Donald Trump und die Waffen-Debatte Texas, auch in Tokio

Es soll um Handelsbeziehungen gehen, um Nordkorea: Doch auf seiner Asienreise wird US-Präsident Trump vom Geschehen in Texas eingeholt. Fragt die Presse zu hartnäckig nach, wird sie weggeschickt.

Aus Tokio berichtet


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Am zweiten Tag seiner Asienreise holen ihn die schlechten Nachrichten ein. Noch in der Nacht, als Donald Trump in Tokio zufrieden über den unfallfreien Auftakt seines Besuchs im Bett liegt, informieren ihn die Berater über das Massaker in Texas. Prompt kompliziert sich der Plan des Präsidenten, seinen Gesprächspartnern die USA als perfekte, sichere, starke Nation zu präsentieren.

Stattdessen muss er rechtfertigen, warum in den USA Massenschießereien an der Tagesordnung sind, ohne dass die Politik etwas unternimmt. Denn Horrortaten wie in Texas, Las Vegas oder Orlando sind in Japan, einem Land mit strengen Waffengesetzen und einer ganz anderen Kultur, undenkbar.

Und so tritt Trump morgens in Tokio bei einem geplanten Treffen mit Wirtschaftsbossen vor die Kameras und tut den Amoklauf in der US-Baptistenkirche wie immer mit nichtssagenden Pathosfloskeln ab: Trauern, beten, weiter so.

Trump spricht von einem "teuflischen Akt", von der "Trauer, die wir alle verspüren", lässt die Flaggen auf Halbmast setzen und sendet "Gebete" nach Texas. Er liest das gestelzt vom Blatt und würde es wohl gerne dabei belassen, zur Tagesordnung überzugehen. Doch bei jedem protokollarischen Stopp in Tokio, und davon gibt es viele, bohren die mitgereisten Journalisten nach.

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Texas: Schüsse während der Andacht

Auf einer Pressekonferenz mit Premier Shinzo Abe erneut zu Texas befragt, serviert Trump die klassischen Argumente der US-Waffenlobby National Rifle Association (NRA): "Das ist Geisteskrankheit", sagt er zum mutmaßlichen Motiv des Killers, "das ist keine Waffenfrage". Warum also darüber reden?

Ähnlich hat Trump auch nach dem Anschlag in Las Vegas jede Debatte abgewürgt. Doch hier, in Tokio, im prächtigen Festsaal des ehemaligen Kronprinzenpalasts einer betont pazifistischen Nation, die als eine der sichersten der Welt gilt, klappt das nicht.

Der Clash der Kulturen ist auf einmal greifbar, für alle im Raum. Die anderen Hiobsbotschaften des Tages aus Washington helfen auch nicht: Die Paradise Papers kompromittieren mehrere Trump-Vertraute, allen voran Handelsminister Wilbur Ross, der bei dieser Reise eine prominente Rolle spielen soll. Und: Die Arbeit des Russland-Sonderermittlers Robert Mueller ist weiterhin die große Gefahr für die Trump-Administration.

Der Widerspruch zwischen dem Amerika, wie Trump es in Japan darstellt, und dem realen Land ist auf einmal augenfällig. Das nährt die Zweifel, die viele in Asien ohnehin an den USA und deren amtierendem Präsidenten haben.

Auch in Japan ist natürlich bekannt, wie unpopulär Trump ist und wie unberechenbar als Partner, gerade in Krisen wie der um Nordkorea. In einer aktuellen Umfrage erklären die Japaner, welchem US-Präsidenten sie vertrauen. Barack Obama: 78 Prozent. Donald Trump: 24 Prozent.

Da hilft es auch nicht, dass Trumps Tagesprogramm in Tokio straff durchgetaktet ist, um die Doppel-Agenda seiner Reise zu forcieren: Nordkorea und Handel. Die Gipfelgespräche und die choreografierten PR-Auftritte - eine Audienz beim Kaiser, ein Treffen mit Entführungsopfern Nordkoreas - sollen eigentlich keine anderen Gedanken aufkommen lassen.

