Gewaltnacht in Istanbul Demonstranten harren im Gezi-Park aus

Molotow-Cocktails fliegen, Wasserwerfer spülen Hunderte weg, selbst auf das Lazarett fliegen Gaskartuschen: In der Nacht eskaliert die Gewalt rund um dem Taskim-Platz. Doch die Demonstranten im kleinen Gezi-Park geben nicht auf.
Gewaltnacht in Istanbul: Demonstranten harren im Gezi-Park aus

Gewaltnacht in Istanbul: Demonstranten harren im Gezi-Park aus

Foto: YANNIS BEHRAKIS/ REUTERS

Knapp 24 Stunden nach dem ersten Angriff gleicht der Gezi-Park, gleichen ganze Straßenzüge einem Schlachtfeld. Überall liegen Gaskartuschen, ausgebrannte Autos. Die Demonstranten haben gelbe Farbe an ihren Kleidern, von den Farbbomben. Für sie geht eine Nacht der Schlacht zu Ende.

Ohne jegliche Vorwarnung waren die Streitkräfte der Istanbuler Polizei mit Wasserwerfern und Bodentruppen an den Taksim-Platz vorgedrungen. Seit 14 Tagen gehörte der Platz den Demonstranten, das sollte vorbei sein. Es gehe der Regierung lediglich nur darum, erklärte Premier Recep Tayyip Erdogan, das Atatürk-Kulturzentrum und das Atatürk-Denkmal im Herzen des Platzes von den "Lumpen" zu befreien. Gemeint waren die Flaggen der einzelnen Gruppierungen.

Am Platz selbst wurde mehrfach über Megafon verkündet, dass der Einsatz nicht gegen den Gezi-Park gerichtet ist und seine Bewohner in Sicherheit wären. Doch es kam dann anders.

Immer wieder wurden Gasbomben abgefeuert, Wasserwerfer jagten Demonstranten. Zum Abend eskalierte die Situation. Die Taksim-Plattform hatte die Istanbuler aufgefordert, zum Platz zu kommen. Bis zu 30.000 Menschen waren gefolgt. Am Platz zündeten Aktivisten Autos an, verbrannten den Baumüll. Über den Taksim zogen schwarze Rauchwolken und Gaswolken.

Mit jedem Knall bricht Panik aus

Der Gezi-Park wurde ein Art Fluchtpunkt. Mit dem immer wiederholten Vorwand, sogenannte radikale Randgruppen vom Platz zu entfernen, schossen die Polizisten aus kurzer Entfernung Gasbomben in die Masse. Die Baumschützer, wie Erdogan sie nennt, trugen Dutzende Verletzte ins Lazarett im Gezi-Park.

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Istanbul: Die Nacht der Gewalt

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Menschenmassen flohen Richtung Park. Mit jedem Knall brach in den schmalen Durchgangswegen Panik aus. Sie verließen den Park trotzdem nicht. Die Demonstranten versuchten, sich zu wehren. Obwohl keinerlei Angriffe vom Camp kamen, marschierten die Polizisten in den Eingang des Camps und wurden von einer Menschenkette daran gehindert, weiter vorzudringen.

Die Demonstranten gaben sie nicht auf. Voller Wut sangen sie immer wieder Parolen: "Los, sprüh dein Gas, zieh den Helm aus, wirf deinen Knüppel weg, wenn du dich traust." Und: "Überall ist Taksim, überall ist Widerstand."

In der Nacht wurde es zu einer Straßenschlacht mit den Campbewohnern. Auf der einen Seite dokumentierte die türkische Presse im Livestream, wie die Polizei gegen Militante vorging, die mit Molotow-Cocktails und Feuerwerkskörpern warfen. In der Hintergasse griffen die Streitkräfte die jungen Bewohner und ihre Zelte mit Gasbomben an.

Unfassbare Wut und Verzweiflung

Der Gouverneur der Stadt forderte in den Fernsehnachrichten immer wieder die Eltern in Fernsehnachrichten auf, ihre Kinder aus dem Camp zu rufen, weil es zu gefährlich werden würde für sie, wegen der "radikalen Randgruppen". Opfer der Polizeigewalt waren dann aber keine "radikalen Randgruppen", sondern ausgerechnet die Studenten, die Erdogan und der Gouverneur angeblich vor den bösen Provokateuren schützen wollten.

Es war eine unfassbare Wut und Verzweiflung zu spüren. Wer vom Tränengas kurz erblindet war, rettete sich in die Lobbys der umliegenden Hotels. Dann saßen die Demonstranten verzweifelt auf dem Rasen. Aber auch morgens um fünf Uhr waren sie noch da, klatschten in die Hände.

Im Protestdorf fegten sie den Boden, machten sich einen Tee. Wer an vorderster Front Widerstand geleistet hatte, legte sich schlafen. Andere halten Wache, um Alarm zu schlagen, wenn die Polizei wieder attackiert. Es geht weiter.

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