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25. Oktober 2010, 11:14 Uhr

Dokumente aus dem Irak-Krieg

Chinesische Zeitung feiert Wikileaks-Enthüllungen

Den WikiLeaks-Enthüllungen zum Irak-Krieg folgt weltweit ein unterschiedliches Echo: Während sich die US-Regierung empört, halten sich chinesische Medien mit Kritik zurück. Ein Blatt sieht in den Veröffentlichungen ein Beleg für amerikanische Menschenrechtsverletzungen.

Peking - Die Enthüllungen der Plattform WikiLeaks zum Irak-Krieg haben weltweit für Aufsehen gesorgt - vor allem in den USA. In ersten Reaktionen sprach Washington von einer "Gefahr" und einer "Bedrohung" für seine Soldaten. Ganz anders in China: Dort werden die Veröffentlichungen der insgesamt 391.832 geheimen Feldberichte aus dem Irak-Krieg teilweise mit Genugtuung aufgenommen.

Der Grund dafür: Die geheimen Militärdokumente zeigen aus chinesischer Sicht amerikanische Menschenrechtsverletzungen. "Die Enthüllungen geben der Welt eine Gelegenheit, das wahre Gesicht des von den USA geführten Krieges im Irak zu sehen, das sonst vertuscht worden wäre", schreibt die englischsprachige Tageszeitung "China Daily" am Montag in einem Kommentar. Das Ausmaß der Verbrechen "sollte jeden rechtschaffenen Menschen empören".

"Es setzt wieder ein großes Fragezeichen hinter das von den USA selbst verbreitete Bild des Weltmeisters der Menschenrechte", hieß es unter Hinweis auf die wiederholte Kritik der USA an der Menschenrechtslage in Entwicklungsländern. Dabei lehnten es die USA ab, "ihre eigenen, in den Wikileaks dokumentierten Menschenrechtsverletzungen aufzuklären oder wiedergutzumachen". Die Papiere ließen durchschauen, wie die USA zweierlei Maß anlegten.

Das Parteiorgan "Renmin Ribao" hingegen schreibt auf seiner Webseite eher sachlich, die Veröffentlichung komme zu einer "heiklen Zeit" und werde in der gegenwärtigen Situation im Irak "Öl ins Feuer gießen". Außerdem werde es vor den Wahlen in den USA im November sicherlich "in einem gewissen Grad negative Auswirkungen" auf die Regierung von US-Präsident Barack Obama haben.

Auch die englischsprachige Zeitung "Global Times" berichtete nachrichtlich und zitierte nur am Ende eine chinesische Expertin, die darauf hinwies, dass sich die Internet-Technologie durch ihre schnelle Entwicklung staatlicher Kontrolle entziehe. "Das stellt eine große Herausforderung für alle Regierungen dar", sagte Tang Lan, Vizedirektorin des Instituts für internationale Beziehungen.

Der SPIEGEL, der Londoner "Guardian", die "New York Times" und andere Medienunternehmen haben die 391.832 von WikiLeaks veröffentlichten Militärdokumente intensiv analysiert. Die Enthüllungen werfen ein neues Licht auf den Konflikt - und belegen auf einzigartige Weise, wie hilflos die hochgerüstete Supermacht USA jahrelang war.

anr/dpa

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