Deutschland-Besuch Berliner Rede lässt Obama-Berater zittern

Jubel ist garantiert, trotzdem ist das Obama-Team nervös und frustriert: Der Auftritt in Berlin wird für den Senator und seine Berater zur Bewährungsprobe - und 40 US-Journalisten werden jeden noch so kleinen Fauxpas nach Amerika melden.


Berlin - Das Team des demokratischen Präsidentschaftsbewerbers Barack Obama ist frustriert über die heftigen Diskussionen um dessen Rede morgen in Berlin. "Erst beschwerten sich viele Europäer, dass er nicht nach Europa komme. Jetzt kommt er nach Europa, plant eine Grundsatzrede zum transatlantischen Verhältnis - und nun werden Bedenken laut, sie sei nicht inhaltsreich genug, sondern bloß ein Wahlkampftrick", sagte eine Quelle aus seinem Umfeld SPIEGEL ONLINE. "Das war so nicht vorherzusehen, und es macht uns alle verrückt."

Kandidat Obama: "Es macht uns verrückt"
REUTERS

Kandidat Obama: "Es macht uns verrückt"

Die Diskussion um Obamas Auftrittsort in Berlin ist zwar vorbei - er wird am Donnerstag gegen 19 Uhr an der Siegessäule sprechen. Seitdem steht wieder eine andere Frage im Mittelpunkt: Dient Berlin dem Demokraten bloß als Jubel-Kulisse im Wahlkampf? Die "International Herald Tribune" forderte von Obama mehr "Nüchternheit". Der "Economist" mäkelte, man könne aus der Ansprache wohl kaum Rückschlüsse auf künftige US-Politik ableiten, denn der Wahlkämpfer passe seine Redeinhalte dem jeweiligen Publikum an. Andere bemängelten, Obama besuche auf seiner Reise nicht einmal die EU-Hauptstadt Brüssel - also ginge es ihm wohl nicht wirklich um eine transatlantische Neuausrichtung. In Paris und London herrscht ohnehin Frust: Die beiden Staaten fühlen sich vernachlässigt, weil Obama ihnen nur kurze Besuche abstattet.

Deutschland kann sich über Aufmerksamkeit nicht beklagen. Doch dort zeigten sich Politiker wie SPD-Chef Kurt Beck in den vergangenen Tagen verwundert über Aussagen von Obamas außenpolitischer Chefberaterin Susan Rice. Die hatte im SPIEGEL mehr Engagement der Nato-Partner in Afghanistan gefordert. Es gab Bedenken, der Kandidat selbst könne Ähnliches gar mit Bezug auf Deutschlands Rolle im Irak verlangen - oder in Berlin seine harte Linie zu Irans Nuklearprogramm betonen.

"Ist so schwer zu verstehen, um was es uns eigentlich geht?", heißt es nun aus Obama-Kreisen. Der Kandidat wolle auf dem Rückweg aus dem Nahen Osten den engsten Verbündeten in Europa einfach seine Vision der künftigen Zusammenarbeit darlegen. Seine morgige Rede werde auch keine Wahlkampfansprache sein, sondern sich substantiell um das Verhältnis zwischen Europa und Amerika drehen. Doch bleibe Obama ein Präsidentschaftskandidat und könne über diese Vision nur "reden"- also keine Verträge unterzeichnen oder substantielle Politikprojekte anstoßen. Und natürlich müsse er mitten im Wahlkampf auch bei Auslandsauftritten die Amerikaner als Zielgruppe im Auge behalten.

Den US-Wählern daheim will er signalisieren, dass er präsidial wirken und die USA nach den Bush-Jahren mit der Welt versöhnen kann. Dafür helfen Bilder von begeisterten Europäern. Doch gleichzeitig darf er nicht den Eindruck vermitteln, im Ausland beliebter zu sein als daheim.

