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Dohuk in Kurdistan: Flüchtlinge in der Mehrheit

Foto: GIZ/ Kirchgessner

Dohuk im Nordirak 500.000 Einwohner, 650.000 Flüchtlinge - und es geht

Mehr Flüchtlinge als Einwohner: In Dohuk ist das inzwischen Alltag, die Stadt im Nordirak hat sich damit arrangiert. Doch fürchten die Bewohner einen neuen Ansturm, wenn die Schlacht um das nahe gelegene Mossul beginnt.

Jeden Tag treibt die Hoffnung Lokman Mahmud in die Stadt. Vielleicht wird er heute seiner Familie helfen können? Jeden Tag sucht er Arbeit, auf einer Baustelle oder in einem Restaurant. Unter den Flüchtlingen spricht sich herum, wo es gerade etwas zu verdienen gibt. Da geht Mahmud, 45, hin. Er putzt, buddelt, schleppt, jeden Tag viele Stunden. Auch bei fast fünfzig Grad Hitze, für umgerechnet mal drei, mal fünf Dollar am Tag. Meistens, sagt er, gibt es aber nichts zu verdienen. Keine Jobs.

Gemeinsam mit elf weiteren Familienmitgliedern ist Mahmud, der Kurde, vor drei Jahren aus der syrischen Hauptstadt Damaskus nach Dohuk geflohen. Die Bomben der Assad-Armee trieben sie in die 500.000-Einwohner-Stadt im kurdischen Autonomiegebiet im Nordirak. "Wir werden wohl für immer hierbleiben", sagt Mahmud. "Was sollen wir in Damaskus? Unser Haus ist zerstört. Alles ist kaputt. Dort ist niemand mehr."

In Dohuk gefällt es ihm ganz gut, schließlich erhält die Region inzwischen Hilfe aus aller Welt. Auch Deutschland beteiligt sich, rund 37 Millionen Euro hat das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung für die kommenden eineinhalb Jahre bewilligt. Die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit baut in den Camps Schulgebäude aus Containern, hilft beim Aufbau der Wasser- und Stromversorgung und errichtet Zelte. Unter Aufsicht eines deutschen Gerüstbauers errichten jesidische Flüchtlinge derzeit Großzelte, die als Büros für das Campmanagement genutzt werden können.

Trotz dieser Hilfen gibt es Probleme. "Früher haben wir Lebensmittelgutscheine über 30 Dollar pro Kopf im Monat erhalten. Jetzt sind es nur noch neun Dollar im Monat", sagt Mahmud. Manche Flüchtlinge in Dohuk erzählen sogar, dass sie gar nichts mehr erhalten. Wenn das so bleibe, sagt Mahmud, und sich die Lage am Arbeitsmarkt nicht entspanne, müsse man vielleicht doch über eine Flucht nach Europa nachdenken. Dann würden die Ersparnisse zusammengekratzt, um zu sehen, ob es reicht für die teuren Schlepper.

35.000 Menschen, Zelt an Zelt

Mahmud weiß nichts von dem Hass, der den Menschen aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und anderswo in vielen Ländern Europas entgegenschlägt. Er ahnt nichts von brennenden Heimen in Deutschland, von den Ertrunkenen im Mittelmeer, den Knüppeln an den Zäunen in Ungarn und den Erstickten in Lastwagen in Österreich. Er hat erlebt, wie die Bewohner von Dohuk mit Säcken voller Kleidung, Matratzen, auch Geld gekommen sind, um zu helfen. Er spürt aber auch, dass die Lebensmittelhilfen, die sie hier im Camp erhalten, nicht mehr reichen, weil dem Uno-Welternährungsprogramm die Spenden ausgehen.

Und dabei hat Mahmud noch Glück gehabt. Denn wer heute als Flüchtling nach Dohuk kommt, wird abgewiesen. Es gibt keinen Platz mehr. Im Camp Domiz leben rund 35.000 Menschen Zelt an Zelt, bis zu sieben Personen auf sechzehn Quadratmetern. Und das ist nur dieses eine Lager. Insgesamt sind es 22 in der Region, mit Zigtausenden von Menschen. Etwa 60 Prozent der Flüchtlinge leben außerhalb von Camps, manche auf der Straße, andere bei Verwandten, die Wohlhabenden haben sich Wohnungen gemietet oder ein Hotelzimmer. Die Mieten sind dramatisch gestiegen, ebenso die Hotelpreise, ein Zimmer für weniger als 180 Dollar die Nacht muss man lange suchen.

In Dohuk leben mehr Flüchtlinge als Einheimische

Knapp 650.000 Flüchtlinge suchen derzeit in Dohuk Schutz vor der Terrororganisation "Islamischer Staat" und vor der syrischen Armee. Etwa 105.000 davon stammen aus Syrien, 545.000 sind Menschen aus dem irakischen Staatsgebiet, sie stellen mithin die größte Gruppe der Binnenflüchtlinge weltweit.

Mit anderen Worten: In Dohuk leben mehr Flüchtlinge als Einheimische.

Ist das nicht ein gewaltiges Problem? Ismail Mohammad Ahmed, Vizegouverneur von Dohuk, schüttelt den Kopf. "Nein, bislang läuft alles glatt", sagt er. Das habe sicher damit zu tun, dass die Einheimischen die Neulinge als "Brüder und Schwestern" sehen, die dieselbe Sprache sprechen und denselben kulturellen Hintergrund haben. Hin und wieder komme es zu Streitereien zwischen Kurden und Arabern, "nichts Größeres", beschwichtigt Ahmed. "Ich kann aber nachvollziehen, dass es anderswo wie zum Beispiel in Deutschland größere Probleme gibt."

Allerdings rechnet Ahmed auch in Dohuk mit Schwierigkeiten. "Die Zahl der Flüchtlinge wächst, während die Hilfe, die wir von der Uno erhalten, abnimmt", sagt er. Ein weiteres Problem sei, dass die Zentralregierung in Bagdad Geldzahlungen in das kurdische Gebiet verzögere und Gehälter für Staatsbedienstete deshalb mit monatelanger Verspätung ausgezahlt würden. "Wir mussten außerdem sämtliche Bauprojekte stoppen." Dazu zählt auch Wohnungsbau für Flüchtlinge. Gespenstisch wirken die leeren Hochhäuser nun direkt neben dem Camp.

Aus der Regierung des kurdischen Autonomiegebiets ist außerdem zu hören, dass mehr als 70 Gesundheitszentren in Camps aus Geldgründen geschlossen werden mussten. Jetzt strömen die Flüchtlinge zu den Ärzten in der Stadt - die Krankenhäuser sind überfüllt.

Und die Lage könnte sich schon bald noch weiter verschärfen. Spätestens wenn Amerikaner und Kurden - womöglich mit anderen Verbündeten - beginnen, die im Juni 2014 vom IS eroberte Stadt Mossul zu befreien. Mossul liegt nur etwa 80 Kilometer südlich von Dohuk. "Wir rechnen dann mit weiteren Hunderttausenden Binnenflüchtlingen", sagt Ahmed. "Wie und wo wir die unterbringen sollen, wissen wir nicht."


Zusammengefasst: In Dohuk leben mehr Flüchtlinge als Einwohner, trotzdem funktioniert das Leben in der Stadt im nordirakischen Kurdistan - auch dank internationaler Hilfen. Nun aber sind die Lager voll, viele Menschen denken über eine Flucht nach Europa nach. Wenn der Angriff auf die IS-Einheiten in Mossul beginnt, dürfte sich die Lage noch einmal massiv verschärfen.

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