Im Video: Trump wirft Japan unfaire Handelspolitik vor

Bei dem Wirtschaftstreffen sitzt Japans gesamte Business-Szene in der Residenz des US-Botschafters, darunter die Vorstandschefs von Mitsubishi, Hitachi, Honda und Nissan. Doch Trump schafft es, auch dieses Publikum zu irritieren.

Er lobt wie immer erst mal sich selbst - wobei keiner seine Behauptung, Amerikas Aufschwung habe ja erst mit seiner Wahl begonnen, ernstnehmen kann. Dann fordert er die japanischen Autobauer sogar auf, ihre Fahrzeuge doch bitteschön gleich in den USA zu fertigen, "statt sie nur rüberzubringen". Ein Scherz? Man lacht vorsichtshalber. Ein Reporter ruft Trump eine Frage nach dem US-Waffenrecht zu, woraufhin die Presse umgehend rausgeschickt wird.

Selbst Premier Abe, ein Meister des Kompliments, zieht den Kürzeren. Obwohl er Trump mit einer kleinen Truppeninspektion schmeichelt, wie der sie liebt, und ihn eine ganze Tüte Fischfutter in den Koi-Teich kippen lässt. Er nennt Trump "meinen lieben Freund" und beschwört "unvergessliche Erinnerungen" an dessen Florida-Residenz Mar-a-Lago: "Thank you, Donald!"

Trump nimmt aber selbst Abe den Wind aus den Segeln: Er lobt zwar Japans "machtvolle Wirtschaft" - aber: "Ich weiß nicht, ob sie so gut ist wie unsere. Ich glaube nicht. Okay? Und wir werden versuchen, dass das so bleibt, aber ihr könnt Zweiter sein."

Zusammenfassung: Eigentlich wollte Donald Trump sich und sein Land auf seiner Asienreise im besten Licht präsentieren. Ziel ist, die Handelsbeziehungen zu verbessern und in Sachen Nordkorea-Krise voran zu kommen. Stattdessen musste Trump zum Massaker von Texas Stellung nehmen. Die kompromisslose Absage an eine Debatte über strengere Waffengesetze mutet in einem Land wie Japan, das solche Gesetze hat, befremdlich an.

insgesamt 44 Beiträge
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MKAchter 06.11.2017
1. Passt nicht
Ich bin zwar kein Trump-Fan, und hätte mir (ebenso wie meine US-Bekannten) eine andere Person im Weißen Haus gewünscht. Dennoch habe ich Verständnis dafür, dass er die Presse weggeschickt hat. Auf seiner Fernost-Reise geht es wahrhaftig um andere (außen- und sicherheitspolitische sowie ökonomische) Fragen, als zum x-tausendsten mal die innenpolitische Frage des US-Waffenrechts zu thematisieren.
steingärtner 06.11.2017
2. Er merkt es nicht mal
Es hat schon was zynisches von Trump zu Gebeten aufzurufen, für Menschen die bei'm Gebet erschossen wurden.
Blindman68 06.11.2017
3. stellt sich aber eine Frage...
Gibt es in den Staaten auch Mehrheiten die diese Gesetze wirklich ändern möchten? Obama konnte ja auch nicht grundsätzlich etwas ändern...hm
bold_ 06.11.2017
4. Als er Mitte 30 war,
versuchte er, mit seinen groben Methoden einen Fuß in Japan auf den Boden zu bekommen. Er hatte nicht das Geringste ausrichten können und ließ daraufhin jemand "sein" Buch darüber schreiben, wieso man mit Japanern keine Geschäfte machen kann. Heute - fast 40 Jahre später - hat er keinen Deut dazugelernt! Die Japaner respektieren einen US-POTUS, aber kein Großmaul...
niska 06.11.2017
5.
Man konnte schon mit so einer Brüskierung Japans rechnen. Die dort hoch gehaltene Höflichkeit und der Respekt gelten bei Narzisten als Schwäche. Die treten dann. Dass man Fragen zu tagesaktuellen Themen nicht zulässt und die Medien aussperrt, geht gar nicht. Ist das eine politische Reise oder nur eine Inszenierung?
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