Diplomatische Krise Eiszeit zwischen Ankara und Jerusalem

Der Botschafter wurde des Landes verwiesen, alle Militärabkommen gestoppt. Mit drastischen Mitteln lässt die Türkei den Streit mit Israel über den Angriff auf die Gaza-Hilfsflotte eskalieren. Jerusalem droht auf lange Zeit einen wichtigen Verbündeten zu verlieren.

Türkeis Premier Erdogan: Scharfe Kritik an Israel
AFP

Türkeis Premier Erdogan: Scharfe Kritik an Israel

Von Gil Yaron, Jerusalem


Niemand war in Israel überrascht, als Türkeis Außenminister Ahmet Davutoglu am Freitag seinen "Plan B" in Gang setzte und Israels Botschafter Gabi Levy des Landes verwies. "Israel hat alle Gelegenheiten verschenkt, die Krise beizulegen und muss jetzt dafür zahlen", erklärte der Außenminister in militantem Ton. "Die diplomatischen Beziehungen werden auf das Niveau des zweiten Sekretärs heruntergesetzt", sagte Davutoglu in einer eilig einberufenen Pressekonferenz. Außerdem würden alle militärischen Kontakte und Verträge annulliert. Die Türkei erkenne Israel Seeblockade des Gaza-Streifens nicht mehr an, werde sie deshalb künftig vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag bekämpfen und Israels Gegner vor Gericht unterstützen.

Die Aussagen des Außenministers bringen die Beziehungen zwischen den zwei Staaten auf einen historischen Tiefpunkt. Dabei galt die Türkei den Israelis noch vor einem Jahrzehnt als wichtigster Verbündeter in der Region. Die Beziehungen können auf eine lange Geschichte zurückblicken. Gern erinnert man in Ankara daran, dass das Osmanische Reich im 16. Jahrhundert die jüdischen Flüchtlinge der spanischen Inquisition aufnahm. Bis heute leben etwa 23.000 Juden in der Türkei. Die Türkei war 1949 der erste Staat mit einer muslimischen Mehrheit, der Israel anerkannte.

Seit der Machtübernahme der islamistischen "Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung" AKP im Jahr 2003 kriselt es jedoch in den engen Beziehungen. Immer öfter kam aus Ankara offene Kritik. Sie verschärfte sich nach dem Wahlsieg der radikal-islamischen Hamas in den palästinensischen Autonomiegebieten im Jahr 2005. "Die AKP sieht in der islamistischen Hamas eine Schwesterpartei", sagt Alon Liel, Israels ehemaliger Botschafter in der Türkei.

Ministerpräsident Erdogan war einer der ersten Regierungschefs, der Hamas-Führer Khaled Maschal nach dessen Wahlsieg als Staatsgast empfing. Damit untergrub er zum Unmut Israels die westliche Isolation der Extremisten. Die Spannungen wuchsen, als Israels Erzfeinde 2007 die ganze Macht im Gaza-Streifen an sich rissen. Der Krieg Israels gegen die Hamas im Januar 2009 wurde dann zu einem Wendepunkt: Erdogan sprach dem Judenstaat das Recht auf einen Sitz in den Vereinten Nationen ab, prophezeite Israels Untergang, weil Allah diejenigen strafe, die die Rechte Unschuldiger verletzen, und bezichtigte in einer Rede im türkischen Parlament eine internationale jüdische Medienlobby, falsche Berichte über den Krieg im Gaza-Streifen verbreitet zu haben, "um Angriffe auf Schulen, Moscheen und Krankenhäuser zu rechtfertigen". Der Angriff auf die Gaza-Hilfsflottille und die diplomatische Krise, die darauf folgte, war nur ein weiterer Schritt in dieser seit Jahren zunehmenden Eskalation.

Aus jeder Krise mit Israel schlägt die Türkei Kapital

Noch ist man in Israel über die grundlegenden Ursachen der Krise geteilter Meinung. Der linke Flügel sieht außenpolitische Fehler als Hauptgrund. Erdogan soll von Israel persönlich zutiefst enttäuscht gewesen sein, als seine Vermittlungsversuche zwischen Premier Ehud Olmert und Syriens Präsident Baschar al-Assad im Jahr 2009 scheiterten. Vor Ausbruch des Krieges im Gaza-Streifen wähnte Erdogan sich kurz vor einem prestigeträchtigen diplomatischen Durchbruch, der durch Israels Angriff in Gaza vereitelt wurde.

Andere sehen in den türkisch-israelischen Beziehungen hingegen einen Gradmesser der inneren Machtverhältnisse in der Türkei. Je mächtiger das Militär, desto enger die Beziehungen zu Israel. Je stärker Erdogan und seine islamischen Gefolgsmänner, desto mehr kühlt das Verhältnis ab. "Die Türkei macht einen fundamentalen Wandel durch", sagt Dr. Anat Lapidot vom van Leer Institut in Jerusalem. Langfristig führe das zu einer Neuorientierung, in deren Rahmen die Türkei sich immer enger an die arabische Seite binde, sagt auch Professor Dan Schüftan von der Universität Haifa Letztlich sei es einerlei, wie Israel sich verhalte: Erdogan setze auf die Bindung zur arabischen Welt und habe Israel und dem Westen den Rücken gekehrt.

Aus jeder Krise mit Israel schlage Ankara letztlich in der arabischen Welt politisches Kapital. Die Hamas begrüßte denn auch den Beschluss Ankaras, Israel Botschafter heimzuschicken. Quellen in Jerusalem führen das Verhalten der Türkei als weiteres Indiz einer absichtlich herbeigeführten Eskalation an. Setzten sich manche Minister noch für eine offizielle Entschuldigung gegenüber Ankara ein, um die Krise nach der Erstürmung der "Mavi Marmara" beizulegen, machte Erdogan jede Chance einer Aussöhnung zunichte, als er neben der erniedrigenden Entschuldigung auch die Aufhebung der Seeblockade Gazas zur Grundbedingung machte.

Die bilateralen Beziehungen zwischen Israel und der Türkei wurden in den vergangenen drei Jahren schon oft totgesagt, hinter den Kulissen jedoch gab es bisher dennoch weiterhin enge Kontakte in Wirtschaft und Militär. Noch ist unklar, wie weit Ankara die neue Eskalation treiben will. Der Weg zurück scheint jedenfalls immer weiter zu werden.

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