Deutscher Afghanistan-Einsatz Bundesregierung fürchtet weitere Anschläge

Spitzenbeamte der Bundesregierung sehen die Gefahrenlage für die Bundeswehr in Afghanistan düsterer denn je. Die Soldaten geraten wegen des Tornado-Einsatzes ins Visier der Taliban, büßen ihren guten Ruf ein - das neue Attentat vom Freitag bestätigt: Weitere Anschläge sind wahrscheinlich.

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Berlin - Es war mehr Glück als Verstand, dass die sechsköpfige Besatzung von zwei schweren "Wolf"-Panzerwagen in der afghanischen Hauptstadt Kabul noch am Leben ist. Am Freitag waren fünf Soldaten und ein deutscher Journalist vom Rollfeld des militärischen Flughafens gekommen, hatten den schwer gesicherten Checkpoint der belgischen Isaf-Truppen am Eingang passiert - da rammte plötzlich ein dunkelgrauer Toyota Corolla den ersten Wagen. Wie aus Reflex gab der Fahrer Gas, und die beiden Fahrzeuge rollten vom Unfallort weg.

Tatort nahe des Flughafens Kabul: Aus Reflex einfach Gas gegeben
REUTERS

Tatort nahe des Flughafens Kabul: Aus Reflex einfach Gas gegeben

Nur Sekunden später hörten die Soldaten knapp hinter ihnen die Explosion, die eigentlich ihnen gegolten hatte. Weil er offenbar nicht mehr weiterwusste, hatte der Attentäter in dem Corolla seine Sprengladung gezündet.

So heftig war die Detonation, dass auf dem Flughafen selbst die tonnenschweren Passagier-Jets durchgeschüttelt wurden. Zwei afghanische Soldaten, die am Checkpoint mit Kameraden warteten, starben durch die Splitter der Bombe, mehrere andere Personen wurden verletzt. Selbst der stark gesicherte "Wolf" wurde stark beschädigt, ein deutscher Soldat gar leicht verletzt. Trotzdem konnten die Deutschen noch umgehend mit den Panzerwagen in ihr Camp zurückkehren.

"Es hätte schlimm ausgehen können"

Dass die Attacke den Deutschen galt, stand schnell fest. Selbst das Verteidigungsministerium, aus dem sonst wenig zu erfahren ist, gab schnell zu, dass der Attentäter offenbar gezielt auf die deutschen Wagen zielte - und nur durch einen Zufall nicht erfolgreich war. Dass die "Wolf"-Fahrzeuge der Explosion standgehalten hätten, will keiner der leitenden Offiziere in Kabul mit Garantie behaupten. "Es hätte schlimm ausgehen können", sagt einer, der eigentlich nicht mit der Presse reden darf. Nach dem tragischen Tod von drei Personenschützern des deutschen Botschafters Mitte August hätte die Bundesrepublik dann erneut Tote in Afghanistan zu beklagen gehabt.

Kurz nach dem Anschlag bekannte sich einer der Taliban-Sprecher zu dem Anschlag und nannte als Motiv Rache an den deutschen Truppen - doch schon vorher fühlten sich in Berlin Mitglieder der Bundesregierung in ihren schlimmsten Befürchtungen bestätigt. "Wir haben mit solchen Anschlägen gerechnet", sagte ein Spitzenbeamter SPIEGEL ONLINE. "Wir müssen weitere Attacken wie diese einkalkulieren." Die Einschätzung: Noch in diesem Jahr könnten in Afghanistan weitere Bundeswehrangehörige, deutsche Polizisten oder Wiederaufbauhelfer bei Anschlägen getötet werden.

Die Analyse der Regierung ist abseits der offiziellen Äußerungen düsterer denn je. Die Bundeswehr hat demnach seit dem Start des Tornado-Einsatzes als Unterstützung für die Schutztruppe Isaf ihren bisher guten Ruf eingebüßt. "Die Taliban und viele normale Afghanen sehen die Bundeswehr als Mittäter bei den Bombardements, bei denen viele Zivilisten sterben", sagte der Spitzenbeamte, der mehrmals im Jahr nach Afghanistan reist. Dass die Tornados nur Fotos machen, betonen deutsche Politiker zwar immer wieder - doch dies sei in Afghanistan schlicht nicht vermittelbar. "Wir sind in Afghanistan Mittäter bei den Angriffen", sagte der Experte.

In Afghanistan führen die massiven Bombenangriffe der Isaf mittlerweile zu Kritik von allen Seiten und wütenden Protesten auf den Straßen. Immer wieder kamen in den vergangenen Monaten bei den Einsätzen Dutzende Zivilisten ums Leben, mehrmals hat Präsident Hamid Karzai die Nato zu mehr Präzision aufgefordert. In einem Fall gestand die Bundeswehr sogar ein, mit einem Tornado-Jet vor einem besonders schweren Bombardement in der gleichen Region aufgeklärt zu haben. Grundsätzlich aber sind die Jets nicht direkt an laufenden Einsätzen beteiligt, weil die Kameras ihre Bilder nicht während des Flugs übertragen können.

Aufbauhelfer hinter Panzerglas

Für die Bundeswehr bedeutet die aktuelle Analyse ein Dilemma. Auf der einen Seite sollen die Soldaten stark mit den Afghanen arbeiten und das Vertrauen der lokalen Bevölkerung gewinnen. Sicherheitswarnungen aber zwingen die Soldaten immer häufiger, die Lage nur noch durch die gepanzerten Scheiben ihrer Fahrzeuge zu beobachten. Die Sicherheitsmaßnahmen erzeugen nach Ansicht leitender Offiziere einen Teufelskreis. "Wir brauchen für unsere Lageeinschätzung besonders die Hinweise und das Vertrauen der Bevölkerung", sagt ein Soldat im nordafghanischen Kunduz. "Jetzt aber sind wir abgeschnitten davon."

Attentate wie am Freitag haben auch für die politische Diskussion in Deutschland schwer kalkulierbare Folgen. Im Herbst soll der Bundestag über die drei Afghanistan-Mandate abstimmen - das für die Schutztruppe von 3000 Mann, für den Tornado-Einsatz von 500 Soldaten und für den Marschbefehl für 100 Elitekämpfer des Kommandos Spezialkräfte (KSK). Weitere deutsche Tote und Anschläge dürften die Wackelkandidaten in der SPD verunsichern.

Kanzlerin Merkel hat allerdings keine Wahl. Sie weiß, dass die Absage auch nur eines Mandats vor allem die USA massiv verärgern würde. Das Risiko von Anschlägen muss sie notgedrungen in Kauf nehmen.



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