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19. September 2017, 19:26 Uhr

Trump bei der Uno

Amerika, Amerika. Und dann der Rest der Welt

Von , New York

In seiner ersten Rede vor der Uno droht US-Präsident Trump Nordkorea, er verdammt Iran und lobt sich selbst. Trotzdem: Es ist sein bisher schlüssigster Auftritt - diverse Tabubrüche inklusive.

Wer Pomp und Protokoll liebt, der fühlt sich bei den Vereinten Nationen gut aufgehoben. Die Eröffnung der Uno-Generaldebatte ist ein zeremonielles Ballett von Staatschefs aus aller Welt, viele in Uniformen, Roben, Turbanen. Jeder Schritt ist penibel choreografiert, man grüßt sich mit "Ihre Exzellenz".

Donald Trump schert sich nicht um solche Bräuche. Der US-Präsident kommt demonstrativ zu spät und verpasst die Begrüßungsrede von Generalsekretär António Guterres. Doch als er schließlich ins Plenum tritt, ergreift der Moment auch ihn: Staunen flackert über sein sonst so strenges Gesicht.

Trumps Jungfernrede vor den Vereinten Nationen ist denn auch eine fulminante Mischung aus Tabubruch und Tradition, Ego und Ehrfurcht, Isolationismus und Intervention. Erstmals bündelt sie alle Widersprüche der Trump-Doktrin, die "America First" proklamiert, doch zugleich, in ein düster-apokalyptisches Weltbild gebettet, die globalen Gegner gnadenlos bedroht.

Die wichtigsten Erkenntnisse:

1. Endspiel für Nordkorea

Wie erwartet greift Trump zuerst Nordkorea an. Frappierend aber die Wucht dieser Attacke: Trump droht, den "Schurkenstaat" notfalls "völlig zu zerstören", ein beispielloser Vorgang in diesem Forum. Er nennt Diktator Kim Jong Un, wie zuvor schon in einem Tweet, einen "Rocketman" auf "Selbstmordmission", eine Formulierung, auf der er explizit bestand. Die Uno-Sanktionen - für deren Verabschiedung Trump sich namentlich bei China und Russland bedankt - seien nicht genug, "wir müssen viel mehr tun": Nordkoreas Atomprogramm bedrohe "die ganze Welt". Zwar hat auch US-Verteidigungsminister Jim Mattis eine "militärische Option" nicht ausgeschlossen, während Außenminister Rex Tillerson und Uno-Botschafterin Nikki Haley diese Woche hier hinter den Kulissen die diplomatischen Fäden ziehen. Die Drohung an Nordkorea jedoch erstmals so krass im Uno-Plenum zu formulieren, offenbart eine betonte Aggressivität.

2. Iran ist auch bald dran

Als nächstes widmet sich Trump dem Erzfeind Iran. Dessen Regierung nennt er ein "mörderisches Regime" und eine "korrupte Diktatur" und droht ihr ebenfalls - nicht mit militärischer Abstrafung, sondern mit diplomatischer Isolation: Das Atomabkommen sei "eine der schlechtesten und einseitigsten Transaktionen, auf die sich die USA je eingelassen haben", sagt er, womit er seinen ersten Szenenapplaus erntet. "Da ist das letzte Wort nicht gesprochen." Ein typischer Cliffhanger: Trump deutet eine Aufkündigung des Pakts an, vermeidet aber weiter eine konkrete Position, als verspreche er sich davon eine stärkere Verhandlungsposition - oder andauernde TV-Quoten. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu, mit dem sich Trump hier am Montag traf, nickt enthusiastisch, während Teherans Vertreter auf sein Handy starrt. Die Iraner "wollen den Wandel", prophezeit Trump und knüpft so an frühere Andeutungen an, dass es dort bald einen Umsturz geben könnte: "Der Tag wird kommen, wenn das Volk vor einer Wahl steht."

Trump vor der Uno - "Sowas hat es noch nie gegeben":

3. "America First", Rest der Welt später

Trump versucht sein Mantra von "America First" mit der Idee der Uno zu vereinen. Zwei Sätze symbolisieren diese Gegenpole: "Die USA werden immer ein großer Freund der Welt sein", sagt er, schwört aber zugleich: "Ich werde Amerika immer voranstellen." Es ist für Trump ein neuer Ansatz, der die oft grotesken Kanten seines Haudrauf-Wahlkampfs abschleift und die Kollaboration der zwei Flügel seines Teams offenbart - personifiziert durch den konservativen Redenschreiber Stephen Miller auf der einen Seite und den konventionell-moderaten Stabschef John Kelly auf der anderen. Trump preist die Uno, lobt die "wunderschöne Vision dieser Institution", erinnert an Amerikas Rolle nach dem Zweiten Weltkrieg und den Marshall-Plan, avisiert "Zusammenarbeit in enger Harmonie und Einheit", betont aber, dass die USA stets ihre eigenen Interessen im Blick behalten werde. Seine Kritik am 22-prozentigen Anteil der USA am Uno-Haushalt fällt jedoch sehr zahm aus.

4. Trump bleibt Trump

Auch bei aller plötzlichen Staatskunst kann Trump nicht anders: Selbst diese wohl schlüssigste Rede seiner noch kurzen politischen Karriere - die mit 40 Minuten fast eine halbe Stunde länger ist als vom Uno-Protokoll erwünscht - enthält die typischen Ego-Macken. So beginnt er sie wie eine Wahlkampfrede, indem er an seinen Sieg am 8. November erinnert und über den vermeintlichen Aufschwung fabuliert, den Amerika seither genieße: Börsen auf Rekordhöhe, Arbeitslosigkeit auf Rekordtief, "und unser Militär wird bald so stark sein wie nie zuvor".

Für die späteren Ansprachen seiner Kollegen aus aller Welt interessiert er sich nicht: Er verlässt die Uno nach seinem eigenen Auftritt sofort und ist sieben Minuten später wieder daheim im Trump Tower.

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