Dissidentin Alexejewa "2017 ist Russland demokratisch"

Die russische Menschrechrechtlerin Ludmilla Alexejewa, 84, kämpft seit Jahrzehnten für mehr politische Freiheit in ihrer Heimat. Im Interview erklärt sie, warum das System Putin verwundbar ist und Russland sich trotz aller Rückschläge positiv entwickelt.
Menschrechrechtlerin Alexejewa: "Putin ist ein Glückspilz"

Menschrechrechtlerin Alexejewa: "Putin ist ein Glückspilz"

Foto: Dmitry Lovetsky/ ASSOCIATED PRESS

Wenn Ludmilla Alexejewa, 84, zu Bett geht, liegen stets Stift und Block in Reichweite: Die Chefin der Menschenrechtsorganisation "Moskauer Helsinki Gruppe" wird nachts regelmäßig von geplagten Bürgern aus dem Riesenreich angerufen.

Alexejewa ist die große alte Dame der Kreml-Opposition und unermüdliche Kämpferin für Demokratie. Anfang der fünfziger Jahre trat sie in die Kommunistische Partei ein und studierte "alle von Lenin je verfassten Bücher". 1966 setzte sie sich dennoch für regimekritische Schriftsteller ein. 1968 wurde sie aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen und verlor ihre Arbeit. 1977 drängte der Geheimdienst KGB sie zur Emigration, bis zu ihrer Rückkehr 1993 lebte Alexejewa in den USA. Seither hat sie einen US-Pass.

Für ihr Durchhaltevermögen hat sie eine einfache Erklärung: "Ich habe gute Nieren, einen guten Appetit, ich schlafe gut. Solche Menschen sind geborene Optimisten."

SPIEGEL ONLINE: Sie setzen sich seit fünf Jahrzehnten für Demokratie und Menschenrechte ein, die meiste Zeit aber ohne nachhaltigen Erfolg. Heute schreiben wir 2012. Wie bewerten Sie die Lage im Land?

Alexejewa: Die Bewertung hängt vom Bezugspunkt ab, ich war 25, als Stalin starb. Nimmt man Stalins Herrschaft als Maßstab, dann leben wir heute sehr frei. Verglichen mit den neunziger Jahren aber haben wir uns weit zurück bewegt. Nicht, dass Russland damals besonders demokratisch gewesen wäre. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hatte die Staatsmacht schlicht genug damit zu tun, Ämter und Reichtümer zu verteilen. Niemand kümmerte sich um die Gesellschaft. Das war keine Demokratie, aber wir fühlten uns deutlich freier.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie wirklich freier oder hatten Sie nur mehr Hoffnungen?

Alexejewa: Natürlich hatten wir Hoffnungen, aber auch echte Freiheit. Es gab keine Einmischung des Staates in die Belange von Organisationen und Parteien, die Medien waren frei.

SPIEGEL ONLINE: Anfang März wählt Russland einen neuen Präsidenten. Wladimir Putin ist Favorit. Wird er - trotz der Proteste - siegen?

Alexejewa: Das ist wahrscheinlich. Aber sein Rückhalt sinkt. Seine dritte Präsidentschaft wird anders sein als die beiden zuvor. 2000 war Putin noch der Präsident der Hoffnungen. Er versprach eine "Diktatur des Gesetzes". Doch er hat sein Versprechen gebrochen.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist Putin bis heute für viele attraktiv?

Alexejewa: Er ist ein Glückspilz. Putin wurde Präsident, als die Wirtschaft sich entwickelte. Dazu kamen enorme Ölpreise. Das Schicksal schenkte uns eine einzigartige Chance, einen riesigen Sprung in Politik, Wirtschaft und Lebensstandard nach vorn zu machen. Viele Bürger konnten nur schwer vergleichen: In den neunziger Jahren lebten sie schlecht. Danach ging es ihnen besser. Die Menschen verstanden aber nicht, dass die Verbesserungen mit den Umständen zu tun hatten, nicht mit Putin. Leider hat Putin statt einem russischen Wirtschaftswunder in diesen Jahren nur einen Kapitalismus der Freunde aufgebaut. So ging schon Spaniens Diktator Franco vor: für Freunde alles, dem Rest das Gesetz.

