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Deutsch-Brasilianisches Projekt: Sambaschule auf politischem Minenfeld

Foto: Felipe Dana/ AP

Deutschland-Bild in Brasilien Die Samba-Tollpatsche

Sie sind rigide, schwerfällig und nicht gerade sinnenfroh - so sieht man die Deutschen in Brasilien. Durch die Kooperation mit einer Sambaschule wollen Diplomaten und Geschäftsleute das Image polieren. Doch bei der Umsetzung beweisen die Deutschen: Sie sind rigide, schwerfällig und nicht gerade sinnenfroh.

Ein Märchenwald tanzt, auf seinen Ästen wippen die Raben. Nebenan lugt ein zweibeiniger Wolf aus glasigen Augen in den Saal, gegenüber stehen ein Röntgenapparat und Gutenbergs Buchdruckmaschine Modell für die Kostümdesigner von Unidos da Tijuca, einer der größten und ältesten Sambaschulen von Rio de Janeiro.

Männer in weißen Kitteln beugen sich über Zeichenbretter, sie skizzieren Figuren der deutschen Mythologie und Geistesgeschichte. Fotografieren darf man sie nicht; die Halle ist gegen neugierige Blicke abgeschirmt. "Die Spione der Konkurrenz lauern überall", klagt Kommunikationsdirektor Bruno Tenório.

Die zwölf besten Sambaschulen von Rio defilieren jedes Jahr im Sambadrom, der Karnevalsarena von Rio. Hinter dem bunten Spektakel verbirgt sich ein knüppelharter Wettbewerb: Eine Jury bewertet jeden Umzug, zwischen der Siegerschule und dem Vize liegen oft nur Zehntelpunkte. Dem Sieger winken Werbeaufträge und Tourneen ins Ausland. Dieses Jahr hat Unidos da Tijuca gewonnen.

Jedes Jahr wählt die Sambaschule ein neues Thema, komponiert einen neuen Samba, entwirft neue Kostüme und Karnevalswagen. 2013 ist Deutschland das Thema. Der Umzug soll das Deutschlandjahr in Brasilien einleiten.

Michael Worbs, bis vor kurzem deutscher Generalkonsul in Rio, und Alfons Hug, Leiter des Goethe-Instituts, hatten das Projekt angeschoben. Sie träumten von einem glanzvollen Festival deutscher Kultur auf der größten Fete der Welt. An diesem Donnerstag wird es offiziell vorgestellt.

Doch für die Brasilianer ist die Kooperation mit den Deutschen ein Alptraum.

Dem mehrfachen Karnevalssieger droht eine gigantische Blamage: Die versprochenen Sponsoren bleiben aus; das Projekt droht zerrieben zu werden im Streit zwischen Bedenkenträgern der Wirtschaft, eifersüchtigen Diplomaten und der kafkaesken Kulturbürokratie in Berlin.

Mehr als 4000 Kostüme müssen geschneidert werden, acht Karnevalswagen werden mit Hightech-Dekorationen bestückt. Auf umgerechnet etwa fünf Millionen Euro schätzt Tenório die Gesamtkosten für den Umzug. Die Hälfte ist gesichert, die Einnahmen stammen aus Fernsehrechten, Zuschüssen der Stadtverwaltung und örtlichen Sponsoren. Den größten Teil des Restbetrages sollen Spender aus Deutschland aufbringen.

Nicht ein einziges deutsches Unternehmen hat zugesagt

Doch die machen sich rar: Wenige Monate vor dem Karneval hat nicht ein einziges deutsches Unternehmen zugesagt, obwohl sie den Betrag von der Steuer abschreiben können. Den Managern der Sambaschule ist das unbegreiflich. Tenório: "Wir haben um keinerlei finanzielle Garantien gebeten, weil wir den Deutschen vertrauten."

Der Karneval von Rio ist als Plattform zur Selbstdarstellung bei Firmen, Regionen und Ländern beliebt, die Umzüge werden in alle Welt übertragen. Österreich, Italien und Großbritannien haben sich schon im Sambadrom präsentiert, ebenso wie Indien, Mexiko und China. Michelin, L'Oréal und andere französische Großkonzerne traten im Frankreichjahr als Sponsor auf. "Die französischen Firmen waren großzügiger als die Deutschen", klagt Hanno Erwes, Geschäftsführer der deutschen Industrie- und Handelskammer in Rio.

Auch das deutsche Projekt ließ sich zunächst gut an. Die Kooperation mit Unidos da Tijuca ist ein Glücksfall: Die Schule wird professionell gemanagt, sie wird nicht von der Glücksspielmafia kontrolliert wie einige ihrer Konkurrenten. Der Präsident der Sambaschule ließ sich schnell vom Deutschlandthema überzeugen, Generalkonsulat und Goethe-Institut schürten die Hoffnung auf finanzkräftige Sponsoren. Die Probleme begannen, als Goethe-Instituts-Direktor Hug ein fertiges Konzept aus der Tasche zog: mit Richard Wagner als Thema.

