Ukraine-Boykott der Politik Stell Dir vor, es ist EM...

Die Boykott-Aufrufe gegen die Europameisterschaft zeigen Wirkung: Das Fußballfest in Polen und der Ukraine startet fast ohne Berliner Polit-Prominenz. Auch andere Länder bleiben den Spielen aus Protest gegen die Regierung Janukowitsch in Kiew fern.
EM-Spielball im Kiewer Stadion: Deutsche Politiker bleiben den Partien weitgehend fern

EM-Spielball im Kiewer Stadion: Deutsche Politiker bleiben den Partien weitgehend fern

Foto: Thomas Eisenhuth/ dpa

Berlin/Kiew - Kanzler Helmut Kohl reiste einst zur National-Elf nach Mexiko und Italien, Bundespräsident Johannes Rau zeigte sich gut gelaunt auf der WM-Tribüne in Japan, und Angela Merkel jubelte mit den deutschen Spielern in Österreich und Südafrika - in den vergangenen Jahrzehnten gehörte der Spitzenpolitiker-Besuch zu den Ritualen einer jeden Fußball-Meisterschaft. Die Besuche waren eine Win-Win-Situation für Polit-Prominenz und Gastgeber: Alle konnten sich im Glanz der Mannschaften sonnen, zugleich wurde etwas für die Völkerverständigung getan. Wie schön.

Doch diesmal ist es anders: Die unzähligen politischen Boykott-Aufrufe gegen die EM zeigen offenbar Wirkung. Beim Anpfiff des Eröffnungsspiels am Freitag in Warschau wird kein hochrangiger deutscher Offizieller anwesend sein. Die Bundesregierung ist nur durch Botschafter Hans-Jürgen Heimsoeth vertreten. Auch SPD-Chef Sigmar Gabriel wird wohl im Stadion sein, allerdings besucht er das Eröffnungsspiel im Anschluss an politische Gespräche in Polen privat und auf eigene Kosten.

Für die drei Spiele der Mannschaft von Bundestrainer Jogi Löw in der Vorrunde, die allesamt in der Ukraine stattfinden, ist bisher nicht mit prominenten politischen Zuschauern aus Deutschland zu rechnen.

Auch später wird der Wettbewerb der besten europäischen Nationalmannschaften in Polen und der Ukraine wohl weitgehend ohne politische Prominenz aus Berlin stattfinden. Wegen der politischen Situation in der Ukraine, wo Ex-Regierungschefin Julija Timoschenko und andere ehemalige Kabinettsmitglieder unter schlechten Bedingungen im Gefängnis sitzen, will sich bisher kaum ein bekannter Politiker bei der EM blicken lassen.

Für Ukraines Präsident Wiktor Janukowitsch und seine Gefolgsleute ist das sehr ärgerlich. Doch Janukowitsch wollte es offenbar nicht anders. Die Bundesregierung bemüht sich seit Monaten um die Ausreise der kranken Ex-Regierungschefin Timoschenko, damit ihr Bandscheibenvorfall an der Berliner Charité behandelt werden kann - ohne Erfolg. Deutsche Ärzte zweifeln daran, ob ihre Heilung in der Ukraine möglich ist. Timoschenko war wegen Amtsmissbrauchs zu sieben Jahren Haft verurteilt worden, sie selbst bezeichnet das Urteil jedoch als politisch motiviert. Im Frühjahr protestierte sie mit einem Hungerstreik gegen Misshandlungen in der Haft.

Merkel auf Kurzbesuch im Trainingslager

Kanzlerin Merkel dürfte die Fußball-Abstinenz besonders schwerfallen, gilt die Regierungschefin doch als großer Fan - und manchem Nationalspieler nach ihren Besuchen bei vergangenen Turnieren sogar als Glücksbringerin. So hatte Merkel bei der EM 2008 in Österreich und der Schweiz auch Vorrunden-Spiele der deutschen Mannschaft besucht.

Wie stets behält sich die Kanzlerin vor, ihre Pläne für Besuche von Spielen bei Fußball-Europameisterschaften oder -Weltmeisterschaften erst kurzfristig zu veröffentlichen. Ganz ausgeschlossen ist es deshalb nicht, dass Merkel doch zu einer Partie erscheint, etwa wenn die Deutschen bei entsprechendem Turnierverlauf zum Viertelfinale im Nachbarland Polen antreten. Das wäre politisch natürlich weniger bedenklich als ein Trip in die Ukraine. Die CDU-Chefin ließ es sich jedenfalls nicht nehmen, Löws Spielern am Mittwoch schon einmal einen Kurzbesuch im Danziger Trainingslager abzustatten.

Im Kabinett, so ist zu hören, hat man über die heikle EM-Thematik nicht gesprochen - dennoch scheint die Linie der Bundesregierung klar zu sein. Selbst Innen- und Sportminister Hans-Peter Friedrich hat für die Vorrundenspiele abgesagt. Allerdings schließt der CSU-Politiker nicht aus, sich gegebenenfalls ein Halbfinale mit deutscher Beteiligung oder das Endspiel in der ukrainischen Hauptstadt Kiew anzuschauen.

Das gilt wohl generell: Wenn Deutschlands Nationalteam die Vorrunde übersteht, könnte der eine oder andere Regierungsvertreter doch noch kurzfristig zu einem Spiel in Polen anreisen.

Keine Abgeordneten-Reisen bekannt

Von den Vorsitzenden der fünf Bundestagsfraktionen plant bisher keiner den Besuch einer EM-Partie. Und nicht einmal Mitglieder des Sportausschusses werden live im Stadion sein - anders als bisher geplant: Eigentlich wollten sie gemeinsam mit Mitgliedern des entsprechenden polnischen Ausschusses ein Spiel besuchen. Doch die Einladung aus Warschau wurde kurzfristig zurückgezogen, weil man keine Tickets mehr bekommen habe, so die offizielle Erklärung.

Ansonsten sind bislang keine offiziellen Besuchspläne von Bundestagsabgeordneten bekannt. "Uns liegen keine Delegations- oder Einzelreise-Anträge vor", heißt es aus dem Büro von Parlamentspräsident Norbert Lammert, der diese genehmigen müsste. Damit kann allerdings nicht ausgeschlossen werden, dass einzelne Bundestagsabgeordnete privat einzelne Spiele der Fußball-EM besuchen.

Mit seiner klaren Haltung steht Deutschland nicht allein in Westeuropa: Erst kürzlich kündigte Frankreichs Regierung an, die Fußball-EM politisch zu boykottieren. Zuvor hatte Präsident François Hollande bereits erklärt, dass er nicht in die Ukraine fahren wolle. "Ich liebe Fußball, aber was in der Ukraine passiert, ist ein Problem", sagte der sozialistische Staatschef am Rande des EU-Gipfels in Brüssel. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso hat ebenfalls angekündigt, nicht zu dem Turnier zu reisen.

Auch die Regierungen in Brüssel und Wien wollen die Fußball-EM boykottieren, allerdings sind die Teams aus Belgien und Österreich ohnehin nicht für das Turnier qualifiziert. Anders die Niederlande - dort ist die Haltung der Regierung noch unklar.

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