haben sie gegen die allmächtigen Behörden des Präsidenten auch weiterhin keine Chance.

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