Deutsche Linksautonome in Polen Die Demo, die im Desaster endete

Linksautonome aus Deutschland wollten in Warschau einen Aufmarsch polnischer Rechter verhindern - nun stehen 76 Bundesbürger vor Gericht. Im Nachbarland wird der Fall heiß diskutiert: Dürfen Deutsche Polen über Nationalismus belehren? Protokoll eines misslungenen Ausflugs.

AP

Von und Georgina Fakunmoju, Berlin


Sie hatten es sich wohl zu einfach vorgestellt. Auf zwei Info-Veranstaltungen in Berlin wurde die linke Szene mobilisiert. Experten hielten Vorträge, die Besucher konnten noch vor Ort Tickets für die Fahrt nach Warschau kaufen. Am 11. November, dem polnischen Unabhängigkeitstag, sollte dort der Aufmarsch von Nationalisten blockiert werden. "Wir wollten unseren polnischen Genossen helfen", sagt Sandra*, 27, die beim Ausflug mit dabei war.

Allerdings bekam auch die Polizei Wind von der Aktion. Als drei Busse der Linksautonomen um Mitternacht den Grenzübergang erreichten, wurden sie bereits erwartet. Erst durchsuchten Bundespolizisten die etwa 150 Passagiere nach Waffen, fanden nach eigenen Angaben aber nichts. Hinter der Grenze kontrollierten auch polnische Beamte die Gruppe. Anschließend eskortierten Polizeiautos den Konvoi bis nach Warschau, wo die Deutschen ein drittes Mal überprüft wurden.

Auch in Warschau lief es nicht wie geplant. Gegen 12 Uhr verließen die Deutschen ein Kulturzentrum und liefen zu Fuß in Richtung Blockade. Viele hatten sich vermummt. Auf einem Video ist zu sehen, wie einige ihren Mittelfinger in die Kamera strecken. Es sah aus wie am 1. Mai, wenn Autonome durch Berlin-Kreuzberg ziehen.

Allerdings setzte die Polizei in Polen nicht auf Deeskalation, sondern auf Attacke. Nach einem Streit zwischen einzelnen Deutschen und Teilnehmern einer historischen Parade zog sofort eine Hundertschaft auf, drängte die linke Gruppe ins Kulturzentrum zurück und nahm fast alle Deutschen kurzerhand fest.

So endete der Ausflug nach Polen, bevor er richtig begonnen hatte. Als am Nachmittag in der Warschauer Innenstadt schwere Randale ausbrach, befanden sich die meisten Deutschen längst in Gewahrsam. Ihren polnischen Genossen an der Blockade konnten sie nicht mehr helfen. Erst nach einem Wochenende auf Warschauer Polizeirevieren durften sie nach Hause fahren. Von einem "absoluten Desaster" sprach ein Teilnehmer im Interview mit dem Online-Magazin "Kombinat Fortschritt".

"Der 11. November wurde für politische Zwecke missbraucht"

Ein Gericht in Warschau muss nun klären, was den Deutschen vorzuwerfen ist. Diese Woche beginnen die Prozesse gegen 76 Bundesbürger wegen Störung der öffentlichen Ruhe. In einem parallelen Verfahren müssen sich neun Autonome wegen Angriffen auf Einsatzkräfte verantworten. Sie sollen Polizisten mit Steinen beworfen haben. Ein Angeklagter soll einen Polizisten mit einem Gegenstand auf den Helm geschlagen haben. Ihm drohen bis zu drei Jahre Gefängnis.

In Deutschland kennt man Autonome seit langem von linken Demos in Berlin oder Hamburg. In Polen sind sie dagegen bis zum 11. November kaum in Erscheinung getreten. Die meisten Beobachter konnten sich dort keinen Reim daraus machen, was die deutschen Besucher genau wollten. Eines steht jedoch fest: Im Nachbarland kann man es nicht leiden, wenn Deutsche meinen, Polen über Nationalismus belehren zu müssen.

In der Öffentlichkeit setzte sich am 11. November schnell der Eindruck fest, dass Deutsche für die Eskalation der Gewalt in der Warschauer Innenstadt verantwortlich waren. Die Boulevardzeitung "Fakt" schrieb, ein Demonstrant habe einen Polen bespuckt. "Der brutale Bandit soll hinter Gittern landen", forderte "Super Express" für einen Aktivisten, der Polizisten angegriffen haben soll. Und Tomasz Nalecz, Berater von Präsident Bronislaw Komorowski, sagte, die Deutschen müssten nicht kommen, um die braune Seuche zu bekämpfen.

Jacek Gaj, 31, hat in Warschau die Verteidigung der deutschen Aktivisten im Gerichtsprozess übernommen. Zum Gespräch bringt er einen Aktenordner mit der Aufschrift "11.11.2011" mit. Der junge Anwalt will auf Freispruch plädieren. "Es gibt keine Beweise, dass meine Mandanten eine Straftat begangen haben", sagt er. Die eigentliche Bedeutung des Falls liege ohnehin woanders, glaubt der Jurist. "Der 11. November wurde für politische Zwecke missbraucht."

Zwischen den Fronten polnischer Innenpolitik

Tatsächlich trat durch den Auftritt der Deutschen in den Hintergrund, was sonst noch am Unabhängigkeitstag passiert war. Nationalistische Gruppen konnten Tausende Anhänger und Hooligans mobilisieren. Am Nachmittag flogen in Warschau Steine und brannten TV-Übertragungswagen. Die Polizei musste Wasserwerfer auffahren, um den Mob in Schach zu halten. Kurz vor der Fußball-Europameisterschaft wurde sichtbar, dass Polen ein großes Problem mit gewaltbereiten Hooligans hat.

