Deutschenbild in Griechenland "Ruf doch mal Frau Merkel an"

Man glaubte sich zu kennen, doch das ist vorbei: Seit der Euro-Krise ist das Verhältnis von Deutschen und Griechen zerrüttet. Das spürt auch die Lehrerin Birgit Knickenberg-Houssios, die Westfälin lebt nördlich von Athen. Viele ihrer Schüler wollen auswandern - ausgerechnet in die Bundesrepublik.

Lehrerin Knickenberg-Houssios: "Die Hilfen stehen uns zu"
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Lehrerin Knickenberg-Houssios: "Die Hilfen stehen uns zu"

Aus Volos berichtet


Vor einigen Tagen war Birgit Knickenberg-Houssios beim Bäcker. Der Mann hatte viel zu tun, er war schweißgebadet. "Sag mir bitte", fragte er seine Kundin, "sehe ich aus wie ein Faultier?"

Solche Anspielungen hört Knickenberg neuerdings häufiger. Seit 25 Jahren lebt die gebürtige Westfälin in Volos, einer idyllischen Küstenstadt etwa 300 Kilometer nördlich von Athen. In der umliegenden Region Magnesien leben mehrere tausend Deutsche. Sie wurden freundlich aufgenommen, sie sind integriert.

Doch neuerdings steht dieser Vorwurf im Raum, der auch den Bäcker beschäftigte: Die Griechen sind faul - und sie schulden den Deutschen Geld.

Die Wahrnehmung von Deutschen in Griechenland hat sich verändert. Das merkt auch Knickenberg, die mit einem Griechen verheiratet ist und in Volos eine deutsche Sprachschule führt. Anfeindungen spürt die 53-Jährige aber nicht - auch weil sie das Schicksal der Griechen teilt. In der Krise ist die Zahl ihrer Schüler um gut die Hälfte eingebrochen. Wenn es dieses Jahr nicht besser wird, will sie ihre Schule schließen - nach 20 Jahren.

Wenn man sie auf die Finanzhilfen für Griechenland anspricht, sagt die Lehrerin, "dass uns die Hilfen zustehen".

80 Prozent der Griechen finden Merkel unsympathisch

Doch in Knickenbergs alter Heimat sehen das viele anders. Wie kein anderer europäischer Regierungschef zögerte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit der Zusage von Hilfen für Griechenland und pochte dann auf strenge Konditionen. Schon früh in der Krise wandte sich deshalb eine Nachbarin an Knickenberg. Ob sie Merkel nicht einmal anrufen könne, lautete die ernstgemeinte Bitte. "Ich sollte sagen, dass sie uns helfen und uns nicht fallenlassen soll."

Mittlerweile ist Merkel laut einer Umfrage mehr als 80 Prozent der Griechen unsympathisch. Dass die Kanzlerin bei der Euro-Rettung selbst eine Getriebene ist, die Finanzhilfen gegen deutlichen Widerstand in ihrer eigenen Koalition durchsetzen musste - solche Details sind in Griechenland nicht unbedingt bekannt.

Doch durch große Differenziertheit zeichnete sich gerade zu Beginn der Krise auch die deutsche Debatte nicht aus. "Ihr griecht nix von uns" - mit solchen Schlagzeilen wetterte die "Bild"-Zeitung monatelang gegen das Land. Der "Focus" druckte gar eine Aphrodite mit Stinkefinger aufs Cover.

In Griechenland sorgten die Berichte für Entsetzen. Hier fühlten sich bislang viele dem Land nah, in das in den Sechzigern Zehntausende als Gastarbeiter gingen. "Die kennen uns, wir haben doch in Deutschland gearbeitet", beschreibt Knickenbergs Mann Jannis die Gefühle seiner Landsleute. Der 57-Jährige hat Architektur in Stuttgart studiert, er vermisst es bis heute, Schwäbisch zu sprechen.

"In wenigen Monaten geht alles den Bach runter"

Der neue Ton wurde in Griechenland sofort registriert, deutsche Medien werden genau verfolgt. Auch der neue SPIEGEL-Titel ist Gesprächsthema. Wenn eine deutsche Zeitung eine Exklusivmeldung zu Griechenland bringt, wird in den griechischen Medien oft nicht nur der Inhalt, sondern sogar der Name des Journalisten erwähnt.

