Deutscher Gotteskrieger "Ich habe Angst, wenn er rauskommt"
In Deutschland bleiben wollte er zunächst nicht. Der blonde, blauäugige Möchtegern-Selbstmordattentäter mit dem deutschen Pass hatte vor, nach dem Gefangenen-Austausch sofort weiter in den Libanon zu reisen. Aber nun soll er sich in letzter Minute umentschieden haben und doch in der Bundesrepublik geblieben sein.
Im Gefängnis hat Steven Smyrek arabisch gelernt. Er spricht heute von "wir" nicht mehr von "denen", wie noch im Prozess, wenn er über die Hisbollah redet. Der 32-Jährige hat sich tiefer denn je in seine radikalen Vorstellungen verstrickt. Seine Mutter sagt, "ich habe Angst, wenn er rauskommt, was könnte er machen?" Er selbst sagte der ARD in einem Interview, das vor zwei Wochen ausgestrahlt wurde: "Um die Auszeichnung eines Schahid, eines Märtyrers zu erhalten, würde ich mein Leben geben. Für die Sache, für den Islam, für Allah."
Vor zehn Jahren konvertierte Smyrek zum Islam, nennt sich seitdem Abd el-Karim. Hier fand er Halt, Regeln, Hierarchien, denen er sich beugen konnte. Etwas nach dem er bis dahin sein Leben lang gesucht hatte.
1971 wurde er in Detmold geboren, die Ehe seiner Eltern scheiterte. Als er sieben Jahre alt war, heiratete seine Mutter erneut - einen britischen Soldaten. Mit ihm ging die Familie bald darauf nach England. Smyrek besucht ein Militärinternat, sieht seine Mutter nur hin und wieder am Wochenende. Freundschaften und militärischer Drill geben ihm ein Gefühl der Geborgenheit. Den Schulabschluss schafft er nicht, aber die Begeisterung für die Armee bleibt. Mit 18 geht er zurück nach Deutschland und zur Bundeswehr. Aber nach vier Jahren hört er dort auf. Zu ruhig, sagt er. "Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ich in die Fremdenlegion gegangen wäre", bilanziert er während seiner späteren Haft in einem Interview. "Die Legion ist sehr hart, sogar härter als die US-Marines. Du wirst zum Killer ausgebildet."
Rastloser Kleinkrimineller
Stattdessen versucht er sich als Kleinkrimineller. Er dealte mit Drogen, wurde wegen Raubes verurteilt, lebte in Detmold, Herford und Braunschweig. Rastlos. "Steven hatte ständig Schwierigkeiten mit der Polizei", sagte seine Mutter später beim Prozess in Israel. "Andere konnten sich herauswinden. Nicht Steven, er war immer der Dumme."
Erst als er den Islam entdeckt, findet er ein Ziel für sich. Freunde aus der Zeit sagen, dass er mit dem Religionswechsel selbstsicherer geworden sei. Seine frühere Nervosität und Unsicherheit sei damals verschwunden. Er arbeitete in einer Herforder Pizzeria, die einem Türken gehört. Der Zusammenhalt der Familie beeindruckt ihn. Er liest den Koran, kann Teile auswendig, wendet sich von Drogen und Alkohol ab, beschwert sich über Mädchen, die zu kurze Röcke tragen. Er wurde so fanatisch, dass er seinen türkischen Freunden damit auf die Nerven ging. "Er brauchte keine Gehirnwäsche", sagte einer von ihnen später dem SPIEGEL. "Das kam alles aus ihm selbst."
Wenig später verrannte er sich in die Idee, sich dem bewaffneten Kampf gegen Israel anzuschließen. In der Moschee in Braunschweig fragte er völlig offen nach Kontakten zur Hisbollah so als würde er sich nach dem Weg zur nächsten Bushaltestelle erkundigen. Schnell geriet er so ins Visier der deutschen Fahnder, die hier Kontaktleute hatten. Doch er geriet am Ende auch an die gewünschten Kontakte. Als er vor seinen Braunschweiger Kumpels im Sommer 1997 damit prahlte, er würde zu einer Reise ohne Wiederkehr nach Israel aufbrechen, nahmen die ihn gar nicht ernst.
Er reiste in den Libanon und absolvierte ein Terrortraining in der Bekaa-Ebene, lernte mit Waffen, Sprengstoff und Minen umzugehen. Ob die Hisbollah ihn tatsächlich als Selbstmordattentäter einsetzen wollte, ist unklar. Denn einer, der die Geheimdienste an den Hacken kleben hat, weckte bei der Terrororganisation Verdacht. Zunächst hatte er nur einen Auftrag: Nach Israel zu reisen, um als Urlauber getarnt mögliche Anschlagsziele auszuspionieren.
Reise unter Aufsicht der Geheimdienste
Den Weg nach Tel Aviv trat er unter Aufsicht der europäischen Geheimdienste an - ohne es zu wissen. Die deutschen Behörden baten die niederländischen Kollegen am Flughafen von Amsterdam Smyrek zu überprüfen. Sie filzten ihn intensiv, entdeckten aber lediglich eine Kamera, 4000 Dollar und eine Landkarte von Israel. Er reiste weiter ohne Verdacht zu schöpfen. Am Airport von Tel Aviv war die Aktion allerdings endgültig vorbei: Dort wurde er festgenommen wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Dem israelischen Geheimdienst war es offenbar zu gefährlich, den Deutschen nur zu beobachten. Sie stecken ihn in Untersuchungshaft und machen ihm den Prozess. 1999 wurde er wegen Vorbereitung eines Selbstmordanschlags zu zehn Jahren Haft verurteilt.
Auch ohne den Gefangenenaustausch wäre Smyrek vermutlich bald frei gekommen. Den größten Teil seiner Strafe hat er abgesessen. In Deutschland droht im keine Strafverfolgung mehr, denn die Staatsanwaltschaft Hannover hat ihren Haftbefehl aufgehoben, weil er seine Strafe in Israel abgegolten habe. Doch sicher ist, dass die Geheimdienste den deutschen Gotteskrieger im Blick behalten werden.