Deutsche Mission in Afghanistan Kampfstimmung auf dem Nato-Gipfel

Verteidigungsminister Jung erwartet beim Nato-Treffen harsche Kritik. Gemeinsam wollen die USA, Großbritannien und Kanada Deutschland mehr Zusagen für die Afghanistan-Truppe abringen. Die sanfte Diplomatie haben sie längst aufgegeben, sie drohen offen mit dem Bruch im Bündnis.

Von , Vilnius


Vilnius - Auf dem Programm für den Nato-Gipfel nennt es sich Mittagessen. Doch hört man den Diplomaten aus den USA, Großbritannien und Kanada zu, wirkt der Lunch der Verteidigungsminister heute ab 12 Uhr 30 in der litauischen Hauptstadt Vilnius eher wie ein Schlachtfest. Am unmissverständlichsten drücken es die US-Diplomaten aus. Man werde Deutschland so lange "grillen", bis man Zusagen erreiche, sagen sie gerne. Berlin muss sich entscheiden, ob es endlich mitmachen wolle beim Afghanistan-Krieg, lautet eine andere Sprachformel, die Zeit der Aufbauhelfer in Uniform sei vorbei.

Bundeswehrsoldat in Afghanistan: Die Deutschen sollen mehr helfen - und kämpfen
DDP

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Mit Diplomatie hat die Rhetorik der vergangenen Tage innerhalb des Bündnisses kaum noch etwas zu tun - es herrscht Kampfstimmung unter den Nato-Partnern.

Es geht um sehr viel für das Bündnis beim Treffen in Vilnius - vielleicht sogar um die Zukunft des Pakts. So erbittert ist der Streit um die Entsendung von Kampftruppen an den Hindukusch mittlerweile, dass die Partner sich offen drohen, beschimpfen und kritisieren. Im Zentrum des Sturms steht immer wieder Deutschland, von dem mehr Truppen und vor allem Kampfbereitschaft als bisher erwartet wird. Verteidigungsminister Franz Josef Jung, das ist allen Beteiligten in der Bundesregierung bekannt, fliegt als Buh-Mann der Nato nach Vilnius. Nicht nur beim Lunch wird er sich harsche Kritik anhören müssen, ahnt man im Kanzleramt.

In den letzten Tagen war zu spüren, wie entschlossen vor allem die USA sind. Mit allen Mitteln wollen sie erreichen, dass sich andere Nato-Partner bereit erklären, in den gefährlichen Süden zu gehen. 3200 zusätzliche Soldaten hat das Pentagon vorübergehend dorthin entsandt, um einer befürchteten Frühjahrsoffensive der Taliban zu begegnen. Doch schon im Sommer sollen diese Soldaten wieder abziehen, besser gesagt abgelöst werden. Großbritannien und Kanada sehen das ähnlich. Die kanadische Regierung droht gar damit, alle Soldaten abzuziehen, sollten die Nato-Partner nicht umgehend zusätzliche Truppen schicken.

Brandbrief an "dear minister Jung"

Die Offensive der USA in Vilnius ist gut vorbereitet. Da gab es den Brandbrief des US-Verteidigungsministers an Berlin. Auf Deutschland fokussiert forderte der US-Verteidigungsminister Robert Gates in dem anderthalb Seiten langen Schreiben an den "dear minister Jung", Deutschland solle sein Mandat von bisher 3500 Soldaten ausweiten und auch Kämpfer für den Süden bereitstellen. Berlin reagierte eindeutig und schnell. Unisono verkündete die Regierung, das Mandat nur für den Norden bleibe bestehen. Einzig 250 Soldaten als Eingreiftruppe wolle man zusätzlich schicken und mit ihnen im Norden die Norweger ablösen.

