Deutschland-Besuch Obama erwägt Auftritt am Flughafen Tempelhof

Aus für die Redepläne am Brandenburger Tor: Das Team von Barack Obama nimmt jetzt mehrere alternative Auftrittsorte in Berlin in Augenschein. Außer dem Gendarmenmarkt ist auch der Flughafen Tempelhof im Gespräch.

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Berlin/Washington - Ein Auftritt vor dem Brandenburger Tor hat für das Team von Barack Obama keine Priorität mehr. Das erfuhr SPIEGEL ONLINE aus dem Umfeld des Kandidaten. Seine Strategen sind zunehmend der Überzeugung, die Debatte um seine mögliche Rede dort habe schon zu viel Aufregung verursacht.

US-Präsidentschaftsbewerber Obama: Kein Auftritt am Brandenburger Tor
AP

US-Präsidentschaftsbewerber Obama: Kein Auftritt am Brandenburger Tor

Mittlerweile hegen sie die Befürchtung, ein Auftritt am Tor könne als durchschaubarer Versuch ausgelegt werden, an berühmte Berliner Ansprachen früherer US-Präsidenten wie Ronald Reagan anzuknüpfen. Das dürfte im Wahlkampf daheim eher hochmütig wirken und damit kontraproduktiv sein - schließlich ist der Demokrat bisher nur Präsidentschaftskandidat.

Außerdem ist zu vernehmen, es gebe ja genug andere geeignete Orte in Berlin. Derzeit prüfen Obamas Mitarbeiter drei bis vier Alternativen, darunter den Gendarmenmarkt; sie zeigen sich aber auch sehr interessiert am Flughafen Tempelhof. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen werden Obamas Helfer am Mittwoch im Bezirksamt Berlin-Mitte erwartet, um Details des Auftritts am 24. Juli zu klären.

In der Behörde wartet man gespannt, ob sich das Team des Präsidentschaftskandidaten am Mittwoch zu einer Entscheidung durchringt. Bis jetzt haben sie keine offizielle Anmeldung und außer Presseartikeln keine Informationen erhalten, klagen Beamte. Der Zeitrahmen ist für die Stadtbürokratie ungewöhnlich eng - schließlich ist der angestrebte Redetermin nur noch gut eine Woche entfernt. Eine Veranstaltung dieser Größenordnung sei mit derart kurzer Vorlaufzeit "normalerweise eigentlich undenkbar", sagt ein Beamter. Für einen Besucher wie Obama werde man allerdings gerne etwas schneller prüfen, stempeln und genehmigen.

Das Auswärtige Amt ist verstimmt

Auch ein Termin im Auswärtigen Amt ist nach Informationen von SPIEGEL ONLINE für Mittwoch geplant. Dort begleitet man den Besuch nur sporadisch über die Protokollabteilung, die am Ende auch Sicherheitsfragen klären soll. Noch ist unklar, ob Obamas Vertreter auch Repräsentanten des Bundeskanzleramts treffen werden. Kanzlerin Angela Merkel hatte sich zunächst "befremdet" über Obamas Redepläne geäußert, was zum Streit mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit führte.

Mittlerweile betont Merkel zwar, sie freue sich auf den prominenten Besucher. Doch im Auswärtigen Amt ist noch Verstimmung über die Kontroverse zu spüren. "Wir hoffen, dass das Kanzleramt endlich zur Vernunft kommt", sagt ein Spitzendiplomat SPIEGEL ONLINE. Im Außenministerium hält sich die Überzeugung, die Regierung Bush habe Druck auf Merkel gemacht, um einen allzu herzlichen Empfang für den Demokraten Obama zu verhindern - was sowohl das Weiße Haus als auch das Bundeskanzleramt scharf zurückgewiesen haben.

Was das Rahmenprogramm für den Besuch des Kandidaten betrifft, so überlegen Berliner Ministerien, Stiftungen und Redaktionen nun, welche Termine man ihm noch anbieten könnte. Von Polit-Konferenzen mit hochrangigen Teilnehmern ist die Rede, Fernseh-Talkshows hoffen auf Interviewauftritte des Kandidaten - nur ist kaum eine dieser Ideen bisher mit Obamas Team besprochen worden.

Obamas Team will Berliner Befindlichkeiten stärker beachten

Erschwert wird die Kommunikation dadurch, dass viele prominente Amerikaner in Berlin im Vorwahlkampf Hillary Clinton unterstützt haben, allen voran der einflussreiche Ex-US-Botschafter in Deutschland, Richard Holbrooke. Er ist einer der Gründer der American Academy am Wannsee. In der Hauptstadt gibt es sehr wenige Leute mit wirklich engen Kontakten zu Obamas Leuten, ob Amerikaner oder Deutsche.

Obamas Stab will auf die Berliner Empfindlichkeiten verstärkt Rücksicht nehmen. Das Vorbereitungsteam besteht Insidern zufolge nicht nur aus den üblichen Planungsexperten für Kandidatenauftritte, sondern auch aus Europa-Experten - das Signal an die Deutschen: Der Auftritt in Berlin wird nicht einfach wie eine US-Wahlkampfveranstaltung angegangen.

Der Demokrat war wegen der Brandenburger-Tor-Kontroverse in den vergangenen Tagen auch in den USA zunehmend unter Druck geraten. In Kommentaren mussten sich seine Berater Naivität und Arroganz bei der Reiseplanung vorhalten lassen. CNN fragte, ob Obama wirklich eine kooperativere Außenpolitik als George W. Bush versprechen könne, wenn er sich schon auf seiner ersten Europa-Reise in eine offene Kontroverse mit einer verbündeten Regierungschefin verstricke. Obama stellte daher am Montag persönlich klar, mit seinem Berlin-Auftritt keine Kontroverse auslösen zu wollen. Es gehe ihm um die Botschaft, nicht um den Ort.

Angeblich plant Obama eine transatlantische Grundsatzrede. Lange Debatten über seine außenpolitische Eignung kann der Bewerber gerade gar nicht gebrauchen. In Umfragen ist sein Vorsprung auf den Republikaner John McCain deutlich geschmolzen. Der betont unermüdlich seine außenpolitische Expertise, auch im Umgang mit Europa.

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