Megyn Kellys Interview mit Donald Trump Von der Fehde zur Farce

Donald Trump und Starmoderatorin Megyn Kelly lieferten sich eine erbitterte Fehde im Wahlkampf. Jetzt führten beide ein Gespräch miteinander, das zeigte: Quote geht vor Haltung.

AP

Von , New York


Der Streit zwischen Donald Trump und Megyn Kelly begann bei der ersten TV-Debatte der Republikaner im August vorigen Jahres.

Kelly, die einzige charmante Persönlichkeit beim konservativen Kabelkanal Fox, hielt Trump vor, wie er Frauen gern beschimpft, nämlich als "fette Säue, Hündinnen, Schlampen". Der Kandidat revanchierte sich mit Beleidigungen - und demonstrierte so, wie groß sein Problem mit Frauen tatsächlich ist.

Jetzt saßen sie sich wieder gegenüber. Am Dienstagabend war Trump der Premierengast in der neuen Talksendung Kellys, die seit dem Streit mit Trump zur journalistischen Ikone aufstieg. Das Interview wurde schon vor der Ausstrahlung als Scoop gefeiert, als ultimative Abrechnung. "Nichts", drohte Kelly, "ist tabu."

VIDEO: Donald Trump in der Talkshow von Megyn Kelly

Reuters/Fox News

Von wegen. Statt zu untermauern, wie wichtig kritische Medien als Kontrollinstanz sind - erst recht bei einem Kandidaten, der Hetze, Diskriminierung und Wahnwitz propagiert -, zeigte das Tête-à-tête nur eines: Amerikas Journaille knickt vor Trump ein. Letztendlich siegen immer die Quoten und das große Geld.

Schauplatz des Interviews war kein TV-Studio, sondern ein Konferenzraum im Trump Tower. Trump war nicht zu Gast bei Kelly, Kelly war zu Gast bei Trump - ein bezeichnender Rollentausch, symbolisch für das Versagen der gesamten US-Medienbranche in diesem Wahlkampf.

Entsprechend höflich die Fragen: Hat er im Wahlkampf Fehler gemacht? Was bereut er? Und wo sitzt er denn, wenn er seine allabendlichen Twitter-Tiraden abfeuert? In der Tat: Nichts war tabu - jedenfalls keine Lappalie.

Die Heldin als Selbstdarstellerin

Dabei hätte es viel Sprengstoff gegeben. Gerade bei Trump, der die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner nun sicher hat. Die Demokratin Hillary Clinton zielt auf seinen Chauvinismus und Sexismus, seine Herabwürdigung von Frauen. Kein Zufall, dass der erste TV-Spot der Pro-Clinton-Gruppe Priorities USA, der diesen Mittwoch startet, mit den längst legendären Zitaten des Trump-Kelly-Kleinkriegs gespickt ist.

Eine "Tussi" sei Kelly, hatte Trump gepoltert - ein "Leichtgewicht", der "das Blut rausläuft". Über Wochen pöbelte er die populäre Moderatorin an, flankiert von seinen noch wüsteren Fans. Kelly, von ihrem Sender gestützt, schwieg eisern, ließ sich zur Märtyrerin verklären. Erst im April traf sie Trump zum "klärenden Gespräch", bei dem beide auch das Interview vereinbarten.

Am Ende war alles eine Farce. Kellys Heldinnenstatus war nur so lange gut, wie er der Selbstvermarktung diente - und wie es Kellys Boss Rupert Murdoch passte, dem Chef des Fox-News-Mutterhauses News Corporation.

Der hatte Trump erst äußerst kritisch gesehen. So soll er Kelly die Debattenfragen im August persönlich vorgeschlagen haben. Als er dann aber merkte, dass Trump ein Quotenhit war, knickte auch er ein - wie so viele im konservativen Mainstream.

