Die zehn größten Irrtümer der Experten So falsch waren die Prognosen für 2008

Hillary Clinton wird US-Präsidentin, Öl nie wieder billig, Lehman ist so sicher wie die Bank von England und eine Rezession völlig ausgeschlossen. Das alles prognostizierten hochbezahlte Experten Anfang 2008. Das US-Magazin "Foreign Policy" hat die zehn größten Irrtümer aufgelistet.
Von Sebastian Winter

Hamburg - Was für ein Jahr! Piraten entern riesige Öltanker und erpressen ganze Nationen, erstmals in der Geschichte der USA wird ein Schwarzer Präsident, Banken verzocken Milliarden und reißen Berater, Broker und kleine Leute mit in den Abgrund.

Haben Sie das alles vorhergesehen?

Schließlich wird heutzutage fast alles prognostiziert: Wirtschaftsinstitute beziffern, das (Minus-)Wachstum für das kommende Jahr bis auf die zweite Nachkommastelle. Parteienforscher sehen schon jetzt Ergebnisse des Super-Wahljahres 2009 voraus.

Doch was ist aus den Weissagungen für das turbulente Jahr 2008 geworden? Haben Politiker, Kommentatoren und Fachleute richtig gelegen? Nicht alle. Einige sogenannte Experten lagen sogar ziemlich daneben. Und bestätigten damit die gern zitierte Aussage: "Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die

Zukunft betreffen." Der berühmte Satz wird übrigens gleich mehreren Urhebern zugeschrieben (darunter Karl Valentin, Mark Twain und Winston Churchill) - und passt ziemlich gut auf die Vorhersagen für das Jahr 2008.

Das US-Magazin "Foreign Policy" hat die zehn schlimmsten Zitate zusammengefasst:

Hillary Clinton - auf dem Weg zur neuen US-Präsidentin

"Sollte Hillary Clinton im Wahlkampf gegen John Edwards und Barack Obama antreten, wird sie die Kandidatin der Demokraten. Al Gore wäre dann die einzige Bedrohung für sie. Barack Obama wird Hillary Clinton in keiner einzigen Vorwahl der Demokraten schlagen."

(TV-Moderator William Kristol in "Fox News Sunday", 17. Dezember 2006)

"Weekly Standard"-Autor und "New York Times"-Kolumnist William Kristol bewies mit seiner Aussage ziemliches Selbstbewusstsein - immerhin über ein Jahr vor den ersten "Primaries". Nach der Vorwahl in Iowa, die Obama gewann, schwenkte Kristol ins andere Extrem und erklärte, Clinton würde nun auch New Hampshire verlieren und sich kaum erholen können von den Pleiten. Diese Vorhersage traf Kristol interessanterweise in der "New York Times"-Kolumne, die den Titel "President Mike Huckabee?" trug. Das Magazin sucht angeblich nach Ersatz für Kristol.

Michael Bloomberg - noch (k)ein US-Präsident

"New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg wird im Februar in das Rennen um die US-Präsidentschaft einsteigen. Seine vielen Milliarden Dollar werden die Wähler begeistern - und seine Konkurrenten einschüchtern. Er ist seit Teddy Roosevelt der bislang fähigste aller unabhängigen Kandidaten. Doch Bloombergs Stern wird schnell verglühen, wenn er zwischen die Fronten der Republikaner und Demokraten gerät. Er und Clinton werden zusammen mehr als 50 Prozent der Stimmen bekommen, doch Arizonas eigenbrötlerischer Senator John McCain wird Amerikas nächster Präsident werden."

(Im Magazin "Business Week", 2. Januar 2008)

Keine einzige der Vorhersagen von "Business Weeks" "Zehn wahrscheinliche Ereignisse 2008" wurde auch nur annähernd wahr. Nach wochenlangen Täuschungsmanövern erklärte Bloomberg, sich aus dem Rennen herauszuhalten. Bloomberg, Nachfolger des bis Ende 2001 regierenden New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani, ist offenbar an einer dritten Amtszeit in der US-Metropole interessiert.

Die US-Bank Bear Stearns - eine tolle Geldanlage

"Soll ich besorgt sein wegen der Liquidität von Bear Stearns und deshalb mein Geld dort rausholen? Nein! Nein! Nein! Bear Stearns geht es gut. Holt euer Geld nicht raus. Das wäre einfach nur dumm. Seid nicht dumm! Bear Stearns hat keine Probleme. Wenn überhaupt, könnten sie übernommen werden."

(Der Journalist und frühere Investmentbanker Jim Cramer beantwortet in der Sendung "Mad Money" bei CNBC die E-Mail eines Zuschauers, 11. März 2008)

Sechs Tage nach dem flammenden Bekenntnis des angeblichen Finanzexperten verlor die Aktie von Bear Stearns wegen der Verwicklung in faule Kreditgeschäfte 90 Prozent ihres Wertes. Nur mit Hilfe der US-Notenbank wird sie vor der Pleite bewahrt und verkauft.

Bankenpleite - das System ist sicher

"Ich glaube, dass sich das Bankensystem stabilisiert hat. Niemand fragt sich mehr, ob eine große Bank scheitern könnte und wir machtlos dagegen sind."

(Henry Paulson, US-Finanzminister, im "National Public Radio", 13. November 2008)

Paulson stellte im November seine sogenannte "Bazooka" vor, ein 700-Milliarden-Dollar-Programm zur Rettung der Banken. Mitte November hatte er schon 300 Milliarden ausgegeben, obwohl er solche direkten Hilfen früher immer abgelehnt hatte. Unglücklicherweise gab der Börsenkurs der Citigroup nach Paulsons milder Gabe innerhalb einer Woche um 75 Prozent nach und schloss erstmals nach 14 Jahren unter fünf Dollar.

