US-Cartoonistin Ann Telnaes "Wenn eine Frau das macht, ist sie eine bitch"

Ann Telnaes entblößt Politiker mit dem Zeichenstift. Die US-Cartoonistin zeigt Trump als teigigen Wüterich und Clinton als blasierte Eisfee.

Ann Telnaes/The Nib

Ein Interview von , Washington


Wie zeichnet man Hass? Eine Frage, mit der sich Ann Telnaes täglich auseinandersetzt: Die Cartoonistin der "Washington Post", 2001 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet, beobachtet die Spitzenkandidaten Donald Trump und Hillary Clinton im Wahlkampf. Sie legt mit spitzer Feder ihre Schwächen bloß. Ein Gespräch über Lippen, Augen und viel Orange.

SPIEGEL ONLINE: Frau Telnaes, können Sie sich an einen US-Wahlkampf erinnern, der so hasserfüllt war wie dieser?

Ann Telnaes: Nein. Ich bin seit 1992 im Geschäft, damals erschien mein erster Cartoon, aber eine Wahl wie diese habe ich noch nicht erlebt.

SPIEGEL ONLINE: Liegt das nur an Donald Trump?

Telnaes: Es hat eine ganze Reihe von Ursachen. Die Radikalisierung der Republikaner fing ja eigentlich schon in den Neunzigerjahren an, 2016 sind die moderaten Republikaner nun gänzlich verstummt. Wenn man die sozialen Medien dazu nimmt und den Umstand, dass Nachrichten nur noch Entertainment sind... Geben Sie Donald Trump in diesen Mix und Sie haben den perfekten Sturm.

SPIEGEL ONLINE: Wann war Ihnen klar, dass Donald Trump keine Eintagsfliege ist?

Telnaes: Ich glaube, wir Cartoonisten haben da einen ganz guten Job gemacht. Wir haben schnell gemerkt, wie gefährlich er ist - anders als die meisten großen Medien.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie Menschen zeichnen - hilft Ihnen das, sie schneller zu durchschauen, weil Sie sie ja auf das Wesentliche reduzieren?

Telnaes: Cartoonisten lauern immer darauf, dass Politiker sich verraten und ihre wahren Motive sichtbar werden. Das spießen wir mit unserem Zeichenstift auf. Mit Bildern können Sie auch viel mehr Menschen erreichen. Ein starkes Bild packt einen viel schneller als hundert Worte.

SPIEGEL ONLINE: Donald Trump hat viele auffällige körperliche Attribute: sein Haar, seine Haut, seine Lippen. Macht es das für Sie leichter, ihn zu karikieren - oder wird es dadurch schwerer, weil er ja bereits so besonders aussieht?

Telnaes: Er ist ohne Frage eine interessante Erscheinung. Ich habe schon so viel Orange benutzt, ich habe gerade überlegt, ob ich nochmal Farbe nachordern sollte. Im Ernst: Eine Karikatur zielt immer auf den Charakter. Es geht nicht darum, jemandem große Ohren zu zeichnen, sondern herauszufinden, wer dieser Mensch eigentlich ist. Meine Karikaturen von Dick Cheney zum Beispiel sehen dem wahren Cheney gar nicht ähnlich, bringen aber rüber, wie er tickt.

SPIEGEL ONLINE: Ein gruseliger Typ mit dünnen Beinchen und fiesem Gesichtsausdruck.

Telnaes: Ich bin froh, wenn es Sie gruselt, genau das wollte ich erreichen.

SPIEGEL ONLINE: Fällt es Ihnen schwerer, Hillary Clinton zu zeichnen?

Telnaes: Mir nicht, aber einigen meiner männlichen Kollegen.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Telnaes: Wenn Clinton die Präsidentschaftswahl gewinnen sollte, wäre sie die erste Frau in diesem Amt. Doch dieses Land hat ein Sexismus-Problem, und wenn Sie mich fragen, ist es noch größer als unser Rassismus-Problem. Ich bin fest davon überzeugt, dass Clintons Geschlecht ein Thema sein und die Cartoonisten beeinflussen wird.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen, sie wird schärfer kritisiert werden, weil sie eine Frau ist?

Telnaes: Die Clintons sind in Washington auf Ablehnung gestoßen, seit sie damals aus Arkansas in die Hauptstadt kamen. Seit es (den rechtskonservativen TV-Sender, Anm. d. Redaktion) Fox News und die sozialen Medien gibt, ist Hass auf die Clintons praktisch ein Geschäftszweig geworden. Dazu der Sexismus, von dem ich sprach - ja, ich glaube, die Kritik an Clinton wird erheblich sein.

