Besuch beim Obama-Parteitag Frau Nahles goes to America

Deutsche Politiker lieben es, zu den Conventions der US-Parteien nach Amerika zu pilgern. Dort wollen sie sich Wahlkampftricks abgucken. Bei der Krönungsmesse für Barack Obama in Charlotte ist SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles dabei - sie gibt sich ganz cool.

SPD-Generalsekretärin Nahles: Die Politiker redeten hier knapp und verständlich
REUTERS

SPD-Generalsekretärin Nahles: Die Politiker redeten hier knapp und verständlich

Aus Charlotte, North Carolina, berichtet


Es soll ja Leute geben, die glauben an Amerikas unabwendbaren Niedergang. Politisch, militärisch, wirtschaftlich, kulturell, was auch immer. So richtig rund läuft es da drüben ja auch nicht mehr, sagen sie. Viel ist dann von China die Rede, oder von Indien, Brasilien auch.

Na ja, so schlimm kann's nicht sein: In der Schule lernen die Deutschen noch immer zuerst Englisch; im Fernsehen boomen US-Serien; und weithin bekannt ist Barack Obama. Die Deutschen schauen auf Amerika: bewundernd, freundlich, irritiert, gehässig. Und viele waren schon mal da. Deutschen Politikern geht es da ganz ähnlich.

"Große Bühne, große Show, große Reden"

Für sie fällt die beste Reisezeit in jedes vierte Jahr, Spätsommer jeweils. Denn da halten Demokraten und Republikaner ihre Wahlparteitage ab. Große Bühne, große Show, große Reden. Die Deutschen teilen sich dann meist hübsch nach Parteizugehörigkeit auf: Sozialdemokraten und Grüne fahren zu den Demokraten, die Unionschristen beehren die Republikaner.

In diesem Jahr besucht SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles die Demokraten in Charlotte, in der vergangenen Wochen war ihr CSU-Kollege Alexander Dobrindt unter anderem zusammen mit CDU-Mann Peter Hintze in Tampa bei den Republikanern. Die Unionsleute hielten sich bedeckt, keine öffentliche Äußerung. Nahles dagegen lädt zum Pressegespräch.

"Selbst die Konservativen in Deutschland werden heimlich froh sein, wenn Obama gewinnt", sagt sie. Mitt Romney und seine Republikaner würden "teilweise in einem Paralleluniversum" mit geschlossenem Weltbild leben: "Das ist sehr gefährlich." Ihre Hoffnung: "Als SPD fiebern wir hart mit, dass die Obama-Regierung fortgeführt wird."

So weit, so gut. Doch jetzt müssen mal eben ein paar Ex-Generalsekretäre zu Wort kommen. Geht ganz schnell und ist erleuchtend.

Denn in früheren Jahren pflegte man nach US-Conventions stets sehr begeistert nach Good Old Germany zurückzukehren. Zum Beispiel Erwin Huber. Der führte als CSU-Generalsekretär 1988 seine weiß-blaue Polit-Truppe nach New Orleans in den Superdome zum Nominierungsparteitag vom älteren George Bush. Vom "gesunden Patriotismus" der Amis schwärmte Huber hernach: "Da fühlt man sich so richtig daheim." Und das knappe 15-Minuten-Video über den scheidenden Präsidenten Ronald Reagan, das wollte er sogleich kopieren: "So ein Film über Franz Josef Strauß, das wäre der Hammer."

Seit den neunziger Jahren zeigt man sich selbstbewusster. Der damalige CSU-Generalsekretär Markus Söder ließ zwar nach dem Besuch des Republikaner-Parteitags 2004 in New York seinem Chef Edmund Stoiber die Rednerbühne beim Politischen Aschermittwoch fortan mitten ins Publikum hineinzimmern (mittlerweile wieder abgeschafft), doch ansonsten gab er sich cool. "Bei uns zählt der Inhalt mehr als die Verpackung." Dass allerdings die Delegierten so herrlich begeistert seien, "das würde ich mir bei uns mal wünschen".