Darüber hinaus kommen in den heimischen Medien häufig Deutsche zu Wort, etwa Martin Knapp. Seit Beginn der Krise saß der Geschäftsführer der deutsch-griechischen Industrie- und Handelskammer (AHK) rund 15-mal in Talkshows und versuchte, den Griechen die deutsche Position zu erklären. Knapp lebt mit Unterbrechungen seit 33 Jahren in Griechenland, er hat Griechisch studiert, in den Notizen auf seinem Schreibtisch wechseln sich lateinisches und griechisches Alphabet ab. Wenn jemand zwischen beiden Seiten vermitteln können sollte, dann er.

Doch auch der 53-Jährige stößt in diesen Tagen an seine Grenzen: "Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten für eine Institution, die sich seit 87 Jahren mit der Verbesserung der deutsch-griechischen Beziehungen beschäftigt", sagt Knapp. "Und innerhalb weniger Monate geht alles den Bach runter."

Dabei glauben auch die meisten Griechen, dass ihr Land nicht so weitermachen kann wie bisher. Es ist vor allem der Ton aus Deutschland, der die stolzen und deutlich weniger direkten Südeuropäer verärgert. In diesen Ärger mischt sich die Frage, ob gerade Deutschland so forsch auftreten sollte.

"Merkel ist eine kaltblütige Schlange"

Zwei Botschaften kommen immer wieder aus Berlin: Schluss mit Korruption und Vetternwirtschaft, lautet die erste. Oder, um es mit der in diesem Fall besonders direkten Kanzlerin zu sagen: "Ihr müsst euch ehrlich machen." Die zweite Botschaft: Verliert bloß nicht das Geld, das wir euch geliehen haben.

Doch der Ruf nach mehr Ehrlichkeit scheint so manchem Griechen unglaubwürdig, nachdem deutsche Firmen wie Siemens in Griechenland bei Bestechungen im großen Stil erwischt wurden. "Sieben größere Skandale sind bekannt geworden, und leider stehen bei allen deutsche Firmen im Mittelpunkt", sagt AHK-Geschäftsführer Knapp.

Noch unwilliger sehen viele Griechen den deutschen Ruf nach Sparsamkeit. Denn aus ihrer Sicht schuldet Deutschland den Griechen noch viele Milliarden. Es geht um Reparationszahlungen für die deutsche Besatzungszeit. Zwischen 1941 und 1944 wurde die griechische Wirtschaft konsequent von den nationalsozialistischen Besatzern ausgebeutet. Es kam zu Hungersnöten, als Vergeltung für den Widerstand von Partisanen löschten die Deutschen ganze Dörfer aus. Über eine Entschädigung für die Gräueltaten wurde wiederholt erfolglos verhandelt.

Auch Birgit Knickenberg-Houssios wurde von älteren Griechen auf die Nazi-Verbrechen angesprochen, als sie vor 25 Jahren nach Volos kam. Vorwürfe habe es damals nicht gegeben. Nun aber weckt das Thema wieder heftige Emotionen. "Was ist Merkel für eine kaltblütige Schlange", schimpft eine Passantin in Athen. "Statt Reparationszahlungen zu leisten, ist sie nur imstande, die Griechen zu verurteilen."

Eine neue Generation von Gastarbeitern

Vor allem der Eindruck, die Deutschen fühlten sich moralisch überlegen, stört die Griechen. Deshalb habe der Siemens-Skandal auch für Erleichterung gesorgt, erzählt eine deutsche Nachbarin von Knickenberg, die ebenfalls mit einem Griechen verheiratet ist. "Es hat gut getan, das es auch mal eine deutsche Firma gibt, die korrupt ist."

Mit ihren Schülern diskutiert Knickenberg so gut wie nie über die deutsch-griechischen Auseinandersetzungen, dazu fehlt wohl auch die Muße. Die jungen Menschen wollen vor allem schnell die Sprache lernen, um dann in Deutschland einen Job zu suchen. Gerade in der Krise verbindet sich Deutschland für Griechen auch wieder mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Die nächste Generation von Gastarbeitern steht in den Startlöchern.

