Österreichischer Präsidentenkandidat Hofers ominöse Israel-Reise

Heftiger Streit kurz vor der Präsidentenwahl in Österreich: Die rechtspopulistische FPÖ sieht ihren Kandidaten Hofer durch den ORF verunglimpft. Der Sender hatte über Merkwürdigkeiten bei einer Israel-Reise berichtet.

FPÖ-Politiker Norbert Hofer
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FPÖ-Politiker Norbert Hofer

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Es ist in Österreich jetzt noch einmal richtig giftig geworden: Zwei Tage vor der Bundespräsidentenwahl kommt es in Wien zu wüsten Beschimpfungen. Aber nicht die beiden Kandidaten, die sich vor wenigen Tagen in einem Rededuell heftig attackiert hatten, gerieten erneut aneinander. Stattdessen griff die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) den öffentlich-rechtlichen Rundfunksender ORF an.

Auf Facebook warf Parteichef Heinz-Christian Strache dem stellvertretenden ORF-Chefredakteur und Moderator Armin Wolf "absurde und niederträchtige" Behauptungen und eine "Manipulationsberichterstattung" vor. Sein Posting eröffnete er mit der Anrede "An Herrn ORF-Wolf!" Auch eine zuvor veröffentlichte Erklärung auf der Homepage der rechtspopulistischen Partei hatte es in sich: Von "Machenschaften des rot-grünen Propagandasenders" war darin die Rede. "Diese perfide und widerliche Wahlmanipulation des ORF muss Konsequenzen haben", forderte Strache.

Warum diese Empörung der FPÖ?

Es geht um Recherchen des ORF zu einer Israel-Reise Hofers im Sommer 2014, mit denen der Sender den Kandidaten gleich mehrfach konfrontierte - zuletzt vor einem Millionenpublikum am Donnerstagabend, als Hofer und sein Kontrahent Alexander Van der Bellen ein letztes Mal vor der Stichwahl diskutierten. Die Recherchen des ORF wecken Zweifel an Hofers Darstellungen zu seiner Reise.

Das schwierige Verhältnis zu Israel

Hofer hatte zuletzt in Interviews wiederholt erklärt, er sei in der Knesset, also dem israelischen Parlament, offiziell von der Vizepräsidentin empfangen worden. Für einen FPÖ-Politiker wäre eine solche Ehre keine Selbstverständlichkeit. Schließlich ist Israel seit jeher ein schwieriges Thema für die Rechtspopulisten, die bei ihrer Gründung in den Fünfzigerjahren vor allem ein Sammelbecken für Altnazis war.

Als die Freiheitlichen 2000 in Regierungsverantwortung kamen, zog Israel vorübergehend seinen Botschafter aus Wien ab. Bis heute gilt ein Kontaktverbot gegen die FPÖ, das das israelische Außenministerium für seine Diplomaten verhängt hat. Gleichwohl bemüht sich die rechtspopulistische Partei schon seit Längerem, ihr Verhältnis zu Israel zu entkrampfen. Beobachter werten dies als Versuch, sich von antisemitischen Wurzeln zu lösen, um sich regierungsfähig zu machen.

Ein offizieller Knesset-Empfang Hofers, der stellvertretender FPÖ-Chef und dritter Nationalratspräsident ist, wäre jedenfalls ein deutliches Signal der Entspannung auch von israelischer Seite gewesen.

Aber gab es diesen offiziellen Empfang vor rund zwei Jahren überhaupt?

ORF-Mann Wolf, ein für seine Arbeit mehrfach ausgezeichneter Journalist, recherchierte - und trug dies zusammen, wie er auf Facebook ausführlich berichtet: Weder österreichische noch israelische Medien hatten über den angeblichen Termin berichtet. Die österreichische Botschaft in Tel Aviv weiß nichts von einem Empfang Hofers in der Knesset zu jener Zeit. Auf Anfrage des "Kurier" schrieb Yotam Yaki, Pressesprecher der Knesset, dass im Juli 2014 keine offizielle Delegation aus Österreich im israelischen Parlament gewesen sei.

"Nicht mit Blasmusik und so weiter"

Wolfs Recherchen legen nahe, dass Hofer bestenfalls inoffizielle Gespräche in der Knesset führte, dass es jedenfalls keinen offiziellen Empfang für Hofer im israelischen Parlament durch die Vizepräsidentin gab. In der Sendung "ZIB2" befragte Wolf den FPÖ-Kandidaten minutenlang zu dem Thema.

Hofer wirkt dabei irgendwann gereizt: "Wollen Sie mir unterstellen, dass ich nicht dort gewesen wäre?", fragt er. Das ist aber überhaupt nicht Wolfs Absicht. Ob Hofer von der Vizepräsidentin offiziell empfangen worden sei, hakt der Journalist nach. Hofers ausweichende Antwort lautet, dass er ein Gespräch mit ihr geführt habe, "aber nicht mit Blasmusik und so weiter".

