Diplomatenposten in Berlin Tübinger Professor wird afghanischer Botschafter

Präsident Karzai schickt einen langjährigen Gefährten nach Berlin: Rahman Ashraf, Geologe an der Uni Tübingen, wird neuer Botschafter von Afghanistan. Als "erster afghanischer Asylant" war er vor mehr als 40 Jahren in die Bundesrepublik gekommen. Jetzt plädiert er für Gespräche mit den Taliban.

Künftiger Botschafter Ashraf (Mitte): "Auch die Taliban sind Söhne unseres Landes"

Künftiger Botschafter Ashraf (Mitte): "Auch die Taliban sind Söhne unseres Landes"

Von , Islamabad


Ein Stipendium brachte ihn 1968 zum Studium nach Bonn, seither ist er Deutschland verbunden: Abdul Rahman Ashraf, 66, längst deutscher Staatsbürger, wird jetzt Botschafter Afghanistans. Präsident Hamid Karzai wählte mit dem Geologen, der seit knapp 20 Jahren an der Universität Tübingen lehrt und forscht, einen langjährigen Vertrauten für diesen Posten aus.

Wie es in afghanischen Diplomatenkreisen heißt, hatte es um die Besetzung ein langes Hickhack gegeben. Es ist ein offenes Geheimnis in Kabul, dass man auf afghanischen Botschafterposten vor allem in westlichen Ländern viel Geld einnehmen kann. So sollen frühere Diplomaten Teile von Visumsgebühren in die eigenen Taschen gesteckt haben.

Afghanistan gilt als eines der korruptesten Länder der Welt. Ashraf räumt ein, dass sich die Mentalität der Afghanen nach 30 konfliktreichen Jahren verändert habe. "Gesellschaftliche Grundwerte wie Nationalbewusstsein, Aufrichtigkeit, Toleranz und Loyalität sind in den Köpfen vieler Menschen abhanden gekommen", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Bekämpfung der Korruption sei daher eine der größten Herausforderungen für das Land.

In seinem neuen Amt will Ashraf dafür werben, dass Deutschland bei der Gestaltung eines neuen Afghanistans eine Schlüsselrolle übernimmt, indem die wirtschaftliche Zusammenarbeit verstärkt wird. "Mit Waffen kann man keinen dauerhaften Frieden schaffen, mit Arbeitsplätzen aber sehr wohl." Er wolle die deutsche Öffentlichkeit darüber informieren, "warum die Söhne und Töchter Deutschlands als Soldaten, Entwicklungshelfer, Polizisten, Diplomaten oder Lehrer" den Wiederaufbau am Hindukusch unterstützen. Zudem sollten die deutschen Steuerzahler "intensiver erfahren, was mit ihren Steuergeldern in Afghanistan geschieht".

Als Muslim Mitglied in der CDU

Trotz der vielen schlechten Nachrichten sei er hoffnungsvoll für die Zukunft Afghanistans - vorausgesetzt, man beziehe die Taliban in eine zukünftige Machtstruktur ein. "Wenn wir ihnen langfristige Perspektiven bieten, wird das nicht auf taube Ohren stoßen, schließlich sind auch sie Söhne unseres Landes und wollen ihre Kinder in Frieden aufwachsen sehen", sagt er. "Das Sprichwort, dass man Frieden nur erreichen kann, wenn man auch mit seinen Feinden redet, gewinnt in Afghanistan an Bedeutung." Das Reden über mögliche Abzugsszenarien westlicher Truppen aus Afghanistan hält Ashraf dagegen für "nicht dienlich". "Die Radikalislamisten nehmen sonst irrtümlich an, dass wir aus einer Position der Schwäche heraus verhandeln wollen."

Eigentlich wollte Ashraf nach seiner Promotion in Bonn im Jahr 1978 nach Afghanistan zurückkehren. Doch ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt putschten die Kommunisten in Afghanistan, dann marschierte das sowjetische Militär ein. Ashraf entschied sich zu bleiben. "Ich wurde in Deutschland als erster afghanischer Asylant anerkannt und erhielt relativ kurz nach dem Einmarsch der Roten Armee den deutschen Pass." Als Muslim sei er sogar Mitglied der CDU geworden. "Meine Nationalität oder Religion spielten nie eine übergeordnete Rolle", sagt er. Für Christen und Muslime seien vielmehr "klassische Themenblöcke wie Familie und Bildung" von politischer Bedeutsamkeit.

Erst vor acht Jahren, nach dem Sturz der Taliban, kehrte Ashraf nach Kabul zurück, um den damals neuen Präsidenten Karzai in den Bereichen Bergbau und Energie zu beraten. In Afghanistan werden große Rohstoffvorkommen vermutet, das Land hofft auf ein Ende des Krieges und einen wirtschaftlichen Aufschwung mit Hilfe dieser Ressourcen.



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