Deutscher Häftling in Teheran "Ein gestandener Pfälzer – zum Skelett abgemagert"

Weil sein Skipper beim Hochseeangeln in iranische Gewässer steuerte, sitzt der Deutsche Donald Klein seit mehr als einem Jahr im Gefängnis von Teheran. Alle diplomatischen Bemühungen waren bislang vergebens. Familie und Freunde sind verzweifelt, mit kleinen Aktionen wollen sie den Druck erhöhen.

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Hamburg - Es sind Tage, die besonders wehtun. "Weihnachten gibt's bei mir nicht", sagt Karin Klein. Kein Baum, keine Geschenke, kein O du fröhliche - die 52-Jährige und ihre beiden Kinder wollen vom Fest der Familie nichts wissen. Es ist der verzweifelte Versuch, den Schmerz auf Alltagsniveau zu halten. Dass es nur so wehtut, wie jeden Tag des vergangenen Jahres, an dem ihr Mann und Vater Donald, 53, fast 4000 Kilometer entfernt in einer Zelle des berüchtigten Teheraner Evin-Gefängnis ausharren musste.

Hobbyangler Donald Klein (während eines Urlaubs bei Dubai 2005): "Zum geistigen Wrack mutiert"
DPA

Hobbyangler Donald Klein (während eines Urlaubs bei Dubai 2005): "Zum geistigen Wrack mutiert"

Es war der 29. November 2005, als die Familie zerriss, als die Urlaubsreise in die Vereinigten Arabischen Emirate für Donald Klein und seine Familie zum Horrortrip wurde.

Mit dem französischen Skipper Stéphane Lherbier war der Bildhauer aus dem kleinen pfälzischen Lambsdorf bei Ludwigshafen zum Hochseeangeln rausgefahren, Schwert- und Papageienfische wollten sie fangen. Doch Lherbier lenkte das Boot versehentlich in iranische Hoheitsgewässer, schlimmer noch, in militärisches Sperrgebiet, nahe der Insel Abu Mussa. Sie wurden wegen illegalen Grenzübertritts verhaftet. Das Urteil: 18 Monate Haft.

Am Anfang war die Hoffnung, dass sich alles ganz schnell aufklären würde, dass man ihren Mann und den Franzosen bald freilassen würde. Es war ja alles ganz harmlos, das mussten doch auch die Iraner einsehen. Doch mehr als ein Jahr und ein halbes Dutzend erfolglose Gnadengesuche später sieht es ganz so aus, als müsse Klein die Strafe bis zum Ende absitzen.

Die Haftbedingungen sind für iranische Verhältnisse relativ gut - aber was heißt schon relativ. Drei mal dreieinhalb Meter misst die Zelle, seine "Stube", wie er zynisch in sein Tagebuch schrieb, aus dem "Stern TV" jüngst zitierte. Die Iraner nennt er darin seine "Gastgeber", seine Schlafstelle, zwei Meter lang, 85 Zentimeter breit, 80 Zentimeter hoch, bezeichnet er als "Grab" oder "Gruft".

Klein geht es nicht gut, psychisch nicht, körperlich nicht, "darüber brauchen wir gar nicht zu diskutieren", sagt seine Frau im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Rund 30 Kilo hat er seit Haftantritt abgenommen, er plagt sich mit Selbstmordgedanken. Schon nach fünf Monaten Haft schrieb er: "Mittlerweile bin ich zu einem geistigen Wrack mutiert, nein nicht mutiert, reduziert. Nach weiteren 13 Monaten wäre ich reif für die Klapsmühle."

Tägliche Telefonate mit der Ehefrau

Die Haft zehrt an seinen Nerven. Immerhin, die Wärter und die anderen Häftlinge behandeln ihren Mann höflich und respektvoll, sagt Karin Klein. Täglich etwa zehn Minuten dürfen die beiden telefonieren, manchmal sind ihre Kinder Jessica, 20, und Gustav, 19, dabei. Dann versuchen sie, die Qualen zu verdrängen. "Wir sprechen über Belangloses, über das Geschäft", sagt sie, "darüber, was in der Welt passiert." Ihr Mann will wissen, wie es im Atomstreit mit Iran weitergeht. Karin Klein glaubt, dass ihr Mann politisch ausgenutzt wird, das Auswärtige Amt jedoch sagt, Teheran selbst betrachte den Fall aus rein rechtlicher Sicht.

Zuletzt hatte sich Karin Klein in einem Interview beklagt, die Bundesregierung setzte sich nicht genug für ihren Mann ein. "Die machen bestimmt was", sagt Karin Klein heute. "Aber ich erfahre zu wenig." Nach der Inhaftierung seien die Anrufe aus dem Außenministerium rasch seltener geworden. Es gebe ja nichts Neues, so der lapidare Hinweis der Behörde. Inzwischen meldet sich Karin Klein lieber selbst, um zu hören, ob es wieder Hoffnung gibt.