Auch ein weiteres Detail von Hofers Schilderungen zu seiner Israel-Reise kam den ORF-Leuten merkwürdig vor: Als er den Tempelberg besucht habe, sei wenige Meter von ihm entfernt eine mit Maschinenpistole und Handgranaten bewaffnete Frau erschossen worden, hatte Hofer erzählt - die Frau habe versucht, betende Menschen zu töten.

Während der ORF-Debatte zwischen Hofer und Van der Bellen spielte der Sender ein Statement des Sprechers der israelischen Polizei ein: Es habe Ende Juli 2014 keinen derartigen Zwischenfall am Tempelberg gegeben, sagte Micky Rosenfeld. Nach derzeitigem Wissenstand sei Ende Juli auch keine Frau in Jerusalem getötet worden.

Den Recherchen des ORF-Journalisten Wolf zufolge hatte es an jenem Tag zwar einen Zwischenfall nahe des Tempelbergs gegeben: Die Polizei hatte einer Frau ins Bein geschossen, weil sie an der Klagemauer Warnungen nicht befolgt hatte, anzuhalten. Wolf zitiert israelische Medienberichte, wonach die Frau unbewaffnet war und nach dem Schuss verletzt ins Krankenhaus gebracht wurde.

Hofer empörte sich, als die Sache in der ORF-Sendung thematisiert wurde: Er werde sich wehren, wenn man ihm vorwerfen wolle, dass er die Unwahrheit gesagt habe.

Ob er wohl auch den Bericht im "Standard" gelesen hat? Er trägt die Überschrift: "Dichtung und Wahrheit bei Norbert Hofers Israel-Reise".

Im Video: Der Kandidatencheck zur Stichwahl

insgesamt 157 Beiträge
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Oberfranzl 20.05.2016
1. Hofer hat eindeutig gelogen!
Der gute Mann wollte sich einfach nur wichtig machen. Austeilen können die Blaubraunen bei uns in Ösistan, nur das Einstecken haben sie nie gelernt.
oalos 20.05.2016
2. ganz schlicht und ohne SCHMÄH
Bei Zweifeln hilft der Ratschlag: traue keinem, der lügt.
hoanwind 20.05.2016
3. Ist der Rechtspopulismus das Fundament Europa geworden?
Dann müsste man sich wirklich die Fragen stellen, ob nicht eine Auflösung des momentanen Europas sinnvoll sein könnte. Angesichts die Entwicklung der zunehmenden Rechtspolitik der mehrheitlichen europäischen Länder. Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne ende. Zusammenhalt und ein gemeinsamer Weg sind Fundamente der Euroländer. Nur bei jeder Krise, egal ob gross oder klein ist ein gemeinsamer Nenner in Europa nirgends zu finden. Stattdessen spannt man sogar ein Dispot wie Erdoan ein, um nach Lösung für das Versagen der europäischen Politiker zu finden. Wenn Europa mit solcher Methode die Demokratie und Freiheit verteidigt, muss es sich auch die Fragen gefallen lassen, ob es den Rechtspopulismus absichtlich gerade durch solche Entscheidung heraufbeschwöre?
dr.klugscheisser 20.05.2016
4. Nicht ganz korrekt
die FPÖ war nicht nur ein Sammelbecken für Altnazis. Sie ist heute ein Sammelbecken für Alt- und Neunazis. Und sie ist nicht rechtspopulär, sondern rechtsradikal mit besten Verbindungen in die Naziszene. Rassissmus ist in Österreich ein beliebtes Gesellschaftsspiel. Kein Wunder dass, nachdem die "Volksparteien" diese Leute aus purer Gier nach Machterhaltung gesellschaftsfähig gemacht haben, dieser Geist wieder voll durchschlägt. Wenn Hofer Präsident wird, mit den ihm dann zur Verfügung stehenden Mitteln, wird das ein Remake von Berlin 1933. Fehlt nur noch der Parlamentsbrand. Aber dann können sie sich wenigstens nicht mehr als Opfer deklarieren. Die Enkel der Mitläufer von 38. Jetzt schon stürmen rechte Wirrköpfe Theateraufführungen, die sie für entartete Kunst halten. Und der Aufschrei bleibt aus. Steinpilze heissen hier Herrenpilze. Man findet es gut von einem echten Herrscher getreten zu werden. Also alles Bestens im Osten. Ein paar werden Spass daran haben ein paar Ausländer zu klatschen, die meisten werden sich tatsächlich wundern, wozu nationalistische Schergen in der Lage sind.
wasnulos 20.05.2016
5. Sicher ein spannendes Thema
in Österreich aber gibt es keine wichtigen Themen mehr in Deutschland über die der Spiegel berichten könnte? Mir fielen da auf der Stelle einige ein, aber OK, sind vermutlich nicht wichtig genug für den Spiegel. Armer verstorbener Augstein, was haben sie aus deinem Lebenswerk gemacht. Liebe Grüße Wasnu
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