Ungeachtet der in Berliner Regierungskreisen zirkulierenden Zweifel, ob das Schreiben von Gates überhaupt als offizielle Bitte Washingtons zu verstehen war, zündelte die Bush-Administration weiter. Außenministerin Rice reiste extra nach London, um den Schulterschluss mit England zu unterstreichen. Gemeinsam mit Premierminister Brown brachte sie die Forderungen auf den Punkt: Die "Last" in Afghanistan, also der Kampf gegen die Taliban, soll verteilt werden und die Aufteilung müsse "fair" sein, betonten beide. Die Forderung der beiden Länder, die bereits viele Tote zu beklagen hatte, ist bekannt. Neu war der scharfe Ton.

Doch die Worte von Rice sollten noch nicht alles gewesen sein. Kurz vor Abflug nach Vilnius stellte sich Verteidigungsminister Gates vor einem Ausschuss des Kongresses und sinnierte offen über das Zerfallen des Nato-Bündnisses. "Ich fürchte mich sehr vor der Entwicklung, in der die Allianz in zwei Teile zerfällt", sagte Gates, "in der einige Partner zum Kampf und zur Verteidigung der Sicherheit bereit sind und einige, die dies nicht tun". Bewusst blumig fabulierte er danach über eine "dunkle Wolke", die er sehe, wenn er an die Zukunft des Bündnisses denke. Spätestens damit erreichte der Streit um mehr Truppen definitiv eine ganz neue Fallhöhe.

Beim Lunch werden also sehr unterschiedliche Wünsche aufeinander treffen, es wird ein Poker um jede noch so kleine Zusage. Zweieinhalb Stunden sind anberaumt für das Essen am runden Tisch. Jeder Minister hat seinen Nato-Botschafter im Schlepptau. Irgendwo in den Katakomben sitzt noch ein ganzer Stab, der genau lauscht, was die Chefs drinnen besprechen und der jederzeit per Zettelchen Tipps und Hintergrundinformationen liefern kann. Jedes Wort, das ist auch den Deutschen klar, ist hier sehr wichtig. In Berlin wird man in Echtzeit mitverfolgen, wie die Diskussion läuft, sowohl im Kanzler- als auch im Außenamt.

Die Linie für Jung ist klar abgesteckt: In keinem Fall aber soll er Zugeständnisse über die kleine Kampftruppe für den Norden hinaus machen. Vielmehr will der Minister in einem Vortrag die Leistungen betonen, die Deutschland am Hindukusch schon erbringt. Er wird über die "Tornado"-Mission sprechen und darüber, dass Deutschland logistisch schon oft im Süden hilft und dies noch ausbauen will. Jung wird betonen, wie viel die Bundeswehr schon geleistet hat und dass man die Arbeit im Norden, die sehr erfolgreich sei, nicht aufgeben dürfe. Viel wird von einem vernetzten Konzept von Sicherheit und Aufbau die Rede sein. Nur ab und an wird er vom Kampf reden.

Jung will selbst über jede Mission entscheiden

Jung ist bei seiner Mission in Vilnius nicht zu beneiden. Auch wenn bei dem informellen Treffen noch keine Entscheidungen erwartet werden, muss sich der Minister die ganze Kritik an Deutschland anhören. Alternativen sind jedoch bisher von der Regierung nicht ausgedacht worden. Kategorisch wird eine fest Verlegung von Truppen in den Süden ausgeschlossen, da ein solches Mandat kaum durchsetzbar wäre. Viel drängender stellt sich die Frage, wie man mit Anfragen an die schnelle Eingreiftruppe für den Süden umgeht, wenn diese erst mal vor Ort ist. Jung betonte am Mittwoch, er selber werde über jede Mission entscheiden.

In Vilnius wird es erstmal darum gehen, wieder miteinander statt übereinander zu reden. Dabei werden wohl auch Jung und sein US-Kollege unter vier Augen zusammen kommen. Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer forderte schon vor Tagen und nicht zufällig in der "Bild"-Zeitung alle Partner auf, die öffentliche Debatte zu beenden. In einem Punkt aber ist der Nato-Chef eindeutig auf der Seite der USA. Auch er betont immer wieder, dass die Afghanistan-Mission nur mit mehr Zugeständnissen aller Partner weiter zu führen ist. Dabei schließt Scheffer bewusst niemanden aus ? vor allem Deutschland nicht.

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