SPIEGEL ONLINE: Allein, weil es vielen Menschen nicht passen würde, dass eine Frau ein so machtvolles Amt innehat?

Telnaes: Ein bestimmter Typ Frau. Uns wird von jeher beigebracht, dass ein Mann, der sich aggressiv im Geschäftsleben und in der Politik durchsetzt, bewundernswert ist. Wenn eine Frau das macht, ist sie eine "bitch".

SPIEGEL ONLINE: Worauf fokussieren Sie, wenn Sie Clinton zeichnen?

Telnaes: Ich finde, sie hat sehr auffallende, attraktive Augen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Cartoon-Hillary erscheint fast schläfrig oder gelangweilt.

Telnaes: Nein, nicht gelangweilt. Eher vorsichtig, würde ich sagen. Es ist ja immer die Rede davon, wie distanziert sie ist, und so zeichne ich sie auch.

SPIEGEL ONLINE: Da Sie klare Sympathien für Clinton hegen - wären Sie nicht zu nett zu ihr, wenn Sie Präsidentin wird?

Telnaes: Oh nein, ich kritisiere sie ganz sicher. Einige ihrer politischen Standpunkte teile ich keinesfalls.

SPIEGEL ONLINE: Würde Ihnen Donald Trump nicht fehlen, allein als Cartoon-Thema?

Telnaes: Der bleibt uns erhalten, selbst wenn er verlieren sollte.



insgesamt 7 Beiträge
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team_frusciante 06.11.2016
1.
Ihre Hillary-Karikatur ist wirklich großartig. Sie hat recht, das wichtigste ist, die Mimik rüberzubringen. Die kann zwar jeder Mensch einfach ändern, trotzdem ist der Charakter das, was man in einer Karikatur wiederentdecken möchte, nicht zu große oder kleine Körperteile. Das macht sie sehr gut. Das hat sie den Karikaturisten voraus, deren aufwändige Bilder oft eher aussehen, als hätten sie in Photoshop auf einem Foto der Person an den Proportionen rumgespielt.
team_frusciante 06.11.2016
2.
P.S.: Ich sehe gerade den Metatitel "Donald Trump als Comic: Ann Telnaes zeichnet den Hass". Telnaes zeichnet Cartoons, keine Comics.
io_gbg 06.11.2016
3.
"Die Radikalisierung der Republikaner fing ja eigentlich schon in den Neunzigerjahren an" Telnaes beobachtet die Dinge, wie sie sagt, seit 1992. Aber die Radikalisierung begann doch schon sehr viel früher. Die religiöse Rechte gibt es in den USA schon ewig. Und mit Ronald Reagan kam in den 1980ern die erste Welle dieser Bewegung in der Spitze an, dann wieder der Endzeit-Visionär GW Bush.
uhrentoaster 06.11.2016
4. bitch
"Wenn eine Frau das macht, ist sie eine "bitch" " Warum wurde der Begriff nicht zumindest mit "Miststück" übersetzt? Fehlt dazu der Mut?
barbierossa 06.11.2016
5. Beste Karikatur zurückgezogen?
In der Bilderstrecke - die zeigt, dass Frau Telnaes wirklich eine sehr gute Cartoon-Zeichnerin ist - wird zu der Karikatur von Ted Cruz als Leierkastenmann, der seine Kinder als Münzen (Sympathie)-Einsammler zu Äffchen macht, angemerkt, dass die Washington Post dieses Pic zurückzog. Warum wird im Interview nicht nach diesem Einknicken der WP nachgefragt? Es ist meiner Ansicht nach die beste aller Karikaturen, die in der Fotostrecke vorgestellt werden (die Pysiognomie und das Redneckige von Cruz ist Pointe as pointe can!). Schon mal im Vorhinein Hilary Clinton als zukünftiges Sexismus-Opfer in Schutz zu nehmen zeugt allerdings von jener übertriebenen political correctness, die die Sexismus-Keule immer und überall und sei's nur zu Übungszwecken schwingt, welche auch vernünftigen Leuten, die eigentlich durchaus liberaldemokratisch eingestellt sind, inzwischen mächtig auf die Senkel geht. Insbesondere, weil sie ästhetisch so unbefriedigend ist (pc ist kein elegantes Denken). Schade, dass eine stilistisch so gute Zeichnerin da nicht so scharflinig denkt, wie ihr Stift die Kurven kriegt.
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