Auch die drei Kinder von Birgit Knickenberg-Houssios zieht es nach Deutschland, die 18-jährige Anna geht dieses Jahr zum Studium nach Münster. Vater Jannis unterstützt die Pläne. Für ihn ist die Krise bei allem Ärger ein Beleg dafür, dass die europäische Solidarität funktioniert. "In dem Moment, wo wir in die Pleite gehen, springen die anderen ein und helfen uns."

Mitarbeit: Ferry Batzoglou



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Seite 1
ewspapst 18.06.2011
1. Märchen
Kanzlerin Merkel rechnet damit, dass die Banken sich auch ohne Zwang an der Griechenland-Hilfe beteiligen. Ich war immer der Meinung, dass uns die Brüder Grimm alle Märchen presentiert hatten, dieses jedoch noch nicht. Frau Merkel hat nicht recht, dass sie auf die Dummheit des Volkes hofft, wie hier manche Foristen schreiben. Sie hat die Gewissheit, dass das Volk durch jahrzehnte lange BILDung dumm geworden ist und so etwas alternativlos finden muss und applaudiert. Ich bin mir gewiss, dass Volk wird sich nicht wehren gegen Zwangs-Steuerzahlungen und freiwiliig zahlen , wie die Banken.
Das Kombinat 18.06.2011
2.
Zitat von ewspapstKanzlerin Merkel rechnet damit, dass die Banken sich auch ohne Zwang an der Griechenland-Hilfe beteiligen. Ich war immer der Meinung, dass uns die Brüder Grimm alle Märchen presentiert hatten, dieses jedoch noch nicht. Frau Merkel hat nicht recht, dass sie auf die Dummheit des Volkes hofft, wie hier manche Foristen schreiben. Sie hat die Gewissheit, dass das Volk durch jahrzehnte lange BILDung dumm geworden ist und so etwas alternativlos finden muss und applaudiert. Ich bin mir gewiss, dass Volk wird sich nicht wehren gegen Zwangs-Steuerzahlungen und freiwiliig zahlen , wie die Banken.
Wo sehen Sie Anzeichen dafür, daß es ein "Notopfer Griechenland" geben wird? Ich sehe dafür keine Anzeichen.
marant 18.06.2011
3. ttt
Zitat von ewspapstKanzlerin Merkel rechnet damit, dass die Banken sich auch ohne Zwang an der Griechenland-Hilfe beteiligen. Ich war immer der Meinung, dass uns die Brüder Grimm alle Märchen presentiert hatten, dieses jedoch noch nicht. Frau Merkel hat nicht recht, dass sie auf die Dummheit des Volkes hofft, wie hier manche Foristen schreiben. Sie hat die Gewissheit, dass das Volk durch jahrzehnte lange BILDung dumm geworden ist und so etwas alternativlos finden muss und applaudiert. Ich bin mir gewiss, dass Volk wird sich nicht wehren gegen Zwangs-Steuerzahlungen und freiwiliig zahlen , wie die Banken.
... wenn man wie durch für ersetzt, dann um so weniger, ist halt nicht so populistisch.
Papillon2 18.06.2011
4. Euro-kann Griechenland in der Währungsunion bleiben
Die EU hat bei der Aufnahme Griechenlands gravierende Fehler begangen und nicht genau die abgelieferten Daten geprüft.Zu dem ganzen Desaster gehören aber immer 2.Einer,der nicht genau hinschaut und die Griechen,deren List und Tücke seit Odysseus bekannt sind.Um einen vernünftigen Schnitt,also Schuldenerlaß wird man nicht herumkommen unter Beteiligung der Privatwirtschaft,notfalls auch mit Zwang.Die Griechen sollten danach selber neu abstimmen über einen weiteren Verbleib in der EU.Es müssen ja nicht unbedingt alle mitmachen genauso wie es die Schweiz und England vormachen.
Transmitter, 18.06.2011
5. Notopfer?
Zitat von Das KombinatWo sehen Sie Anzeichen dafür, daß es ein "Notopfer Griechenland" geben wird? Ich sehe dafür keine Anzeichen.
Wenn GR crasht (Staatsbankrott) sind die Deutschen IMMER ein paar hundert Milliarden los wegen GR-Hilfe I, GR-Rettungsschirm, IWF-Beteiligung D, EZB-Beteiligung D. Kann jedermann ganz einfach nachrechnen. Was wäre das dann? Etwa kein "Notopfer Griechenland"?
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