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100 Tage im Amt: Immer noch Wahlkämpfer

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Trumps ganz eigene Bilanz 100 Tage Angriff

Drei Monate voller Niederlagen? Von wegen. Bei einem Auftritt in Pennsylvania resümiert Donald Trump seine ersten 100 Tage im Amt - und gibt einen Vorgeschmack auf seinen Wahlkampf 2020.

Es wirkt ein wenig, als habe die Wahl nie stattgefunden. "Sperrt sie ein!", rufen die Zuschauer und meinen natürlich Hillary Clinton, die ehemalige Präsidentschaftskandidatin der Demokraten. "Baut die Mauer!", schallt es durch die Halle. Zwei Sätze, zwei Wahlkampfschlager. Musik an, Donald Trump winkt, ab die Show.

Harrisburg, Pennsylvania, zwei Stunden westlich von Philadelphia: Trump ist dort, wo er am liebsten ist, im Kreise seiner Anhänger. Es ist, auch wenn die Wahl längst vorbei ist, ein besonderer Auftritt, denn es geht ihm einerseits darum, eine Art Bilanz der Anfangsphase seiner Präsidentschaft zu ziehen. Die ersten 100 Tage sind um, und die vorherrschende Erzählung ist, dass Trump in dieser Zeit nicht fürchterlich viel gelungen ist. Der Präsident ist gekommen, um diesem Bild etwas entgegenzusetzen.

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100 Tage im Amt: Immer noch Wahlkämpfer

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Aber erst einmal will er mit diesem Auftritt ein neues Kapitel in seinem Krieg gegen die Medien aufschlagen. In Washington, D.C. feiern die Korrespondenten zeitgleich ihr jährliches Dinner, Trump hat mit der Tradition gebrochen, dort zu erscheinen, und in Harrisburg kommt das bestens an. Die Medien würden sich ein paar Hundert Kilometer weiter "gegenseitig trösten", stichelt der Präsident. "Nichts ist besser, als gut einhundert Meilen weg von Washingtons Sumpf zu sein", ruft Trump, und da verfallen seine Anhänger erstmals in Ekstase.

Trump sieht es so: 100 Tage Action, 100 Tage Angriff. "Die da hinten sind ausgepowert. Die haben so etwas noch nie erlebt", ruft Trump und zeigt auf die Fernsehteams im Hintergrund. "Wir halten ein Versprechen nach dem anderen. Und die Leute sind richtig happy."

Dann zählt er auf, was die Regierung aus seiner Sicht in den ersten drei Monaten erreicht hat:

  • Einen neuen Verfassungsrichter durchgesetzt,
  • das Transpazifische Freihandelsabkommen (TPP) auf Eis gelegt,
  • Energieregulierungen gekündigt - ganz so, wie im Wahlkampf angekündigt.
  • Der Kohle neues Leben eingehaucht, die Keystone Pipeline wiederbelebt, die illegale Einwanderung so sehr "wie noch nie in der Geschichte des Landes" reduziert.
  • Die Überprüfung von Einwanderern verbessert, die Börse stimuliert, neue Lobbyregeln eingeführt.
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Donald Trump: Seine ersten 100 Tage in Bildern

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Er werde, so der Präsident, den "Sumpf trockenlegen", und da jubeln seine Leute wieder, was ein wenig schräg ist, weil Trump bekanntlich nicht nur etliche Wall-Street-Banker in die Regierung geholt hat, sondern auch auf fragwürdige Art und Weise mit seiner Firma verwoben bleibt. Soviel zum Sumpf.

Aber schräg ist ja vieles an dieser Bilanz. Nimmt man ein wenig mehr die Realität als Messlatte, müsste die Bilanz so ausfallen: Nicht alles ist schiefgegangen. Aber Trump hat in den ersten drei Monaten erfahren, wie schwierig es ist, zu regieren.

  • Er hat sich bei der Abschaffung von Obamacare schwer verkalkuliert.
  • Die Gerichte haben seine Pläne zum Einreisestopp durchkreuzt.
  • Er hat etliche Versprechen liegen lassen - sei es jenes, innerhalb von 30 Tagen einen Plan zur Zerstörung des "Islamischen Staats" vorzulegen,
  • oder jenes, innerhalb der ersten drei Monate mit dem Bau der Mauer nach Mexiko anzufangen.
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Donald Trump: 100 Tage Fehlstart

Foto: MANDEL NGAN/ AFP

So schlecht ist selten ein Präsident gestartet

Und die Begeisterung der Amerikaner? Nun ja, sie hält sich in Grenzen. Um die 40 Prozent Zustimmung erfährt Trump dieser Tage, so schlecht ist selten ein Präsident gestartet.

Gleichzeitig kennt Trump die Zahlen aus seiner Anhängerschaft: Trotz des schwierigen Starts bereuen gerade einmal zwei Prozent seiner Wähler, ihm die Stimme gegeben zu haben. Offensichtlich reicht vielen Amerikanern die Rhetorik und das Versprechen, Washington zu verändern. Ob das dann wirklich klappt, scheint nicht jedem wichtig zu sein. Der Wille zählt.

IM VIDEO: Das denken die Amerikaner über Donald Trump

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Verblüffend wenig entwickelt

Der Termin in Harrisburg ist auch deshalb bemerkenswert, weil klar wird, wie verblüffend wenig sich Trump entwickelt hat. Er spricht eine Stunde und weithin gleicht sein Auftritt in Sprache, Choreografie und Inszenierung jenen, die er im Wahlkampf hatte. Trump scheint sich regelrecht zu sehnen nach den Monaten vor dem 8. November. "Wisst ihr noch, wer meine Gegnerin war?", fragt er. Gelächter. Ein paar Demonstranten versuchen, den Termin zu stören. "Bringt sie raus hier", ruft Trump im Stile eines Herrschers. "Bringt sie raus hier." Großer Jubel. Dann wieder Trump: "Lieben wir unsere Ordnungskräfte?"

Hier und da scheint in Harrisburg schon durch, wie der Milliardär gedenkt, seine Kampagne 2020 zu gestalten: Sein Bild des Politikers, der angeblich umsetzte, was er ankündigte, dürfte ein wichtiges Element werden. Und ganz gleich, wie viel von seinen Vorhaben er letztlich verwirklicht haben wird - man kann sich gut vorstellen, dass Trump für seine Wiederwahl einfach nochmal auf Wiederholung klickt und sich als Mann gibt, der Amerika von der Globalisierung befreit und in der Debatte um Einwanderung und Terrorismus auf Härte setzt.

Seine Vereidigung liegt gerade einmal ein Vierteljahr zurück, aber Trump wettert schon wieder gegen "die Kriminellen" und die "Gangs" von Illegalen in den Innenstädten amerikanischer Metropolen. "Wir hören nicht auf, bis wir sie alle aus dem Land geworfen haben", ruft Trump, und da würden wohl viele im Saal am liebsten gleich schon wieder wählen.

Aber ganz so weit ist es noch nicht. 1282 Tage müssen seine Leute noch warten. "Macht euch nichts vor", ruft Trump: "Wir fangen gerade erst an."

VIDEOANALYSE: "Er muss raus aus seiner Fantasiewelt"

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