Deutscher Islamist Behörden fürchten baldigen Anschlag von Eric B.

Eine Internet-Botschaft von Islamisten beunruhigt deutsche Behörden. Das Bekennerschreiben zu einem Attentat in Afghanistan enthält ein Foto, das den Attentäter zusammen mit Eric B. aus dem Saarland zeigt. Jetzt fürchten Experten, dass der Deutsche bald selbst einen Anschlag verübt.

Von Yassin Musharbash


Berlin - "Löwenfreund": Mit diesem Kosenamen belegte die Terrororganisation, die ihn entsandt hatte, den Attentäter. Am 31. Mai um 12.20 Uhr Ortszeit, so die Terrororganisation, habe der Mann, auch als "Said Kurdi" bekannt, sich in der afghanischen Stadt Dschalalabad in die Luft gesprengt. Einen Suzuki habe er für den Anschlag verwendet. Zwei Fahrzeuge des US-Militärs seien bei der "Märtyreroperation" vernichtet worden.

Behörden in Sorge: Eric B. neben Attentäter Said Kurdi

Behörden in Sorge: Eric B. neben Attentäter Said Kurdi

Terroranschläge dieser Art sind Alltag in Afghanistan. Doch in diesem Fall merkten die deutschen Sicherheitsbehörden auf, als sie das Bekennerschreiben am vergangenen Dienstag sichteten. Denn zum einen stammt es von der "Islamische Dschihad-Union" ("Islamic Jihad Union", IJU), zu der eine ganze Reihe aus Deutschland stammender Islamisten den Weg gefunden hat. Und zum anderen enthält das Bekennerschreiben drei Fotos des Attentäters Said Kurdi - und auf einem ist er gemeinsam mit Eric B. aus dem Saarland abgebildet.

Eric B., ein 20-jähriger Konvertit aus Neuenkirchen, hat sich nach bisherigen Erkenntnisse der deutschen Behörden im vergangenen Jahr über mehrere Stationen in das Krisengebiet am Hindukusch abgesetzt. Seit Monaten fahndet das Bundeskriminalamt in Afghanistan mit Steckbriefen nach ihm und einem mutmaßlichen Reisegefährten.

Dritte IJU-Veröffentlichung mit Eric B.

Dass B. bereits zur IJU gestoßen ist, gilt als sicher. Denn Ende April hatte die IJU schon einmal Propagandamaterial von ihm veröffentlicht: In einem wackeligen Video war der Saarländer damals, im Kampfanzug samt umgehängtem Maschinengewehr und Munitionsgürteln, vor einer Bergkulisse zu sehen. In manchmal kaum vernehmbarem, merkwürdig unsicher wirkendem Deutsch richtete sich "Abdul Gaffar" - so ein Kampfname - an seine Zuschauer. Zuerst lobte er den Selbstmordanschlag von Cüneyt C., eines 28-jährigen Türken aus Deutschland, der sich Anfang März in der afghanischen Provinz Khost in die Luft gesprengt hatte. Dann ließ er "den Brüdern in Deutschland" eine Botschaft zukommen: "Wenn ihr Gott und seinen Gesandten liebt, dann kommt zum Dschihad, denn das ist der Weg zum Paradies."

Nur knapp vier Wochen darauf wiederholte die IJU das Propagandaspektakel. Diesmal publizierte sie ein Interview mit B., in dem er erklärte, er habe mit seinem Leben in Deutschland abgeschlossen.

Schon angesichts dieser beiden Veröffentlichungen waren deutsche Behörden besorgt, B. könnte sich dem Terrorismus verschrieben haben. Dass nun ein Foto veröffentlicht wurde, das B. neben einem Selbstmordattentäter zeigt, "macht ein bevorstehendes Attentat B.s immer wahrscheinlicher", heißt es jetzt in einer aktualisierten Lagebeurteilung der deutschen Sicherheitsbehörden.

Die IJU war noch vor wenigen Jahren in Deutschland nahezu unbekannt. Mittlerweile gilt sie vielen Beobachtern als größte Bedrohung direkt nach al-Qaida. So gilt als sicher, dass die IJU die federführende Organisation hinter den geplanten Anschlägen der so genannten "Sauerland-Zelle" war, die im vergangenen Sommer - schon beim Bombenbau - in Nordrhein-Westfalen ausgehoben werden konnte. Die IJU-Pressestelle erklärte jedenfalls, die drei Festgenommenen, Adem Y., Daniel S. und Fritz G., gehörten zu ihr.

B.s Aufenthaltsort ist unbekannt

Die nächste Verbindung wurde durch den Selbstmordanschlag Cüneyt C.s offenbar. Es könnten noch weitere Verbindungen zu Tage treten. Denn Eric B. ist nur einer von einem runden Dutzend aus Deutschland stammender Islamisten, die sich nach Mutmaßen der deutschen Sicherheitsbehörden irgendwo im Krisengebiet zwischen Afghanistan und Pakistan aufhalten. Entweder, um in einem Ausbildungslager das Terror-Know-how zu erwerben - oder um sich, wie nun möglicherweise B., auf einen Anschlag vorzubereiten.

Die IJU ist ursprünglich eine usbekische Organisation, hat ihr Operationszentrum in den vergangenen Jahren aber nach Pakistan und Afghanistan verlagert. Sie kooperiert nach Erkenntnissen von Terrorexperten innerhalb und außerhalb der Nachrichtendienste sowohl mit al-Qaida als auch mit den Taliban. Aufnahmen vom Anschlag C.s etwa wurden sowohl von der IJU als auch von den Taliban für Propagandazwecke ausgeweidet. Guido Steinberg, Terrorexperte von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik, schätzt die IJU auf etwa 100 bis 200 Kämpfer. Sie strebe aber offensichtlich an, ihre Bedeutung zu steigern.

Wo Eric B. sich derzeit befindet, ist ungewiss. Deutsche Behörden haben seit Wochen keine Hinweise mehr auf seinen Aufenthaltsort.

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