Trump ist gut fürs Geschäft

Denn Trump ist gut fürs Geschäft. Plötzlich gaben sich Fox News und das Murdoch-Boulevardblatt "New York Post" betont freundlich. Kellys inszenierte "Versöhnung" mit Trump war daraufhin nur noch ein Mittel zum Sendezweck.

Auch für Kelly selbst: Nach zehn Jahren am Moderatorenpult sucht sie nach höheren Weihen. Der Trump-Zwist gab ihr den nötigen Schwung, machte sie - trotz ihrer erzkonservativen Ideologie - zum glamourösen Covergirl ("Vogue", "Vanity Fair"). Nun will sie mit ihrer Show "Megyn Kelly Presents" offenbar die neue Barbara Walters werden, deren Produzent Bill Geddie arbeitet jedenfalls schon für Kelly.

Doch die Premiere war ein Flop. Neben dem zusammengeschnittenen Trump-Interview, das samt Werbepausen kaum 20 Minuten dauerte, bot die Sendung Gespräche mit der transsexuellen Schauspielerin Laverne Cox, Hollywood-Altstar Michael Douglas und O.J.-Simpson-Anwalt Robert Shapiro. Nachrichtenwert hatte keines der Segmente - auch das mit Trump nicht.

Kein Wort von Trumps Aggressionen, Lügen oder auch widersprüchlichen politischen Plänen. Stattdessen fragte Kelly nach seinem Lieblingsfilm ("Citizen Kane") und Lieblingsbuch ("Im Westen nichts Neues") - und entlockte ihm ein, äh, Geständnis: "Ich schaue dich dauernd im Fernsehen."

"Ich mag unsere Beziehung jetzt", gurrte Trump. Kelly erwiderte: "Jetzt hast du meine Handynummer."

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leserich 18.05.2016
1. Sonst fällt wohl nichts ein
Was ein Mist aber auch - Trump hat Kelly nicht unflätig angebrüllt, keine sexistischen Sprüche gebracht und nichteinmal gegen Schwule und Latinos gehetzt. Wie kann der Bösewicht das nur Mr. Pitzke antun? So ein Schlimmer!
murksdoc 18.05.2016
2. Smalltalk
Das klingt nach typisch amerikanischem Smalltalk, den keiner von uns jemals verstehen wird. Was Trumps vielzitierten Beleidigungen gegenüber Frauen betrifft: er hatte schon damals völlig korrekt eingeworfen, das habe er nur gegenüber seiner Erzfeindin Rosie O'Donnel oder so ähnlich gemacht, und wenn man nachliest, bei welcher Gelegenheit: als die Moderatorin der Talkshow "The View" wegen eines Herzinfarktes im Krankenhaus lag, versuchte er sie mit Sprüchen: ""Die Show wäre jetzt stinklangweilig und brauche ein altes Schlachtross wie sie" wieder aufzumuntern, als einziger übrigens. Soweit geht die Feindschaft bei Trump eben nicht. Er tritt nicht auf die ein, die bereits schon am Boden liegen. Das zeigt er auch hier, Smalltalk oder nicht. Der Schachzug ist deshalb genial.
gekreuzigt 18.05.2016
3. Eklige Unterwerfungsrituale.
Muss für die Frau schon schlimm gewesen sein.
held_der_arbeit! 18.05.2016
4. Widerlich..
..wie nicht nur Kelly, sondern ein Großteil der Republikaner sich jetzt doch hinter Trump versammelt. Die Gier nach Macht ist stärker als die eigenen Prinzipien Statt die Republikaner endlich im Prä-Tea-Party Geiste wieder aufzubauen wird der unerträgliche Rechtsruck damit verankert.
tumut 18.05.2016
5. Besserer Journalismus?
Im Gegensatz zu den deutschen Medien können amerikanische Journalisten offensichtlich zwischen privater Meinung und journalistischer Arbeit unterschieden. Journalismus hat nämlich nichts mit Volkserziehung zu tun.
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