Krise in Kaschmir Deutscher Orchester-Auftritt löst diplomatische Turbulenzen aus

Kaschmir ist seit Jahrzehnten zerrissen zwischen Indien, Pakistan und China, nirgendwo auf der Welt sind so viele Soldaten auf so kleinem Raum stationiert. Nun will die deutsche Botschaft im indischen Teil der Region ein Konzert veranstalten. Eine an sich harmlose Idee mit dramatischen Folgen.

Website der deutschen Botschaft in Neu-Delhi: "Das Kaschmirkonzert"

Website der deutschen Botschaft in Neu-Delhi: "Das Kaschmirkonzert"

Von


Istanbul/Neu-Delhi - Es war im vergangenen Jahr, als Zubin Mehta, einer der ganz großen Dirigenten von heute, der Gedanke kam, ein Konzert zu geben in der Krisenprovinz Kaschmir, im Norden von Indien. Seit dem Ende der britischen Kolonialherrschaft auf dem Subkontinent im Jahr 1947 kommt die Region nicht zur Ruhe, es herrschen Krieg und Gewalt. Über die Musik, dachte sich Mehta, selbst gebürtiger Inder, könne man ein Zeichen der Hoffnung und Ermutigung an die Kaschmiris senden und ihnen "inneren Frieden" bringen. Das Konzert sei allen Kaschmiris gewidmet, sagte er.

Der deutsche Botschafter in Indien, Michael Steiner, fand Gefallen an der Idee. Die Botschaft erklärte sich bereit, das Konzert zu veranstalten. Mit dem Bayerischen Staatsorchester erarbeitete Mehta ein Programm, man nannte es "Das Kaschmirkonzert": Beethoven, Haydn und Tschaikowski in einem Mogul-Garten aus dem 17. Jahrhundert, am Ufer des Dal-See, vor paradiesischer Kulisse, die im Laufe der Jahrhunderte unzählige Musiker und Poeten inspiriert hat.

Am Samstag soll es so weit sein: 90 Minuten lang Musik, vor rund 1500 Gästen, ein paar Kilometer außerhalb der Provinzhauptstadt Srinagar, als erstes westliches Orchester in diesem Teil der Welt. Live übertragen in mehr als 50 Länder. Musiker und Diplomaten redeten von einem "einzigartigen Event", gar von "historischem Ereignis".

Kaschmiris sehen Indien als Besatzungsmacht

Bis vor einer Woche. Da wurden erstmals Proteste laut. Deutschland verleihe der indischen Besatzung der Provinz Legitimität, tönte der Separatistenführer Syed Ali Geelani. Der oberste Kleriker der Provinz, Großmufti Bashiruddin Ahmad, sagte, es wäre sinnvoller, Geld für Bildung und Gesundheitsversorgung auszugeben anstatt für ein Konzert. Mehrere kaschmirische Politiker aus unterschiedlichen Lagern erklärten, ein von der Botschaft eines fremden Landes in Neu-Delhi organisiertes Konzert sende ein "falsches Signal" in die Welt. Selbst Studenten und Menschenrechtsaktivisten verlangten, das Konzert abzusagen.

Denn viele Kaschmiris sehen sich zu Unrecht als Teil Indiens. Immer wieder ist es in den vergangenen Jahrzehnten zu Gewalt zwischen der Bevölkerung und dem Militär gekommen. Viele Einheimische sehen in den indischen Streitkräften Besatzer, für die Soldaten wiederum gilt Kaschmir als Strafposten.

Tatsächlich gibt es kaum eine Gegend auf der Welt mit größerer Soldatendichte. Der Konflikt hat außerdem länderübergreifende Dimension: Auch Pakistan und China erheben Ansprüche auf die Provinz. Drei Atommächte streiten um eine Provinz, in erster Linie geht es um das Beharren auf Positionen, um Ansehen und Nationalismus, erst in zweiter Linie um die Macht über ein geostrategisch wichtiges Gebiet. Wegen Kaschmir hat Pakistan Dschihadisten erfunden, als Söldner im Namen Gottes, im Kampf gegen Indien. Längst machen sie in allen möglichen Teilen der Welt Ärger, vor allem in Pakistan selbst.