SPD: "Lecker Icetee"

Nur als Messias Obama im Jahr 2008 erschien, da war es kurzzeitig wieder vorbei mit der deutschen Distanz. SPD-Generalsekretär Hubertus Heil reiste nach Denver, nutzte ein neues Kommunikationsinstrument und twitterte sich in den Obama-Rausch. "Super" waren die Redner, Michelle Obamas Auftritt "der Kracher", und auch: "Lecker Icetee."

Nach vier Jahren und der Wandlung des Messias zum nicht fehlerlosen Präsidenten hat sich das Verhältnis der deutschen Sozialdemokratie zu den Demokraten wieder auf Normaltemperatur abgekühlt. Zu beobachten an Frau Nahles, die erst mal nahelegt, dass die Amis eine ganze Menge lernen können von den Europäern: Sie spüre Verunsicherung bei ihren Demokraten-Gesprächspartnern, die seien interessiert am deutschen Modell und "sensibilisiert für internationale Belange".

Aber was kann denn die SPD lernen von Obama und Co.? Vielleicht ein paar Dinge in Sachen Kür eines Spitzenkandidaten? "Nichts", sagt Nahles. Über Steinmeier-Steinbrück-Gabriel will sie nicht reden jetzt. "Wir haben mühsam gelernt, zusammenzuhalten, wir sind geschlossener als die anderen." Das wolle man nicht aufs Spiel setzen.

Na gut. Aber eine Anregung hat sich Nahles dann doch geholt, aus Obamas Chicagoer Wahlkampfzentrale nämlich: eine Software für die SPD-Mitglieder vor Ort. Darüber sollen sie künftig Rückmeldung geben, was beim Klinkenputzen herauskam, wie die Leute an den Haustüren auf welche Themen reagieren. Vielleicht wird das Instrument schon im Bundestagswahlkampf 2013 eingesetzt. Wo CSU-Söder einst die Idee mit der Bühne importierte, da setzt SPD-Nahles auf ein Computerprogramm.

Und weiter: Die Politiker redeten hier knapp und verständlich, sagt sie. In Deutschland gebe man sich zu oft einem "Kauderwelsch" hin, als würde man zu Professoren sprechen. Nur der "Seelenstriptease", das "Durchröntgen" der Politiker, die Show mit Partnern, Kindern, Großeltern auf der Bühne, das sei nichts für Deutschland. Michelle Obamas Liebeserklärung am Vorabend? "Na ja", sagt Nahles, "das ganze Geknatsche mit Love und so, nee."

Nahles gefallen die SPD-Parteitage eigentlich so, wie sie sind. "So eine Big Show hatten wir vielleicht nicht", gesteht sie zu: "Aber beim letzten Mal hatten wir Helmut Schmidt".



insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
erpo 06.09.2012
1. Gegen die Worthülsen der deutschen
Politiker ist das in USA natürlich knapp und verständlich.
wynkendewild 06.09.2012
2.
Dann kann man sich ja schon darauf einstellen was Deutschland blüht falls Obama wiedergewählt und die SPD als stärkste Kraft aus der Wahl im Jahr 2013 hervorgehen sollte.
heinzjürgenneu 06.09.2012
3. Das haben wir gebraucht
und dann gleich noch eine Pressekonferenz Oh Oh Frauh Nahles! Im ganzen Leben nur Politik gemacht und jetzt Ratschläge geben. Wer bezahlt das eigentlich alles?
senkodan 06.09.2012
4. Wer hat den die Reise in die USA finanziert?
Man fragt sich doch ob Frau Nahles den Flug selber bezahlt hat oder ob dieser 'absolut notwendige' Besuch (inkl. möglicherweise 1. Klasse Flug und passabler Unterkunft, etc.) aus der SPD Kasse (also aus Steuergeldern) finanziert wurde.
Kurt Köster 06.09.2012
5.
Zitat von senkodanMan fragt sich doch ob Frau Nahles den Flug selber bezahlt hat oder ob dieser 'absolut notwendige' Besuch (inkl. möglicherweise 1. Klasse Flug und passabler Unterkunft, etc.) aus der SPD Kasse (also aus Steuergeldern) finanziert wurde.
Freuen Sie sich nicht zu früh, Andrea hat das alles aus eigener Tasche bezahlt und ist Economy geflogen. Ich habe eben im Willy-Brandt-Haus angerufen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.