Dioxin-Vergiftung Mediziner hält Juschtschenko für suizidgefährdet

Deprimierende Prognose für den ukrainischen Präsidentschaftskandidaten Juschtschenko. Ein deutscher Toxikologe zweifelt an einer raschen Genesung des Oppositionsführers. Ein Parlamentsausschuss hat eine neue Untersuchung der Ursache der Vergiftung Juschtschenkos angekündigt.

Kiew - Der Münchener Toxikologe Max Daunderer äußerte in einem Interview mit dem Radiosender WDR 2 Zweifel an den Aussagen der Wiener Ärzte, wonach Juschtschenkos Gesundheitszustand insgesamt wieder befriedigend sei. "Ich nehme an, dass er sehr krank ist", sagte der Professor.

Nach einer Dioxinvergiftung sei davon auszugehen, "dass jetzt alle Organe gefährdet sind". Außerdem führe das Gift zu erheblichen Änderungen der Persönlichkeitsstruktur, Depressionen und Selbstmord-Gedanken. Dioxin sei daher typisch für Mordanschläge von Geheimdiensten: "Man geht ja davon aus, dass dann der Vergiftete, wenn die Wirkung einsetzt, nach wenigen Wochen durch einen Selbstmord stirbt", sagte Daunderer.

Während des Wahlkampfs hatte die Regierung unter Präsidentschaftskandidat Wiktor Janukowitsch immer wieder Juschtschenkos Krankheit instrumentalisiert. Der Oppositionsführer sei wegen seiner Krankheit ein Sicherheitsrisiko. Daher solle man ihn besser nicht als Nachfolger des scheidenden Präsidenten Leonid Kutschma wählen.

Gestern hatten Ärzte der Wiener Klinik Rudolfinerhaus mitgeteilt, Wiktor Juschtschenko sei mit Dioxin vergiftet worden. Heute hat ein Parlamentsausschuss in Kiew weitere Untersuchungen zu dem Fall angekündigt. Dieser Ausschuss hatte bereits zuvor die Krankheitsursache Juschtschenkos untersucht, war dabei jedoch zu dem Ergebnis gekommen, Juschtschenkos Körper weise keine Spuren biologischer Waffen auf. Festgestellt wurde lediglich, der 50-jährige Politiker leide unter einem viralen Infekt und mehreren anderen Krankheiten.

Der Ausschussvorsitzende Wolodymyr Siwkowytsch - ein Anhänger von Ministerpräsident Wiktor Janukowitsch, dem Gegner Juschtschenkos bei der neu angesetzten Präsidentschaftswahl am 26. Dezember - zeigte sich auch im Vorfeld der erneuten Untersuchung skeptisch: "Wir sind nicht überzeugt, dass eine absichtliche Vergiftung bewiesen werden kann", sagte er.

Doch auch die ukrainische Staatsanwaltschaft kündigte nach den jüngsten Ergebnissen aus Wien an, ihre im Oktober ohne Ergebnis eingestellten Ermittlungen wieder aufzunehmen.

Juschtschenko forderte gestern, den Beginn der Untersuchung auf die Zeit nach der Wahl am 26. Dezember zu verschieben. Er wolle nicht, dass die Wähler von den Ermittlungen beeinflusst würden, egal ob positiv oder negativ, sagte der Oppositionsführer. Die Ermittlungen des Untersuchungsausschusses bedürfen der Zustimmung des Parlaments, das den Zeitpunkt daher noch beeinflussen könnte.