Tatsächlich steht Obama ein Drahtseilakt bevor. Bislang ist die Auslandsreise weitgehend reibungslos verlaufen. Zwar waren die Reisestationen - Afghanistan, Irak, der Nahe Osten - heikler als Berlin. Doch der Kandidat gab sich hier auch betont vorsichtig. Bis auf wenige streng orchestrierte TV-Interviews und Pressekonferenzen hat Obama kaum mit Journalisten gesprochen.

Mit der Berliner Großansprache kehrt er ins Scheinwerferlicht zurück. Das sind die Herausforderungen:

  • Obama will zwar signalisieren, dass er einen anderen außenpolitischen Ansatz verfolgen wird als George W. Bush. Das Wort "zuhören" wird daher in seiner Ansprache wohl häufig vorkommen. Offene Kritik an Bush oder dem republikanischen Kandidaten John McCain verbietet sich aber auf ausländischem Boden. Der Kandidat darf auch nicht zu viel Sympathie für Europas Frust mit der Bush-Regierung zeigen. Seinem Team bereitet auch die Möglichkeit Sorgen, Berliner Zuhörer könnten Abfälliges über Bush oder McCain rufen.

  • Um nicht zu europafreundlich zu erscheinen, wird Obama konkrete Forderungen stellen. "Wir wollen die Nato stärken, in dem wir mehr von unseren Partnern verlangen", sagte er schon vorige Woche. "Tough love" also, Zuckerbrot und Peitsche. Etwa in Form deutlicher Hinweise, dass Europa mehr internationale Verantwortung übernehmen müsse. Bedenken über eine Entzauberung Obamas bei den Europäern hegen dessen Berater nicht. "Wenn die Deutschen glauben, sie würden in den nächsten acht Jahren alles mögen, was aus seinem Mund kommt, müssen sie mit Enttäuschung rechnen", heißt es. "Er wird Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika sein, nicht irgendeines anderen Landes." Dennoch darf Obama den Bogen nicht überspannen. Auch wenn sich etwa in Berlin viele Politiker auf Forderungen nach mehr Afghanistan-Engagement eingestellt haben, gilt dies nicht für den Irak - selbst wenn es dort nur um mehr humanitäre oder zivile Hilfe gehen sollte. In Umfragen wie den "Transatlantic Trends" ist immer wieder deutlich abzulesen, dass ein radikaler US-Kurswechsel im Irak die wichtigste Voraussetzung für transatlantische Annäherung ist. Lässt Obama die Europäer daran zweifeln, könnte die Euphorie für ihn tatsächlich abebben.

  • Obama will die Deutschen besonders einbinden. Dort hält er nicht nur die einzige große Rede während seiner Reise, er trifft sich auch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier (in Frankreich und Großbritannien kommt Obama wohl nicht mit den Außenministern zusammen). In Vorgesprächen hebt sein Team die "fundierte" deutsch-amerikanische Beziehung hervor - und lässt verlauten, Merkel werde als einflussreicher eingestuft als Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und der britische Premierminister Gordon Brown. Um den Frust in London, Paris und Brüssel zu lindern, wird Obama sich in seiner Rede auf eine transatlantische Perspektive konzentrieren müssen. Anders als etwa seine berühmten Berliner Redevorgänger John F. Kennedy oder Ronald Reagan. Die konnten im Kalten Krieg speziell auf die "deutsche Frage" eingehen.

Schon wenige Stunden nach der Berliner Rede dürften Obamas Mitarbeiter wissen, ob der Drahtseilakt gelungen ist. Sie werden dabei kaum auf die Reaktionen der Berliner Zuhörer achten, sondern auf die Berichte der rund 40 US-Journalisten, die den Kandidaten ständig begleiten. Und auf die amerikanischen Nachrichtensendungen. CNN überträgt aus Berlin, die Moderatoren der drei wichtigsten TV-Sender ABC, CBS und NBC planen ihre Abendnachrichten aus der deutschen Hauptstadt.

Start: 0.30 Uhr morgens deutscher Zeit.



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