"Dialog der Zivilisationen" Gay-Paraden am Rande der Toleranz

Ein bei der Unesco abgehaltener „Dialog der Zivilisationen" wendet sich gegen das westlich-liberale Verständnis der Menschenrechte. Der Initiator und mögliche Putin-Nachfolger Wladimir Jakunin nutzt das Podium, um die Rolle Russlands ins rechte Licht zu rücken.


Wenn es um die Nachfolge von Präsident Wladimir Putin geht, zählt Wladimir Jakunin zum engeren Kreis der möglichen Kandidaten. Der mächtige Chef der russischen Eisenbahn mag mit seinem sibirischen Quadratschädel aussehen wie ein Sowjetfunktionär alter Schule. Tatsächlich aber bewegt er sich auf internationalem Parkett wie ein Diplomatenprofi.

Christopher Street-Parade in Berlin: ""Minderheiten wollen der Mehrheit ihre Werte aufpressen"
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In geschliffenem Englisch parliert er auf einer von Russland initiierten Konferenz zum "Dialog der Zivilisationen" im Unesco-Gebäude in Paris. Wenn Jakunin, 58, vor 200 Delegierten aus mehr als 30 Ländern die "Globalisierung der humanitären Werte" beschwört, klingt der Moskauer Spitzenpolitiker für einen Moment sogar wie ein eingefleischter west-europäischer Liberaler. Er preist Russland geschickt als stabilisierende Ordnungsmacht für Krisenregionen an. Das russische Wort "mir", so sagt er, bedeutet gleichzeitig Welt und Friede. Und sei nicht die Sprache Ausdruck des Bewusstseins, und Russland folglich eine Friedensmacht.

"Ich möchte daran erinnern, dass andere von constructive destruction sprechen, von kreativer Zerstörung", attackiert er die Amerikaner, ohne sie beim Namen zu nennen. Jeder im Saal aber weiß, wer gemeint ist: die "neocons", die Bush in den Irakkrieg und zum Sturz Saddam Husseins trieben, mit dem Ziel im Nahen Osten amerikafreundliche Demokratien zu installieren. "Von solchem Hegemoniestreben halten wir nichts. Wir wollen Gleichberechtigung", erklärt der russische Politiker.

Jakunin hat den Dialog der Zivilisationen im Jahr 2000 zusammen mit dem indischen Unternehmer und Philanthropen Jagdish Kapur, 86, und dem griechischen Geschäftsmann Nicholas Papanicolaou, 57, ins Leben gerufen. Vor dem Beginn der Konferenz läuft ein Film, der Jakunin im Gespräch mit den Großen der Welt zeigt. Die Botschaft: Russland schließt niemanden vom Dialog aus. Jakunin trifft die Inderin Sonia Gandhi, den König von Jordanien, aber auch den ehemaligen iranischen Präsident Mohammed Chatami und den Kubaner Fidel Castro, deren Länder Diktaturen sind, in denen Menschenrechte mit Füßen getreten werden.

"Wir können nur zu einer Weltgemeinschaft zusammenwachsen, wenn wir miteinander reden. Wir brauchen den Dialog der Bürgergesellschaften", erklärt Jakunin. Auf der diesjährigen Jahreskonferenz, die in der vergangenen Woche in Paris zu Ende ging, saß der Vorsitzende des Nationalen Rates der Kirchen Amerikas, der 45 Millionen Gläubige vertritt, vier Stühle von einem iranischen Professor entfernt. Beide nickten, als ein indischer Professor in den Saal rief, "dass der Westen nicht die Menschenrechte erfunden" habe. Ein chinesischer Professor befasst sich damit, was Konfuzius heute sagen würde und fordert die Ergänzung des westlichen Menschenrechtsbegriffes durch wirtschaftliche und soziale Rechte.

Neben dem ehemaligen Erzbischof von Paris Jean Marie Lustiger hatte der Metropolit Kyrill von Smolensk und Kaliningrad Platz genommen, einer der höchsten Würdenträger der russisch orthodoxen Kirche. Auch Kyrill, so etwas wie der Außenminister der Orthodoxen, grenzte sich von liberalen, westlichen Demokratien ab. Sicherlich sei es der Kern jeder Demokratie, Minderheiten davor zu schützen, diskriminiert zu werden. "Leider aber gibt es eine Tendenz, dass Minderheiten weltweit der Mehrheit ihre Werte aufpressen wollen", klagte er und verurteilte die Idee, auch in Moskau eine Gay-Parade zu veranstalten, als unsittlich. Für Unterfangen dieser Art gebe es "weltweit keine Mehrheit".

Anders als bei vielen russisch-westeuropäischen Foren und Konferenzen saßen die russischen Delegierten diesmal nicht auf der Anklagebank. Sie konnten das gute Gefühl genießen, mehr moralischen Rückhalt in der Welt zu genießen als der alte amerikanische Gegenspieler. Wladimir Jakunin, zugleich Präsident der kirchennahen Wohltätigkeitsorganisation "Zentrum der nationalen Ehre" konnte zufrieden sein. Er hatte etwas für die Ehre Russlands getan.



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