"Siege konsolidieren Regime"

SPIEGEL ONLINE: In den neunziger Jahren kehrten Sie aus dem US-Exil zurück. Hätten Sie sich damals vorstellen können, dass sie mit 84 Jahren noch demonstrieren gehen?

Alexejewa: Ich habe nie überhaupt einen Gedanken daran verschwendet, ob ich mit 84 Jahren überhaupt noch etwas mache. Aber im Ernst: Ich habe auch in den neunziger Jahren nicht erwartet, dass wir in zwei Jahren ein demokratischer Staat sein werden. Rückschläge sind kein Zeichen des Scheiterns. Die Freiheit verliert man leicht, aber sie zu gewinnen ist eine sehr lange und schwierige Angelegenheit, und der Rechtsstaat ist ein Blümchen, das nur sehr langsam wächst. Andererseits finde ich, wir entwickeln uns schnell.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie?

Alexejewa: 2009 sprach ich in Berlin mit einem jungen Deutschen. Ich habe ihm gesagt: Unsere Völker haben beide furchtbare Regime erlebt, Hitler und Stalin. Ihr Deutschen aber habt Hitler aus euren Herzen und Hirnen vertrieben, wir haben das mit Stalin nicht geschafft. Er erwiderte: Ich weiß nicht, wo wir heute ständen, wenn wir den Krieg gewonnen hätten, und nicht Russland. Siege konsolidieren Regime. Ich bereue nicht, dass wir siegten, aber ich verstehe, dass unser Weg zur Demokratie länger und schwieriger ist, als bei den Deutschen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Optimistin. Schließen Sie einen Rückfall in alte Zeiten wirklich aus? Viele Ihrer Landsleute unterstützen nationalistische Parolen wie "Russland den Russen".

Alexejewa: Es gibt nicht viele Faschisten in Russland. Fremdenfeindlichkeit kommt leider auch in wohlhabenderen Gesellschaften als unserer vor. Wir leben in einer Epoche einer großen Völkerwanderung.

SPIEGEL ONLINE: Wird es einen neuen Stalin geben?

Alexejewa: Nein. Es wird keinen Stalin, keinen Hitler geben. Diese Epoche haben wir hinter uns. Putin wird vielleicht die nationalistische Karte spielen, wenn die Lage sehr eng für ihn wird. Das aber wäre gefährlich, denn wir leben in einem Vielvölkerstaat.

SPIEGEL ONLINE: Schon jetzt fordern viele Nationalisten, die Finanzhilfen für den muslimisch geprägten Nordkaukasus zu stoppen.

Alexejewa: Unsere Nationalisten sind verrückt geworden, wollen sie den Zerfall des Landes? Worin unterscheiden sie sich dann von tschetschenischen Terroristen?

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mal vorhergesagt, Russland werde 2017 ein demokratisches Land sein. Bleiben Sie dabei?

Alexejewa: Ja. Wir entwickeln uns schnell. 2017 werden wir keine Demokratie wie England sein, aber vielleicht wie Estland. Wir werden freie, faire Wahlen haben.

SPIEGEL ONLINE: Wenn die Opposition an die Macht käme, gehen Sie dann in den wohlverdienten Ruhestand?

Alexejewa: Bestimmt nicht. Wenn ich das noch erlebe, werde ich am nächsten Tag vor der Tür des Kreml stehen und ihnen auf die Finger schauen. Denn jede Macht, jede Regierung verletzt die Menschenrechte, sofern die Bürger das zulassen.

SPIEGEL ONLINE: 1952, damals regierte noch Stalin, sind Sie selbst in die Kommunistische Partei eingetreten. Warum?

Alexejewa: Ich war der Meinung, dass die Partei den falschen Weg eingeschlagen hatte. Ich dachte, wenn ich eintrete, kann ich den Kurs korrigieren, antisemitische Tendenzen stoppen und den Lügen ein Ende machen. Ich habe dann schnell verstanden, dass ich zwar Karriere machen, die Partei aber niemals verändern kann.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie keine Furcht, als sie sich für inhaftierte Schriftsteller und Dissidenten engagierten?

Alexejewa: Ich war nicht sehr klug. Ich habe nicht verstanden, dass ich Angst haben muss. Ich war mir sicher, dass sie keine Verbrechen verüben würden, nicht, weil ich so mutig gewesen wäre, sondern aus Naivität.

Das Interview führten Benjamin Bidder, Britta Sandberg und Matthias Schepp in Moskau
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