Dokumentation Rede von Uno-Generalsekretär Kofi Annan


Oslo - Uno-Generalsekretär Kofi Annan hat bei der Entgegennahme des Friedensnobelpreises 2001 am Montag in Oslo unter anderem gesagt:

"Heute wird in Afghanistan ein Mädchen geboren. Ihre Mutter wird es im Arm halten und stillen, wird es umhegen und liebevoll umsorgen, so wie es jede Mutter, wo immer auf der Welt, tun würde. In dieser urmenschlichen Vorgangsweise kennt die Menschheit keine Unterschiede. Aber als Mädchen im heutigen Afghanistan geboren zu werden, bedeutet ein Leben zu beginnen, Jahrhunderte von dem Wohlstand entfernt, den ein kleiner Teil der Menschheit für sich errungen hat. Es ist ein Leben unter Bedingungen, das viele von uns in diesem Saal als unmenschlich bezeichnen würden. (...)

Die wirklichen Grenzen unserer Zeit verlaufen nicht zwischen Staaten, sondern zwischen den Mächtigen und den Machtlosen, den Freien und den Gefesselten, den Privilegierten und den Gedemütigten. Keine Mauer kann heute humanitäre Krisen oder Menschenrechtsverletzungen in irgendeinem Teil der Welt von nationalen Sicherheitskrisen in einem anderen Teil trennen. (...)

Wir haben das dritte Jahrtausend durch ein Feuertor betreten. Wenn wir heute, nach den Schrecken des 11. September, besser und weiter sehen können, werden wir erkennen, dass die Menschheit unteilbar ist. Neue Gefahren machen keinen Unterschied zwischen Rassen, Nationen oder Regionen. (...)

Ein Forum wurde geschaffen - die Vereinten Nationen - in dem alle Nationen ihre Kräfte vereinen konnten, um die Würde und den Wert jedes Menschen zu bekräftigen und Frieden und Entwicklung für alle Völker zu gewährleisten. (...)

In diesem neuen Jahrhundert müssen wir von der Erkenntnis ausgehen, dass der Friede nicht nur Staaten und Völkern, sondern jedem einzelnen Mitglied dieser Gemeinschaften gehört. Die Souveränität der Staaten darf nicht länger als Schutzschild für schwere Menschenrechtsverletzungen missbraucht werden. (...)

Die Grundrechte des Einzelnen sind für Immigranten und Minderheiten in Europa oder in Nord- und Südamerika um nichts weniger wichtig als für Frauen in Afghanistan oder Kinder in Afrika. Sie sind genauso bedeutsam für die Armen wie für die Reichen, sie sind genauso notwendig für die Sicherheit der Industriestaaten wie jene der Entwicklungsländer.

Aus dieser Vision der Rolle der Vereinten Nationen im nächsten Jahrhundert ergeben sich drei entscheidende Prioritäten für die Zukunft: die Beseitigung der Armut, die Verhinderung von Konflikten und die Förderung der Demokratie. Nur in einer Welt frei von Armut können alle Männer und Frauen das Beste aus ihren Fähigkeiten herausholen. Nur wo die Rechte des Einzelnen geachtet werden, können Meinungsverschiedenheiten politisch behandelt und friedlich beigelegt werden. Nur in einem demokratischen Umfeld, das auf der Achtung der Vielfalt und auf Dialog beruht, können individuelle Selbstverwirklichung und Selbstregierung gesichert und die Vereinigungsfreiheit garantiert werden."



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