Deutsche Reaktionen "Putin war in einem grauenhaften Dilemma"

Nach Überzeugung der Bundesregierung sind allein die Terroristen für den blutigen Ausgang des Geiseldramas in der nordossetischen Stadt Beslan verantwortlich. Eine politische Lösung sei nicht möglich gewesen.


Bonn/Berlin - Bundeskanzler Gerhard Schröder erklärte am Samstag in Bonn zum Abschluss der Kabinettsklausur: "Die Verantwortung tragen skrupellose Terroristen." Ratschläge an die Adresse Putins, wie eine politische Lösung des Konflikts aussehen könnte, hält er deswegen für nicht angebracht: "Ich glaube nicht, dass man mit Terroristen, die Kinder, die in panischer Angst fliehen, in den Rücken schießen, reden kann." Schröder bekräftigte das Angebot an Russland, medizinische Hilfe zur Verfügung zu stellen, und verwies dabei insbesondere auf das fliegende Lazarett der Bundesluftwaffe.

Auch Außenminister Joschka Fischer sprach von einem furchtbaren Verbrechen: "Die Betroffenheit unter den Kabinettsmitgliedern war sehr sehr groß". Der außenpolitische Grünen-Fraktionssprecher Ludger Vollmer äußerte Verständnis für das Verhalten des russischen Präsidenten in dem Geiseldrama. Im Inforadio Berlin-Brandenburg sagte Vollmer, angesichts der Gewaltbereitschaft der Geiselnehmer sei eine friedliche Lösung in Besan praktisch ausgeschlossen gewesen. Ein Nachgeben sei ebenfalls ausgeschlossen gewesen, denn es wäre die Aufforderung gewesen, noch mehr Kinder und Säuglinge als Geiseln zu nehmen.

"Putin konnte sich auf so etwas nicht einlassen ... Er war in einer Zwickmühle, in einem grauenhaften Dilemma, und wir sollten uns mit vorschnellen Urteilen etwas zurückhalten", sagte der frühere Staatsminister im Auswärtigen Amt. In Tschetschenien sah Vollmer inzwischen vor allem Kräfte von außen am Werk, zu denen er auch das Terrornetzwerk al-Qaida zählte.

Der außenpolitische CDU/CSU-Fraktionssprecher Friedbert Pflüger nannte es in einem NDR-Interview wichtig, dass Putin mit einigem Abstand zu dem Drama einsehe, dass der Tschetschenienkonflikt doch nicht nur eine Angelegenheit Russlands sei. Spätestens seit er islamisiert worden sei und es dort auch arabische Kämpfer und arabisches Geld gebe, sei es ein internationaler Konflikt, und Putin sollte vielleicht doch endlich die Angebote der internationalen Staatengemeinschaft annehmen, an einer friedlichen Lösung mitzuarbeiten.

Pflüger warnte davor, alle Tschetschenen in die Terrorismus-Ecke zu stellen. Wichtig sei, dem Terrorismus die harte Faust zu zeigen und zugleich den Gutwilligen den Dialog anzubieten.

Der SPD-Außenpolitiker Gernot Erler zeigte sich besorgt, dass Putin seine Tschetschenien-Politik auch nach der Geiselnahme nicht substanziell verändern werde. Die Zustimmung der russischen Öffentlichkeit zur Politik der harten Hand werde sicher noch zunehmen, sagte Erler der "Berliner Zeitung". Deutschland und die EU müssten in Russland weiter für eine besonnene Korrektur dieser Politik werben.

Der Essener Terrorismusforscher Rolf Tophoven machte im NDR auf die Ursprünge der Verbindung zwischen Freiheitskämpfern und Bin-Laden-Terroristen aufmerksam: Im Kampf gegen die ehemalige Sowjetunion in Afghanistan hätten sie Seite an Seite gekämpft mit Leuten, die Bin Laden nahe stünden. "Von daher rührt die islamitische Kameraderie zwischen Tschetschenen und anderen arabisch-moslemischen militanten Terroristen", sagte Tophoven.



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