Im Parlament sorgte der 11. November für heftige Debatten: Nun gerieten die deutschen Autonomen auch noch zwischen die Fronten polnischer Innenpolitik. Ministerpräsident Donald Tusk erklärte, dass die schlimmsten Aktionen nicht von Deutschen verursacht wurden, sondern von polnischen Hooligans mit Clubschals. Diese Gruppen seien zuletzt auch stark von der Partei des nationalkonservativen Ex-Regierungschefs Jaroslaw Kaczynski unterstützt worden. Aus den Reihen seiner Partei "Recht und Gerechtigkeit" ertönten daraufhin Buhrufe, einige Abgeordnete verließen den Saal.

Bei der Berliner Antifa zieht man noch Bilanz. Einige wollen über Rechtsanwalt Gaj Klage wegen Schikanen der polnischen Polizei einreichen. Sie hätten in Gewahrsam nichts zu essen und trinken bekommen, keinen guten Dolmetscher und zunächst keinen Kontakt zu einem Anwalt. Auch von Schlafentzug und körperlicher Gewalt ist die Rede. Die Polizei in Warschau bestreitet die Vorwürfe auf Anfrage. Bisher habe auch noch niemand Beschwerde eingereicht.

Sollte es im kommenden Jahr wieder einen Unabhängigkeitsmarsch geben, wollen sich die Berliner Aktivisten von all dem nicht abschrecken lassen. Dann werden sie wieder nach Warschau reisen, wenn es sein muss. "Für uns steht außer Frage, dass wir die Genossen in Polen weiterhin unterstützen", sagt Sandra. "Es bleibt aber noch offen, in welcher Form wir das machen."

* Name von der Redaktion geändert

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Seite 1
kein Ideologe 14.12.2011
1. 34567890ß
Zitat von sysopLinksautonome aus Deutschland wollten in Warschau einen Aufmarsch polnischer Rechter verhindern - nun stehen 76 Bundesbürger vor Gericht. Im Nachbarland wird der Fall heiß diskutiert: Dürfen Deutsche Polen über Nationalismus belehren? Protokoll eines misslungenen Ausflugs. Deutsche Linksautonome*in Polen: Die Demo, die im Desaster endete - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,803296,00.html)
Führt nun der Glaube, auf der richtigen Seite zu stehen zu Reflektionsmangel, oder führt fehlende Reflektion zum Glauben, daß man auf der richtigen Seite steht?´ na mal sehen ob das durchkommt.
Herr Hold 14.12.2011
2. Mal sehen
Zitat von sysopLinksautonome aus Deutschland wollten in Warschau einen Aufmarsch polnischer Rechter verhindern - nun stehen 76 Bundesbürger vor Gericht. Im Nachbarland wird der Fall heiß diskutiert: Dürfen Deutsche Polen über Nationalismus belehren? Protokoll eines misslungenen Ausflugs. Deutsche Linksautonome*in Polen: Die Demo, die im Desaster endete - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,803296,00.html)
Mal abgesehen davon, dass die von Linken ausgeübte Gewalt nicht gutzuheißen ist, gilt das doch für alle Länder. Warum sollen sich Deutsche nicht zu Nationalismus in anderen Ländern äußern dürfen? Machen andere Länder mit Deutschen doch auch. Und da stört es keinen.
Dirk Ahlbrecht 14.12.2011
3. ...
Zitat von sysopLinksautonome aus Deutschland wollten in Warschau einen Aufmarsch polnischer Rechter verhindern - nun stehen 76 Bundesbürger vor Gericht. Im Nachbarland wird der Fall heiß diskutiert: Dürfen Deutsche Polen über Nationalismus belehren? Protokoll eines misslungenen Ausflugs. Deutsche Linksautonome*in Polen: Die Demo, die im Desaster endete - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,803296,00.html)
An derartige Belehrungen sollten sich unsere polnischen Nachbarn gewöhnen. Die USA beispielsweise können ein Lied davon singen. Wird es allerdings gefährlich, und anders als im Falle Polens oder der USA, also beispielsweise in Libyen, Syrien oder auch Iran, dann ist es schnell vorbei mit der Belehrung. Dann sind dies plötzlich "kulturelle Unterschiede", die es zu berücksichtigen und zu respektieren gilt.
Hubatz 14.12.2011
4. ...
Zitat von sysopLinksautonome aus Deutschland wollten in Warschau einen Aufmarsch polnischer Rechter verhindern - nun stehen 76 Bundesbürger vor Gericht. Im Nachbarland wird der Fall heiß diskutiert: Dürfen Deutsche Polen über Nationalismus belehren? Protokoll eines misslungenen Ausflugs. Deutsche Linksautonome*in Polen: Die Demo, die im Desaster endete - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,803296,00.html)
Gähn. Langsam nerven diese linken Kiddies mit ihren Aktionen. Kinnings, bleibt Zuhause, spart euch das Geld für Reisen in Länder, die euch garnichts angehen. Sucht euch eine Ausbildung, fangt an zu studieren oder bleibt einfach nur Zuhause, bitte.
krügerrand 14.12.2011
5. Na sowas?
Zitat von sysopLinksautonome aus Deutschland wollten in Warschau einen Aufmarsch polnischer Rechter verhindern - nun stehen 76 Bundesbürger vor Gericht. Im Nachbarland wird der Fall heiß diskutiert: Dürfen Deutsche Polen über Nationalismus belehren? Protokoll eines misslungenen Ausflugs. Deutsche Linksautonome*in Polen: Die Demo, die im Desaster endete - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,803296,00.html)
In Polen will man sich nicht von deutschen Linksfaschisten belehren lassen und auch die dortige Polizei hat keine Lust sich beschimpfen und verprügeln zu lassen.Tja, dumm gelaufen, liebe Antifa-Chaoten!
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