Diplomatischer Eklat Kunst, Blut und ein wütender Botschafter
Berlin - Was Mazel so aufbrachte, war ein Boot mit dem Bild einer palästinensischen Selbstmordattentäterin in einem Bassin, das mit blutroter Flüssigkeit gefüllt ist. "Das ist keine Kunst, das ist widerwärtig", schimpfte der Botschafter bei der Eröffnung der Ausstellung "Making Differences" im Stockholmer Historischen Museum und schritt zur Tat. Seine Begründung: Er sei der Überzeugung, das Werk rufe zum Mord an Israelis auf und verzerre schamlos die Realität.
Der Vorfall löste einen diplomatischen Streit zwischen Schweden und Israel aus. Die schwedische Regierung bezeichnete das Verhalten Mazels unangemessen. Heute nun bestellte das schwedische Außenministerium den israelischen Botschafter ein. Doch auch nach dem mündlichen Protest von Schwedens neuer Außenministerin Leila Freivald äußerte er kein Wort des Bedauerns. Er habe sich nicht entschuldigt, da er emotional nicht anders habe reagieren können.
Trotzdem waren Freivalds und Mazel bemüht zu versichern, dass die Beziehungskrise vorübergehend sei. Allerdings machte Freivalds auch klar, dass es nicht in ihrer Macht liege, die Installation zu entfernen. Das Museum müsse selbst darüber entscheiden, was es zeige.
Zuvor hatten Israels Ministerpräsident Ariel Scharon, Außenminister Silwan Schalom und der Minister für Innere Sicherheit, Zachi Hanegbi, das Vorgehen des Botschafters gelobt, da er damit gegen einen wachsenden Antisemitismus in Europa eingetreten sei. Auch in der israelischen Botschaft in Berlin empfindet man das Kunstwerk als "mehr als geschmacklos". Anstatt einer Entschuldigung von Mazel erwartet auch Amit Gilad, Sprecher der Botschaft, dass vielmehr Schweden sich von dem Werk distanziert, wie er zu SPIEGEL ONLINE sagte.
Die Installation des aus Tel Aviv stammenden Künstlers Dror Feiler, 52, trägt den Titel "Schneewittchen und der Wahnsinn der Wahrheit". Er ist in Schweden Mitglied der Gruppe "Juden für einen israelisch-palästinensischen Frieden", die gegen die israelische Besetzung der Palästinenser-Gebiete kämpft. Die in seinem Werk abgebildete Selbstmordattentäterin hatte im Oktober in Haifa im Norden Israels 22 Menschen mit in den Tod gerissen.
"Ein geistiger Zwerg"
Feiler, seit Anfang der Siebziger in Schweden beheimatet, nannte Mazel einen "geistigen Zwerg", der seine Meinung "im Stil eines Fußball-Randalierers" vertrete. Seine Arbeit verherrliche keine Selbstmordattentate. Die "Haaretz" zitiert Feiler, wie er auf Hebräisch schimpfte: "Du tust genau das, was du in Nablus tun würdest. Dies ist ein freies Land, und ich kann hier sagen, was ich will, nicht wie in deinem Apartheidstaat". Mittlerweile erhält der Sohn eines israelischen Kommunisten nach eigenen Angaben Drohanrufe.
Feiler ist eigentlich studierter Musiker und Komponist, der sich auch auf diesem Arbeitsgebiet als politischer Künstler versteht. Seine Kompositionen tragen Titel wie "Shrapnel" (Krieg), "Lasst die Reichen nackt gehen" oder "Intifada".
Diesmal hatte neben seiner Installation Gunilla Skoeld Feiler, schwedische Künstlerin und Ehefrau von Feiler, versucht, die Motive der palästinensischen Selbstmordattentäterin zu erklären. Als Hintergrundmusik lief die Kantate 199 von Johann Sebastian Bach: "Mein Herz schwimmt in Blut." Bereits am Samstag wurde sein Kunstwerk wieder in Stand gesetzt.
Nach Angaben aus dem schwedischen Außenministerium will Israel einer vom 26. bis 28. Januar in Stockholm geplanten Konferenz über die Verhinderung von Völkermord fern bleiben, wenn die Installation nicht permanent aus dem Historischen Museum entfernt wird. Museumschef Kristian Berg schloss einen solchen Schritt kategorisch aus und lud Mazel zu einer öffentlichen Debatte über seine Aktion ein.
Die ist in Israel bereits ausgebrochen: Schweden und Israel, schreibt die "Haaretz" in einem Kommentar, seien beides Demokratien, in denen die Freiheit der Kunst zum Kanon der Grundrechte gehört. Und die müsse unter allen Umständen verteidigt werden. Allerdings habe auch Mazel eigenständig und nicht im Auftrag seines Staates gehandelt. Scharon dürfe diese Tat nicht einfach verteidigen und glorifizieren, damit der Vorfall nicht zur Normalität wird.
Unterstützung erhielt Feiler mittlerweile auch von seiner Mutter, die in einem israelischem Kibbuz lebt: Ihr Sohn protestiere gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Doch auch die Mutter der Attentäterin meldete sich nun aus dem Westjordanland zu Wort. Und in ihrem Kommentar liest sich beispielhaft, wie hart die Fronten zwischen Israelis und Palästinenser noch immer sind. Nach wie vor herrscht das Prinzip Auge um Auge, Zahn um Zahn. Denn für sie zeigt die Kontroverse lediglich, dass ihre Tochter keine Terroristin ist, sondern vielmehr diejenigen, die sie angeblich zu ihrer Tat brachten: die Israelis.
Der Künstler Fieler fürchtete sich besonders vor einer Kunst, die durch die Zuckerwatte der Akzeptanz nicht mehr Aufrütteln vermag. Im Juni vergangenen Jahres führte er folgendes in einem Essay aus: "Eines der boshaftesten Attribute des Spätkapitalismus ist seine Fähigkeit, allen Widerstand im Namen der Akzeptanz zu absorbieren. Dieses Konzept selbst kann als unglaublich brillant und als extrem gefährlich angesehen werden: Herrschaft durch Akzeptanz."
So gesehen muss ihm der undiplomatische Diplomat Mazel einen Gefallen getan haben.