Tanker vor Somalia - volle Kraft voraus

"In Wirklichkeit sind die Gefahren für maritime Öllieferungen viel geringer, als man denkt. Erstens sind Tanker viel robuster, als Experten glauben. Zweitens können regionale Konflikte Tanker auf ihrem Weg nicht aufhalten, darüber hinaus hätten terroristische Angriffe auf Öltanker keinen nennenswerten wirtschaftlichen Effekt. Drittens könnte nur die US-Marine Öltanker wirklich aufhalten."

(Dennis Blair und Kenneth Lieberthal in "Foreign Affairs", Mai/Juni 2007)

Am 15. November 2008 entführten somalische Piraten im Golf von Aden einen saudischen Tanker mit zwei Millionen Barrel Rohöl an Bord. In diesem Jahr haben Piraten in dieser Region schon über 40 Schiffe gekapert, nach nur 13 Entführungen 2007, berichtet das Piracy Reporting Center im malaysischen Kuala Lumpur. Der Golf von Aden, den vier Prozent des weltweit nachgefragten Rohöls passieren, stand zudem nicht auf einer von Blair und Lieberthal veröffentlichten Liste strategischer Entführungsorte. Ihr Essay, in dem die strategischen Punkte veröffentlicht waren, hieß "Bequemes Segeln: Die weltweiten Schifffahrtswege sind sicher." Dennis Blair ist als Chef der US-Geheimdienste unter dem designierten US-Präsidenten Barack Obama im Gespräch.

Rezession - was ist das?

"Jeder, der sagt, wir sind in einer Rezession oder schlittern gerade in die schlimmste seit der Großen Depression - erfindet seine eigene private Definition einer Rezession."

(Donald Luskin, Ökonom, in der "Washington Post", 14. September 2008)

Nur einen Tag nach Luskins Gastkommentar meldete die Bank Lehman Brothers Insolvenz an, der Rest ist Geschichte. Blogger hatten lange davor Luskin als "Stupidest Man Alive" tituliert.

Präsidentschaftswahl in Kenia - läuft wie geschmiert

"Trotz der Fehler - ein Beispiel für Andere."

("The Economist", 19. Dezember 2007)

Gut eine Woche vor der kenianischen Präsidentschaftswahl pries ein wenig durchdachtes Editorial der eigentlich gut informierten britischen "Newsweekly" die kenianische Demokratie und sagte voraus, dass sie ein Beispiel für den Rest des Kontinents sein könne. Die folgende Wahl war von Stimmzettelfälschung und Betrug durchzogen. Im Monat darauf brachen ethnische Konflikte und Kämpfe aus, die über 1000 Menschenleben forderten, 300.000 Kenianer flüchteten. Das Blutbad endete mit einem faulen Kompromiss zwischen dem Präsidenten Mwai Kibaki und seinem Herausforderer Raila Odinga. Das Land war tief gespalten, seine Regierung ohne Legitimation.

LHC-Teilchenbeschleuniger - der große Weltzerstörer

"Es ist möglich, destruktive theoretische Anomalien wie schwarze Löcher in Miniaturform oder seltsame Materie zu erschaffen. Diese Dinge können unseren Planeten verändern oder sogar zerstören."

(Walter Wagner, Betreiber der Homepage LHCdefense.org)

Der Wissenschaftler Walter Wagner, der hinter der Protestaktion LHCdefense (Bürger gegen den LHC-Teilchenbeschleuniger) steht, klagt vor einem Gericht in Hawaii gegen das Genfer Kernforschungszentrum (CERN), die den Teilchenbeschleuniger baute. Wagner verlangt, dass er nicht eingesetzt werden dürfe, bevor er hinreichend auf seine Sicherheit geprüft worden sei. Das Gerät versagte aber kurz nach der Inbetriebnahme im September und muss aufwendig repariert werden. Erst Mitte 2009 ist ein neuer Startversuch geplant.

Ölpreis - zwingt die Menschen aus dem Auto

"Die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Ölpreis in den nächsten 6 bis 24 Monaten zwischen 150 bis 200 Dollar je Barrel bewegt, steigt."

(Arjun Murti, Goldman Sachs-Analyst, 5. Mai 2008)

Murtis vielgerühmte Vorhersage-Künste - von der "New York Times" wurde Murti Orakel des Öls genannt - ließen den Analysten dieses Mal im Stich. Im Juli hatte der Ölpreis mit 147 Dollar je Barrel seinen höchsten Stand, mit der Wirtschaftskrise fiel er jedoch stark bis unter 40 Dollar. Experten halten sogar einen Wert um 25 Dollar je Barrel für möglich.

Kaukasus-Krieg - nach Georgien ist die Ukraine fällig

"Es fängt an mit der Übernahme von Südossetien und Abchasien, was bereits geschah. Es wird weitergehen mit der Vernichtung von Georgiens Armee. Die dritte Entwicklung wird wahrscheinlich die Ablösung der pro-westlich orientierten Regierung sein und der Aufbau eines Marionetten-Kabinetts."

(Charles Krauthammer, Kolumnist bei "Fox News", 11. August 2008)

Nach dieser falschen Vorhersage (Russland akzeptierte einen Waffenstillstand, zog seine Truppen einige Wochen später ab und ließ die georgische Regierung mit ihrem Präsidenten Michaeil Saakaschwili im Amt) orakelte Krauthammer, dass die Ukraine der nächste Staat auf Russlands Abschussliste sei und schlug vor, dort US-Truppen zu stationieren. Bislang geschah nichts dergleichen, Saakaschwilis Umfragewerte lagen im September bei 76 Prozent.

sew
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