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21. August 2017, 12:51 Uhr

Autor Akhanli über türkischen Haftbefehl

"Warum ausgerechnet jetzt in Spanien? Merkwürdig, oder?"

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Die Türkei wirft dem deutschen Schriftsteller Dogan Akhanli vor, ein Terrorist zu sein. Er landete in Spanien zunächst im Gefängnis, darf das Land vorerst nicht verlassen. Im Interview berichtet er, was ihn nun erwartet.

Am Samstag wurde der deutsche Schriftsteller Dogan Akhanli an seinem spanischen Urlaubsort Granada festgenommen. Gegen ihn liegt ein türkischer Haftbefehl vor, er wurde per Interpol gesucht. Nachdem der Fall Schlagzeilen machte und Bundeskanzlerin Angela Merkel, Außenminister Sigmar Gabriel sowie Politiker aus der Opposition sich für ihn einsetzten, kam er am Sonntag wieder frei.

Die Türkei wirft Akhanli vor, ein Terrorist zu sein. Er wurde 1957 im Nordosten der Türkei geboren, wuchs in Istanbul auf und flüchtete 1991 nach Deutschland, wo er seither in Köln und Berlin lebt. Als einer der ersten Schriftsteller thematisierte er in seiner Romantrilogie "Die verlorenen Meere" den Völkermord an den Armeniern vor einem Jahrhundert. Die Vorwürfe der Türkei gegen ihn sieht er deshalb als politisch motiviert.

Im Interview mit SPIEGEL ONLINE berichtet er, was er am Wochenende erlebt hat - und was ihn nun erwartet.

SPIEGEL ONLINE: Herr Akhanli, was genau ist am Samstagmorgen passiert?

Akhanli: Meine Frau und ich haben geschlafen, als es an der Hotelzimmertür klopfte. Ich öffnete, und da standen Polizeibeamte. Mein erster Gedanke war, das habe mit den Terroranschlägen in Barcelona zu tun. Ich dachte, vielleicht wollen sie jetzt einfach alle ausländischen Gäste kontrollieren. Mich verwunderte, dass sie nur nach meinem Ausweis verlangten, nicht nach dem meiner Frau. Sie forderten mich auf, sie zur Polizeistation zu begleiten. Ein Grund für all das wurde mir nicht genannt, aber ich fing allmählich an zu ahnen, worum es geht.

SPIEGEL ONLINE: Haben die Polizisten es Ihnen erklärt?

Akhanli: Erst zwei Stunden später sagte man mir, dass die Türkei mich über Interpol suchen lässt.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat die spanische Polizei Sie denn ausfindig gemacht?

Akhanli: Diese Frage stelle ich mir auch und finde keine Antwort. Wir haben unser Hotel ganz normal gebucht. Aber das haben wir in den vergangenen Jahren ja auch schon oft getan, in Frankreich, Italien, Portugal, in den Niederlanden, und nie ist etwas passiert. Warum ausgerechnet jetzt in Spanien? Merkwürdig, oder?

SPIEGEL ONLINE: Wussten Sie, dass Sie mit einem türkischen Haftbefehl gesucht werden?

Akhanli: Mir wurde 2010 in der Türkei vorgeworfen, Kopf einer Terrororganisation mit dem Codenamen "Dogan K." zu sein, außerdem soll ich 1989 in einen Raubüberfall verwickelt gewesen sein, bei dem ein Mensch ermordet wurde. Das war natürlich alles aus der Luft gegriffen. Die Türkei will mich zum Schweigen bringen. Ich wurde später von einem Gericht in Istanbul freigesprochen, aber dann wurde 2013 der Freispruch wieder aufgehoben. Damals wurde ein sofortiger Haftbefehl erteilt, aber ich wusste nicht, dass sie mich im Ausland per Interpol suchen. Einerseits habe ich es vermutet, andererseits sucht die Türkei Abertausende von Menschen, sodass ich davon ausging, Europa nimmt das nicht mehr ernst.

SPIEGEL ONLINE: Und was machen Sie nun?

Akhanli: Ich muss erst mal eine günstige Wohnung in Madrid finden. Ein Hotelzimmer für viele Wochen kann ich mir nicht leisten. Den Aufenthalt muss ich ja selbst bezahlen. Ich habe die Auflage, Spanien nicht zu verlassen, bis das Gericht etwas anderes beschließt. Die Türkei hat 40 Tage Zeit, einen Auslieferungsantrag zu stellen und zu begründen. Dann wird man in Spanien darüber entscheiden. So lange werde ich also mindestens hier bleiben müssen. Aber alles in allem geht es mir gut. Immerhin kann ich mich in Spanien frei bewegen. Nur jeden Montag muss ich zum Gericht in Madrid und eine Unterschrift leisten.

SPIEGEL ONLINE: Aber was, wenn das Gericht am Ende zugunsten der Türkei entscheidet?

Akhanli: Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich als deutscher Staatsbürger an ein Nicht-EU-Land ausgeliefert werde, aber beunruhigt bin ich schon. Ich habe ja nicht damit gerechnet, dass der Arm der türkischen Regierung bis nach Spanien reicht. Vor einigen Tagen wurde hier auch ein schwedischer Journalist mit Wurzeln in der Türkei festgenommen. Er sitzt jetzt in spanischer Untersuchungshaft. Auch in seinem Fall verlangt die Türkei eine Auslieferung. Dass ich frei bin, habe ich der schnellen Reaktion der deutschen Presse und der Bundesregierung zu verdanken.

SPIEGEL ONLINE: Was genau wirft Ihnen die Türkei jetzt vor?

Akhanli: Als der spanische Richter mir die Vorwürfe vorlas, fühlte ich mich an den ersten Verhandlungstag im Prozess von 2010 zurückversetzt, als der Staatsanwalt die Anklage gegen mich verlas. Die Vorwürfe sind also immer noch dieselben. Übrigens sucht der Staatsanwalt, der mich damals lebenslänglich ins Gefängnis schicken wollte, jetzt auch Asyl in Deutschland, weil ihm die Türkei vorwirft, Mitglied einer terroristischen Organisation zu sein. Ist das nicht absurd? Ich sollte mich vielleicht mal mit ihm treffen.

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