Dissidenten Syrisches Regime verhaftet scharfzüngigen Kritiker

Seit Monaten geht Syrien mit wachsender Härte gegen politische Dissidenten vor. Nun wurde einer der wichtigsten Köpfe der Opposition verhaftet. Michel Kilo hatte eine Petition zur Anerkennung der Souveränität des Libanon unterschrieben.

Von Gabriela Keller, Damaskus


Sonntagmittag, so teilte die Familie des Oppositionellen mit, ist Michel Kilo aufs Polizeirevier beordert worden - eine solche Vorladung allein ist für Regimekritiker in Syrien fast alltäglich. Nur ist der 66-Jährige diesmal nicht, wie üblich, nach ein paar Stunden nach Hause zurückgekehrt. Offenbar reagiert die Staatsmacht mit der Verhaftung auf eine Petition, die Kilo vergangenen Donnerstag unterzeichnet hatte. Zusammen mit 273 weiteren Intellektuellen forderte er darin ein Ende der syrischen Einflussnahme auf den Libanon.

Michel Kilo: "Scharfzüngig und besonnen"
Gabriela Keller

Michel Kilo: "Scharfzüngig und besonnen"

Offiziell hat die Regierung freilich keine Stellung genommen. "Wir sind uns aber sicher, dass die Petition der Grund ist", sagt Anwar al-Bunni, ein bekannter syrischer Menschenrechtsanwalt. "Denn schon Tage zuvor ist Michel Kilo von den Sicherheitskräften dazu befragt worden. Sie haben von ihm verlangt, dass er nicht unterzeichnet."

Doch Kilo unterschrieb, und die Petition wurde am Freitag veröffentlicht - zeitgleich mit einem Resolutionsentwurf, den die USA, Großbritannien und Frankreich im Uno-Sicherheitsrat vorgestellt haben. Damit soll Syrien gezwungen werden, die Souveränität des Libanon anzuerkennen. Obwohl die Petition Sanktionen und ausländische Einmischung entschieden ablehnt, verlangt das Schreiben im Grunde dasselbe wie der Resolutionsentwurf: Syrien solle die Unabhängigkeit seines Nachbarstaates akzeptieren, die gemeinsame Grenze festlegen und diplomatische Beziehungen aufnehmen.

"Sie können uns einsperren - wir werden weitermachen"

Kilos laute, klare Stimme ist eine der wenigen, die in Syrien scharfe Kritik an der Staatsmacht üben. Seit Jahrzehnten kämpft er vor allem gegen den Ausnahmezustand, der die Bevölkerung seit über 40 Jahren knebelt, Versammlungen von mehr als fünf Leuten verbietet, willkürliche Verhaftungen ermöglicht und Widerspruch zu einer kriminellen Handlung erklärt. Dabei ist sich der große, kräftige Mann mit ruhelosen Augen und energischem Zug um den Mund aller Risiken bewusst. "Ich weiß, dass ich unter strengster Kontrolle lebe", sagte er jüngst in seiner Wohnung in Damaskus. "Mein Telefon wird rund um die Uhr abgehört, ich denke, dass auch in meiner Wohnung Mikrofone installiert sind." Regelmäßig werde er, wie alle anderen Dissidenten, zum Geheimdienst zitiert, verhört, beschimpft, eingeschüchtert, einige Stunden lang. "Aber sie können uns keine Angst machen", sagte er mit müdem Schulterzucken. "Sie können uns einsperren, aber wir werden trotzdem weitermachen."

Der Christ aus der Hafenstadt Latakia lebt mit seiner Familie in einem aufgeräumten, ruhigen Viertel nahe der Damaszener Innenstadt. Da er in Münster und München Volkswirtschaft und Publizistik studiert hat, spricht er nahezu akzentfreies Deutsch. Einmal saß der Autor und Journalist bereits im Gefängnis, zwischen 1980 und 1983. Seither wurde Kilo zwar behindert, aber nicht mehr eingesperrt - der linke Bürgerrechtler ist bis ins Ausland bekannt, eine Verhaftung würde Syrien einmal mehr unvorteilhaft in die Schlagzeilen bringen. Doch diese Unannehmlichkeit wiegt nun offenbar weniger als die Entschlossenheit, jegliche Kritiker zum Schweigen zu bringen.

"Der Druck wird immer stärker", sagt Anwalt al-Bunni. Kilos Verhaftung sieht er als Teil einer systematischen Strategie, die ohnehin nur wenigen Oppositionellen vollends mundtot zu machen - al-Bunni selbst wurde jüngst seine Arbeitserlaubnis entzogen. Was weiter mit Kilo geschehen wird, ist derweil ungewiss: "Ich vermute, dass sie ihn schnellst möglich vor ein Gericht stellen werden", sagt der Anwalt.

"Alles, was anderswo normal ist, ist hier verboten"

Der Politologe Marwan al-Qabalan sieht in der neuen Härte gegen die Opposition eine Warnung: Niemand im In- oder Ausland solle damit rechnen, dass das Regime angesichts des internationalen Drucks klein beigibt. Schließlich lastet auf Syrien weiter der Verdacht, für die Ermordung des libanesischen Premiers Rafiq al-Hariri im vergangenen Februar die Verantwortung zu tragen. "Sie wollen zeigen, dass sie weiter stark sind und die Lage unter Kontrolle haben", sagt al-Qabalan. Zum anderen soll eine Opposition gar nicht erst Raum zum Wachsen bekommen - damit Forderungen nach einem Regimewechsel weiter damit abgeschmettert werden können, dass es keine Alternative zum derzeitigen System gibt.

Dabei ist Michel Kilo stets ein entschiedener Gegner amerikanischer Einmischung und hastiger Demokratisierung gewesen, ein nachdenklicher Intellektueller, scharfzüngig zwar, doch dabei besonnen, eher ein Vordenker als ein Umstürzler. "Ein schlechtes Regime ist immer noch besser als Chaos oder ausländische Besatzung", sagte er SPIEGEL ONLINE vor kurzem im Hinblick auf einen gewaltsamen, von außen dirigierten Wechsel. "Die Bevölkerung ist dazu noch zu schwach."

Sein Ziel sei es, zuerst ein zivilgesellschaftliches Bewusstsein wachsen zu lassen, dann, nur dann, habe Demokratie eine Chance, gegen das Risiko des Chaos zu bestehen "Wir arbeiten in Gelassenheit, obwohl wir ständig bedroht sind", erklärte er und beschrieb mit einer scharfen Falte zwischen den Brauen, wie das Regime die Botschaft der Oppositionellen auf dem Weg zur Masse ausbremst: "Es herrscht Parteien-, Versammlungs-, Sprech- und Denkverbot. Alles, was anderswo normal ist, ist hier verboten." Michel Kilo hat sich nie an die Verbote gehalten. Nun hat ihn der Staat fürs Erste zur Ordnung gerufen.



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