Deutsche Unternehmer im Irak Das Geschäft mit der Angst

Deutsche Geschäftsleute geben viel Geld aus, um sich vor Entführungen und Anschlägen im Irak zu schützen. Ein Dormagener Personenschützer macht im Zweistromland gute Geschäfte. Seine Branche dürfte nach den jüngsten Entführungsfällen weiter wachsen.

Von


Berlin - Die Angst fährt immer mit. Wenn Personenschützer Uwe Krätzl Geschäftsleute im Irak eskortiert, weiß er, dass jeder Fehler tödlich sein kann. "Gerade Firmenvertreter, die zuvor noch nie im Irak waren, haben Anfangs große Furcht und müssen deshalb gut von uns geschult werden", sagt Krätzel im Telefongespräch mit SPIEGEL ONLINE. Vor allem gelte es, nicht unnötig aufzufallen.

 Anschlag in Irbil: Ständige Gefahr
AP

Anschlag in Irbil: Ständige Gefahr

Die Entführung der Deutschen Susanne Osthoff und ihres irakischen Fahrers hat auch hierzulande noch einmal ein Schlaglicht auf den risikoreichen Einsatz im Irak geworfen. Wer kann, fährt nicht ohne Personenschutz durch das Land. Mehrere Dutzend deutsche Sicherheitsexperten sind nach Angaben des Bundesverbandes Deutscher Wach- und Sicherheitsunternehmen im Irak tätig, vor allem für US-Firmen.

Derzeit arbeitet Krätzel, Chef eines Dormageners Sicherheitsunternehmens, vor allem im kurdisch geprägten Nordirak. Hier haben laut dem Präsidenten der deutsch-irakischen Mittelstandsvereinigung, Gelan Khulusi, viele der etwa 20 deutschen Unternehmen, die im Irak mit deutschem Personal aktiv sind, ihr Büro. Die zwei prominentesten Vertreter der deutschen Wirtschaft dürften Siemens und das Bauunternehmen Züblin sein.

"Auch, wenn das Kurdengebiet relativ sicher ist, empfehlen wir unseren Mitgliedern natürlich Personenschutz", sagt Khulusi. Er betreut deutsche Geschäftsleute, die im Irak auf Profite hoffen. Beliebtester Standort der deutschen Unternehmer ist laut Khulusi eine christliche Enklave im Kurdengebiet.

Doch auch dort kann es zu Überfällen von Kriminellen und Terroristen kommen. Ein Siemens-Sprecher betont deshalb: "Der Schutz der Mitarbeiter hat oberste Priorität. Wir beobachten die Lage sehr sensibel und reagieren flexibel."

Für einen Tag: 450 Dollar, zuzüglich Spesen

Tatsächlich geizen die deutschen Firmen nicht, wenn es um die Sicherheit ihrer Mitarbeiter geht: So kostet etwa ein "Rundum-Personenschutz", inklusive Abholung von der Grenze oder dem Flughafen, bei Krätzel 450 Dollar pro Tag, "zuzüglich Spesen". Doch einen hundertprozentigen Schutz vor Anschlägen und Entführungen gibt es nicht - das weiß auch Krätzel: "Durch eine gute Ausbildung lässt sich das Risiko für die Mitarbeiter aber erheblich reduzieren." Deshalb bietet er auch Sicherheitsschulungen an. Wie eine solche "Ausbildung" aussieht, wollte er zum Schutz seiner Kunden allerdings nicht verraten.

Deutsche Unternehmen haben laut dem Iraker Khulusi ein "besonders hohes" Sicherheitsbedürfnis. "Aus anderen Ländern wie etwa Korea oder Frankreich sind ein Vielfaches an Unternehmen im Irak präsent." Und er ergänzt: "Doch die Deutschen haben Angst". Die Entführung von Susanne Osthoff werde die Vorbehalte deutscher Unternehmer weiter bestärken.

Deutsche bleiben im Irak

Nach Krätzels Meinung habe sich die Situation für Deutsche im Irak nach der Entführung Osthoffs nicht verändert. "Es war schon lange klar, dass es auch uns treffen kann", kommentiert er trocken. Für Bagdad-Besuche rät er seinen Kunden sich möglichst "leger" zu kleiden, und "Anzüge, beziehungsweise alle anderen Dinge, die nach Geschäftsmann aussehen", im Hotel zu lassen. Es bringe aber nichts in Panik zu verfallen und "in jedem Auto einen Selbstmordattentäter zu wittern".

Einige Hundert Deutsche befinden sich laut der deutsch-irakischen Mittelstandsvereinigung derzeit im Irak - allein in Bagdad seien es 100. Das Auswärtige Amt geht dagegen von etwa Hundert deutschen Staatsbürgern im gesamten Irak aus. "Die meisten davon sind aus familiären Gründen im Land", sagt eine Sprecherin. Der Großteil von ihnen wird wohl trotz der Osthoff-Entführung im Zweistromland bleiben. "Wer jetzt noch da ist, kennt das Risiko", sagt eine Exil-Irakerin, die engen Kontakt mit Deutschen im Irak hat.

"Unterschied zwischen Mut und Tollkühnheit"

Die großen Hilfsorganisationen wie die "Ärzte ohne Grenzen", oder das Deutsche Rote Kreuz haben sich dagegen aus dem Irak komplett zurückgezogen oder arbeiten "nur" mehr mit irakischen Partnern vor Ort zusammen. Rupert Neudeck, von Cap Anamur, sagt: "Es gibt meiner Meinung nach einen Unterscheid zwischen Mut und Tollkühnheit." Seine Organisation habe deshalb bereits im vergangen Jahr den Irak verlassen.

Als eine der letzten Hilfsorganisationen brach "CARE" Ende 2004, nach der Entführung und Ermordung ihrer Mitarbeiterin Margaret Hassan, ihre Zelte im Irak ab. Nur eine "kleinere" Hilfsorganisation des "Aktionsbündnises Deutschland Hilft" (ADH) - zu dem neben CARE unter anderem die Arbeiterwohlfahrt und der Malteser Hilfsdienst gehören - befindet sich laut ADH-Sprecherin Maria Rüther, noch im Irak. Rüther: "Deren deutsche Mitarbeiter werden auch nach den jüngsten Vorfällen bleiben".

Die Zahl der im Irak engagierten deutschen Unternehmen dürfte nach Khulusis Meinung dagegen zumindest mittelfristig weiter steigen. Neben Kurdistan steht dabei auch Bagdad im Mittelpunkt des Interesses. Damit rechnet auch Personenschützer Krätzel: Der Dormagener will ab Januar drei bis vier Mal pro Woche gepanzerte Konvois von Kurdistan in die Hauptstadt anbieten.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.