Im Auswärtigen Amt heißt es, Frau Klein werde auf mehreren informellen Kanälen schriftlich, telefonisch und per E-Mail auf dem Laufenden gehalten. Man hat Verständnis für die Enttäuschung der Familie und Freunde. Gleichzeitig versichert ein Sprecher, dass sich die Bundesregierung "wie bisher auf allen Ebenen" und "bei jeder Gelegenheit" um die Freilassung Kleins bemühe. Seine humanitäre Situation stehe "bei allen deutsch-iranischen Zusammenkünften zwischen Beamten oder Politikern" auf der Tagesordnung.

Nach Angaben des Sprechers besucht den Angler wöchentlich ein deutscher Pfarrer, "ein bis zwei Mal im Monat" komme ein Botschaftsmitarbeiter ins Gefängnis. Zudem bemühe sich die diplomatische Vertretung ständig um Hafterleichterungen. Der Sprecher verweist darauf, dass die iranische Seite dem deutschen Häftling auch deshalb täglich Bewegung im Hof erlaube, ihn mit allen notwendigen Lebensmitteln versorge und auch "peinlichst genau" auf dessen ärztliche Versorgung achte.

Unterstützung im Internet

Im Sommer ließ sich die iranische Justiz zu einem kurzen Hafturlaub für Klein überreden. Nach drei Gefängnis-Kurzbesuchen zuvor konnte Karin Klein fünf Tage mit ihrem Mann in Teheran in Freiheit verbringen. Es gab ein Abendessen mit Diplomaten, einen Ausflug ins Museum für Moderne Kunst. Ein kleiner Hoffnungsschimmer, mehr nicht. Eine vorzeitige Entlassung wird weiter abgelehnt.

Berlin hatte die Familie und Freunde Kleins zu Beginn der Haft gebeten, mit Rücksicht auf die diplomatischen Bemühungen auf eigenmächtige Aktionen zu verzichten. Die iranische Regierung lasse sich nicht erpressen, hieß es seinerzeit. Doch nach all den erfolglosen Bemühungen gibt das Umfeld des Anglers die Zurückhaltung nun auf und kämpft auch auf eigene Faust - mit den zur Verfügung stehenden bescheidenen Mitteln.

Im Internet haben Angler aus Deutschland in Absprache mit Kleins Ehefrau eine Unterstützungsaktion gestartet, damit Donald Klein nicht in Vergessenheit gerät. In einschlägigen Foren kursieren Musterbriefe an das Auswärtige Amt und die iranische Botschaft, in denen an alle Amtsträger appelliert wird, sich für Klein einzusetzen.

"Der einst gestandene Pfälzer Bildhauer Donald Klein" sei nur noch "ein Schatten seiner selbst", heißt es in dem Schreiben. "Schwer erkrankt an Atmungsorganen und Verdauungstrakt, zum Skelett abgemagert und psychisch vollkommen am Ende, sieht er nur im Selbstmord noch einen Ausweg aus seinem Martyrium." Die Resonanz im Web ist groß: "Mein Brief geht heute noch raus" oder "Leute, macht alle mit", heißt es in den Reaktionen.

Tipps aus der Haft zum heimischen Fischerfest

In Kleins heimischem Sportangler-Verein (SAV) ist das Schicksal des Anglerfreundes Gesprächsthema Nummer eins. Seit Mitte des Monats sammeln die Mitglieder im 6000-Einwohner-Städtchen Lambsheim und Umgebung nun Unterschriften. Sie legen Listen in Geschäften aus oder gehen von Haus zu Haus, um Unterstützer zu gewinnen.

Donald Klein ist Mitbegründer des SAV Lambsheim, engagierte sich jahrelang im Vorstand. Schriftführer Ralf Kopecek beschreibt ihn als "sehr lustigen und zugänglichen Typ", für das Vereinsleben sei er "unersetzlich". Beim jährlichen Lambsheimer Fischerfest ist er stets einer der fleißigsten Helfer gewesen. Selbst aus der Haft wollte er seine Angelkollegen nicht im Stich lassen: Im August gab er per Brief aus dem Gefängnis ein paar Tipps, wie das große Fischputzen zu bewältigen sei.

Freunde und Familie wünschen sich nichts mehr, als dass Donald Klein beim nächsten Fischerfest wieder mit dabei ist. Doch an ein Weihnachtswunder glaubt derzeit niemand mehr.

Karin Klein versucht sich bei langen Spaziergängen mit Jack Russell Terrier "Chili" abzulenken. Besuchen will sie ihren Mann vorerst nicht mehr. Sie hat Angst vor einem erneuten schmerzhaften Abschied, Angst davor, ihren Mann wieder nicht mit nach Hause nehmen zu können.



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