Dirty Tricks Wenn Kriegsgründe erfunden werden

Von Jochen Bölsche

3. Teil: Lesen Sie im 3. Teil, wie der nahezu unglaubliche Geheimplan "Northwoods" enttarnt wurde und warum hohe US-Militärs zum Zwecke der Desinformation einst sogar eigene Landsleute ermorden lassen wollten.


Besonders mißtrauisch beäugen US-Friedensfreunde seit langem das wohl merkwürdigste territoriale Konstrukt der Welt: die beiden Flugverbotszonen im Norden und im Süden des Irak. Dort, wo amerikanische und britische Maschinen unablässig irakisches Territorium kontrollieren und bombardieren, so fürchteten sie schon voriges Jahr, könnten sich schon bald Dinge ereignen, die den Persischen Golf in einen "Tonkin-Golf" verwandeln würden.

Die "no-fly zones" (NFZ) waren nach dem Golfkrieg, 1991 und 1992, von den westlichen Siegermächten eingerichtet worden. Weil keine eindeutige Zustimmung der Uno vorlag, nannte die "New York Times" diesen Schritt "vermutlich unklug und womöglich illegal".

"Hidden trigger" in der Wüste?

Die Zweifel von damals sind vergessen, Amerikaner und Briten reklamieren für ihre Präsenz in den NFZ mittlerweile das Gewohnheitsrecht. US-Oppositionsblätter wie das liberale Magazin "The American Prospect" wiederum sehen in den verbotenen Wüstenzonen einen verborgenen Auslöser ("hidden trigger") für einen möglichen Krieg.

Schüsse auf amerikanische oder britische Militärmaschinen in den NFZ, betonen Washingtoner Regierungssprecher, würden als ernsthafte Verletzung einschlägiger UN-Resolutionen angesehen - als casus belli. Damit aber, argumentiert "Prospect"-Kolumnist Robert Dreyfuss, hätten es die auf einen Angriff erpichten amerikanischen Strategen in der Hand, jederzeit einen Kriegsanlass zu provozieren oder vorzutäuschen. Absurd?

Kaum einem gesunden Hirn würden solche Gedanken entspringen - wenn, ja wenn nicht Pläne für eine Geheimoperation mit dem Codenamen "Northwoods" existierten, die 1962 entwickelt wurden und gespenstische Einblicke in die menschenverachtende Mentalität der höchsten US-Militärs jener Jahre geben.

"Wir könnten ein US-Schiff in die Luft jagen"

Die "Top secret" gestempelten Dokumente, die mittlerweile auf Grund eines Kongressbeschlusses freigegeben und voriges Jahr erstmals veröffentlicht worden sind, hatte der Chef des Vereinigten Generalstabs in Washington, General Lyman L. Lemnitzer, ausarbeiten lassen. Darin aufgeführt sind seitenweise Vorschläge für dirty tricks, von deren Ausführung sich die Militärs öffentliche Unterstützung für einen zeitweise geplanten US-Überfall auf das kommunistische Kuba versprachen.

Die schriftlich niedergelegten Ideen der Top-Militärs reichen von der Ermordung unschuldiger Bewohner von US-Städten bis hin zu vorgetäuschten Anschlägen auf US-Kriegsschiffe, die Fidel Castro in die Schuhe geschoben werden sollten: "Wir könnten ein US-Schiff in der Bucht von Guantanamo in die Luft jagen und Kuba beschuldigen," heisst es da, und: "Die Listen der Todesopfer in den US-Zeitungen würden eine hilfreiche Welle nationaler Empörung auslösen."

Auch Flugzeugentführungen und Bombenattentate in US-Großstädten wurden in Erwägung gezogen, um "die kubanische Regierung vor den Augen der internationalen Öffentlichkeit so darzustellen, dass sie ... als alarmierende und unkalkulierbare Bedrohung für den Frieden der westlichen Hemisphäre erscheint".

Ein toter Astronaut als Kriegsvorwand

Detailliert ist in den "Northwoods"-Papieren auch dargestellt, wie sich mit Hilfe raffiniert gestalteter Flugrouten, gefälschter Kennzeichen und präparierter Wracktrümmer der Eindruck erwecken lässt, ein US-Flugzeug sei durch kubanisches Militär abgeschossen worden.

Sogar für einen möglichen Tod des Astronauten John Glenn wollten die Militärplaner Kuba verantwortlich machen: Sollte beim ersten Versuch der USA, einen Menschen ins All zu befördern, die Rakete explodieren, könne das Unglück kubanischen Saboteuren angelastet und als Vorwand für einen Krieg genutzt werden.

Als die Papiere voriges Jahr durch den Buchautor James Bamford ("Body of Secrets") und den TV-Sender ABC bekannt wurden, vernahm die Öffentlichkeit erleichtert, dass der einstige Präsident John F. Kennedy die Umsetzung der "Northwoods"-Pläne abgelehnt habe.

Erst "top secret", jetzt im Internet

Zwei Jahre später allerdings startete Kennedy-Nachfolger Johnson die Tonkin-Intrige, womöglich nach einem ganz ähnlichen Drehbuch.

Mittlerweile stehen die Faksimiles der "Northwoods"-Akte also im Internet - gleichsam als ein virtuelles Mahnmal, das daran erinnert, zu welchen Teufeleien selbst in der grössten Demokratie der Welt Obskuranten in Uniform fähig sein können, sofern nicht im Weißen Haus ein Mann mit einem Minimum an Anstand sitzt, der sie bremst.



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