Konflikt seit fast sieben Jahrzehnten

In dieses verminte Gebiet hat die deutsche Botschaft sich gemeinsam mit Dirigent Mehta vorgewagt, vermint im wahrsten Sinne des Wortes, aber auch im politischen Sinne. Als die Briten die Region vor bald sieben Jahrzehnten verließen, wurde der Herrscher des unabhängigen Fürstenstaates Kaschmir vor die Entscheidung gestellt, sich entweder Pakistan oder Indien anzuschließen. Maharadscha Hari Singh war verzweifelt: Er, der Hindu, herrschte über eine mehrheitlich muslimische Bevölkerung, die sich Pakistan näher fühlte als Indien. Aus Pakistan drangen immer mehr Kämpfer in Kaschmir ein, da versprach Indien dem hilflosen Herrscher militärische Unterstützung - vorausgesetzt, er entscheide sich für einen Anschluss an Indien. Am 26. Oktober 1947, zweieinhalb Monate nach der Teilung des Subkontinents in Indien und Pakistan, entschloss sich Singh für Indien.

Seither ist der Konflikt ungelöst. Pakistan sicherte sich einen Teil militärisch, China gehört ein vergleichsweise kleines Stück. Der indische Teil ist die einzige Provinz des Landes mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit. Indien und Pakistan haben mehrere Kriege um das Gebiet geführt. Am liebsten wären die Kaschmiris wieder unabhängig. Müssten sie sich für ein Land entscheiden, würden sie, glaubt man den Umfragen, der Religion wegen Pakistan wählen. Tatsache ist, dass Indien Uno-Resolutionen, die eine Selbstbestimmung der Kaschmiris fordern, beharrlich ignoriert.

In dieser konstant erhitzten Lage reicht offensichtlich ein Konzert, um die Gemüter in Wallung zu bringen. Dabei, betont Botschafter Steiner, sei das ein rein kulturelles Ereignis, kein politisches. Immerhin der Regierungschef der Provinz, Omar Abdullah, sprang den Deutschen zur Seite. "Das Konzert hat mit der Kaschmirfrage nichts zu tun", erklärte er vor einheimischen Journalisten. "Musik ist Teil unserer Kultur. So zu tun, als könne sie die Identität der Kaschmiris spalten oder außerhalb unserer Kultur liegen, ist absolut falsch."

Terrororganisation droht mit Anschlägen

Die Hardliner sehen das anders und wollen das Konzert nun stören. Separatistenführer Geelani forderte der indischen Nachrichtenagentur IANS zufolge, die Geistlichen sollten bei den Freitagsgebeten zu Protesten aufrufen. Am Samstag, dem Tag des Konzerts, dann eine Ausgangssperre verhängt werden und alle Geschäfte geschlossen bleiben.

Die "Hindustan Times" berichtet sogar, drei Terrororganisationen hätten per Fax Gewalt angedroht. Die Menschen sollten "dem Konzert fernbleiben oder müssten mit schlimmen Folgen rechnen", soll es demnach darin heißen. Die deutsche Botschaft werde aufgefordert, das Konzert abzusagen.

Einerseits: Darf man sich von Terroristen erpressen lassen? Andererseits: Darf man das Leben von Musikern und Publikum gefährden? Noch halten alle Beteiligten an dem Konzert fest. Die Musiker wollen in diesen Tagen nach Indien fliegen. Steiner schaute sich den Veranstaltungsort am Dienstag schon mal gemeinsam mit seiner Frau an. Man sprach über die Frage, wie möglichst wenig Pflanzen zerstört werden bei solch einem großen Menschenandrang, und über technische Dinge wie die Größe der Bühne, berichtet die "Hindustan Times".

Ob das Konzert stattfinden soll? Natürlich, sagen Musiker und Diplomaten auf Nachfrage. Doch das Auswärtige Amt teilt jetzt mit: "Allen Beteiligten ist bewusst, dass das Konzert nur stattfinden kann, wenn die Sicherheitslage es erlaubt." Wie man die Sicherheitslage einschätzt, weiß man derzeit aber nicht.