Tannhäuser unter Palmen, sambatanzende Walküren, der Karneval als große Oper - das klang im ersten Moment verführerisch. Aber es verschreckte potentielle Geldgeber. Deutsche Firmen in Brasilien fürchteten, dass Wagner vor allem mit Nazis und Antisemitismus assoziiert würde. Ein Unternehmen, das 500.000 Real (rund 190.000 Euro) in Aussicht gestellt hatte, sprang ab.

Die Manager von Unidos da Tijuca reagierten rasch, sie kippten das Wagner-Konzept. Jetzt heißt das Thema "Alemanha Encantada" - zauberhaftes Deutschland. Tenório verspricht einen Streifzug durch die deutsche Geistesgeschichte von den Gebrüdern Grimm bis zu Berthold Brecht: "Kaum ein Brasilianer weiß, dass Rotkäppchen und Schneewittchen in Deutschland erfunden wurden", sagt Tenório. "Sie glauben, das seien Figuren von Walt Disney."

Sambaschule auf politischem Minenfeld

Deutsche Erfinder von Gutenberg bis Röntgen dienen der Schule als Inspiration, auch Fritz Langs Kinoklassiker "Metropolis" und Marlene Dietrich als "Blauer Engel" sind vertreten. "Politik bleibt außen vor", verspricht Tenório. Doch die Wirtschaft mauert weiter, das Auswärtige Amt wiegelt ab.

Die Sambaschule hat sich auf ein politisches Minenfeld begeben, Berlins auswärtige Kulturpolitik ist voller Tücken. Die Bundesregierung versteht sie vor allem als Wirtschaftsförderung, bei der Ausgestaltung darf neuerdings Dirk Niebels Entwicklungsministerium mitreden. Die Ausrichtung der Deutschlandjahre hat Berlin weitgehend dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) überlassen.

In Indien, Russland und China sind die Deutschlandjahre abgefeiert; die Bilanz ist dürftig, über Sinn und Zweck der Veranstaltungen wird erbittert diskutiert. Die SPD-Fraktion brachte Ende Mai eine Große Anfrage im Bundestag zu dem Thema ein.

Brasilien steht noch aus. Das Konzept für das Deutschlandjahr stammt vom Brazil Board, einem Zusammenschluss deutscher Unternehmer innerhalb des BDI. Präsident ist Stefan Zoller, bis vor kurzem Chef des Rüstungskonzerns Cassidian. Der Projektkatalog ist ein buntes Sammelsurium, ein Konzept ist nicht zu erkennen. Von deutscher Glasbläserkunst über einen "deutsch-brasilianischen Finance Kongress" bis zum "Architekturquartett als Kartenspiel" reicht das Angebot. Das Karnevalsprojekt wird ganz am Ende aufgelistet.

Vielen deutschen Managern war die Kooperation mit einer Sambaschule von Anfang an suspekt. Sie leben und arbeiten zumeist in der Industriemetropole São Paulo, Rios Karnevalskultur ist ihnen fremd. Geschäftsreisen an den Zuckerhut gelten als riskant für das Image: Der Stadt eilt ein Ruf als Sündenpfuhl voraus, deutsche Manager möchten nicht mit knapp bekleideten Tänzerinnen im Sambadrom oder auf Karnevalspartys ertappt werden. "Bei Rio läuten in den Firmen alle Alarmglocken", sagt ein Kenner der Szene.

Deutschlands Image in Brasilien? Korrekturbedürftig

Auch die Goethe-Institute, Konsulate und Handelskammern ziehen nicht an einem Strang: Der Generalkonsul in São Paulo war sauer, als sein Amtskollege aus Rio in seinem Beritt auf Sponsorensuche ging, der Botschafter in Brasília stand dem Projekt skeptisch gegenüber. Die deutsche Industrie- und Handelskammer in Rio unterstützt die Kooperation mit der Sambaschule, aber sie will bei dem Projekt eine Kommission kassieren. "Wir müssen uns selbst finanzieren", sagt Geschäftsführer Erwes. Die Kammer in São Paulo will zwar kein Geld, aber sie setzt sich nur halbherzig für das Rio-Projekt ein.

Manager und Diplomaten übersehen dabei, dass der Karnevalsumzug in erster Linie die 186 Millionen Brasilianer ansprechen soll, nicht die deutsche Gemeinde. Deutschlands Image in Brasilien ist korrekturbedürftig, es wird von Bier, Weißwürsten, Michael Schumacher und Hitler geprägt. Die Deutschen gelten als rigide, schwerfällig und nicht besonders sinnenfroh. "Wir werden ein anderes Deutschlandbild zeigen", verspricht Tenório.

Im August war er in Deutschland und hat auf eigene Faust für das Projekt geworben. Er sprach im Auswärtigen Amt, in der Fremdenverkehrszentrale und beim BDI vor, doch außer freundlichen Worten und einem Stapel Visitenkarten hat er nichts mitgebracht. Jetzt gerät er allmählich in Panik. Zulieferer und Handwerker müssen bezahlt werden; um ein neues Thema auszuwählen, ist es zu spät: "Wenn wir keine Sponsoren finden, müssen wir bei Kostümen und Wagen abspecken."

Mit einem Billigumzug würde sich der Champion zum Gespött machen, die Hoffnung auf den Siegertitel wäre dahin - und Deutschland würde sich blamieren.

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