Hasnain Kazim auf Facebook

Mehr zum Thema


insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Atheist_Crusader 05.09.2013
1.
Zitat von sysopKaschmir ist seit Jahrzehnten zerrissen zwischen Indien, Pakistan und China, nirgendwo auf der Welt sind so viele Soldaten auf so kleinem Raum stationiert. Nun will die deutsche Botschaft im indischen Teil der Region ein Konzert veranstalten. Eine an sich harmlose Idee mit dramatischen Folgen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/deutsches-konzert-in-kaschmir-loest-diplomatische-turbulenzen-aus-a-920466.html
Ich hab noch einen alten Atlas im Schrank, auf dem noch die Grenzziehung zu Ende des Kalten Krieges zu sehen ist. Legitimiere ich damit die Sowjetunion? Mal ernsthaft. Man kann zur Kaschmir-Frage stehen wie man will. Aber unbestreitbarer Fakt ist: die Inder haben es und halten es. Sie haben in der Vergangenheit drei volle Kriege und mehrere kleinere Konflikte darum geführt und alle wichtigen gewonnen. Und sie geben es nicht mehr her. Ob Deutschland das jetzt anerkennt oder legimtimiert oder sonstwas (oder eben nicht), juckt in dem Teil der Welt doch sowieso Niemanden. Der ganze Aufruhr deswegen klingt mir wie die wütende Frustration von Leuten die wissen, dass sie ihr Ziel nie erreichen werden. Und sich deswegen darauf verlegt haben, anderen die Suppe zu versalzen.
glass88 05.09.2013
2. Da der Botschafter Steiner auch ....
...für Pakistan zuständig war sollte er die Umstände um den Kaschmir kennen...
DonMcM 05.09.2013
3. Koloniales Kaschmir - jeder Anlaß für Terror wird gierig genutzt
Wie in Afrika (man denke nur an Palästina) so auch auf dem indischen Subkontinent. Die englischen Kolonialisten haben eine blutige Spur hinterlassen, für das sich die ehemaligen englischen Machthaber nie haben entschuldigen müssen. Die Grenzen wurden willkürlich gezogen. Nie wurde eine Bevölkerung gefragt. Nie haben sich die Menschen mit der so geschaffenen Situation abgefunden. Jetzt werden Sie von islamischen Extremisten instrumentalisiert. So entstehen mit schöner Regelmäßigkeit Nährböden für Terrorismus. Welche Ideologie oder Religion auch immer, sie wird genutzt um existierende Machtverhältnisse zu kippen. Der sog. "Westen" (schon lange nur noch glaubhaft repräsentiert durch die anglo-amerikanische Welt) sollte sich endlich heraushalten aus all diesen Konflikten. Es gilt humanitäre Hilfe zu leisten und sonst nichts! Es wird logischerweise noch einen hohen Blutzoll kosten, aber bitte nie mehr gespeist vom anglo-amerikanischen Weltverbesserungstrauma.
al3x4nd3r 06.09.2013
4. Ganz groß!
Eine Übertragung des Konzerts von hier aus wäre sicher sinnvoller gewesen. Wie soll man den leidenden Menschen erklären, dass man Tausende Euros pro Musiker ausgegeben hat, nur um ein Konzert zu geben? Was hat die Bevölkerung davon? Man hätte auch kaschmirische Musiker nehmen können.
largo25 06.09.2013
5. Wieder mal
Zitat von sysopKaschmir ist seit Jahrzehnten zerrissen zwischen Indien, Pakistan und China, nirgendwo auf der Welt sind so viele Soldaten auf so kleinem Raum stationiert. Nun will die deutsche Botschaft im indischen Teil der Region ein Konzert veranstalten. Eine an sich harmlose Idee mit dramatischen Folgen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/deutsches-konzert-in-kaschmir-loest-diplomatische-turbulenzen-aus-a-920466.html
Wieder mal ein Beispiel für die Friedensliebe der islamischen Religion und der islamischen Obergurus. Hoffentlich kommen die Musiker und ihre Freunde und Anhänger heil aus diesem Dilemma. Es sieht leider so aus, dass ein völkerverbindendes Konzert nur unter hohen Sicherheitsvorkehrungen stattfinden kann oder abgesagt werden muss. Nach spätestens 20 Posts werden wieder welche dabei sein, die den USA, Israel oder Deutschland die Schuld dafür geben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.