Marc Pitzke

Trump, Kavanaugh und die Folgen Geteilte Staaten von Amerika

Mit dem Streit um seinen Richterkandidaten hat Donald Trump die tiefen Risse in Amerikas Gesellschaft offengelegt - und für sich ausgenutzt. Doch dahinter stecken viel stärkere Kräfte. Der Kampf hat gerade erst begonnen.
Proteste vor dem US-Kapitol

Proteste vor dem US-Kapitol

Foto: CARLOS BARRIA/ REUTERS

Nach wochenlangem Zank legte sich eine gespenstische Stille über die US-Politik. Die Senatoren, die Brett Kavanaugh ermächtigt hatten, konnten Washington nicht schnell genug verlassen. Der kontroverseste US-Bundesrichter seit Generationen wurde so eilig vereidigt, dass auch die meisten seiner neuen Kollegen fehlten. Ehefrau Ashley hielt ihm die Bibel hin, bitter lächelnd.

Bitter ist das ganze Land. Das Kavanaugh-Debakel hat alle Beteiligten nachhaltig beschädigt. Selbst wenn die Republikaner über den Rechtsruck des Supreme Courts triumphieren: Ihr Sieg bleibt schal, wie jede Episode von Donald Trumps Realityshow.

Auf Dauer halten werden sich dagegen die Schäden für die US-Demokratie.

Selbst der US-Präsident sollte sich nicht zu früh freuen. Die Spaltung Amerikas, die er mit der Kavanaugh-Personalie bloßlegte und verschärfte, reicht viel tiefer - so tief, dass selbst er sie nicht steuern kann. Hier sind stärkere Kräfte am Werk: Die Nation ringt mit sich selbst, zerrissen zwischen Vergangenheit und Zukunft, Rückschritt und Fortschritt.

Trump nutzt diese Risse zwar für seine eigenen, egomanischen Zwecke, indem er, das kann er besser als irgendjemand sonst, beide Seiten gegeneinander aufpeitscht. Doch die Spaltung hat nicht mit ihm begonnen, und sie wird nach seiner Zeit erst recht nicht enden.

Videoanalyse zur Kavanaugh-Vereidigung: "Abgehakt ist das hier noch lange nicht"

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Amerika bestand immer schon aus politischen Stämmen, die kaum Frieden wahren konnten. Doch spätestens seit Trumps Minderheiten-Wahlsieg von 2016 reiben sie sich an immer neuen Bruchstellen, wie Kontinentalplatten entlang tektonischer Verwerfungslinien - begleitet von periodischen, ruckartigen Erdbeben.

Rechte gegen Linke. Männer gegen Frauen. Weiße gegen Nichtweiße. Alte gegen Junge. Krieger gegen Pazifisten.

Kavanaugh war so ein Beben. Trump und sein Mini-Trump brachten schließlich fast alle gegen alle auf, auch dank der überhöhten Symbolik dieses Richterdramas. Zugleich machten sie jeden Kompromiss unmöglich: Keiner redet mehr mit dem anderen, keiner versteht mehr den anderen, jeder hält den anderen für den Ausbund des Teufels.

Und beide Seiten leben in immer unterschiedlicheren Realitäten - die einen in einer von Trump geschaffenen Lügenwelt, die anderen in der Verblendung der "Resistance".

Demonstration gegen Kavanaugh

Demonstration gegen Kavanaugh

Foto: TIMOTHY A. CLARY/ AFP

Amerika am Scheideweg: Die Unversöhnlichkeit offenbarte sich zuletzt in der perfiden Strategie des Weißen Hauses, Kavanaugh als Märtyrer zu verklären und die Vorwürfe gegen ihn als "Kreuzigung". Das pervertierte die gesamte #MeToo-Bewegung: Plötzlich war der mutmaßliche Täter das wahre "Opfer". "Dies ist eine sehr beängstigende Zeit für junge Männer", rief Trump.

Es ist die gleiche Strategie, mit der sich Weiße neuerdings als die eigentlichen Rassismus-Opfer bezeichnen. Keiner beherrscht diese Selbstviktimisierung besser als Trump, der Rächer der "vergessenen Amerikaner" - eine Gruppe, die es so in Wahrheit nicht gibt.

Weiße, die fürchten, zur demografischen Minderheit zu werden. Männer, die fürchten, dass ihr Patriarchat zu Ende geht. Alte, die fürchten, dass ihnen Jüngere die Existenz nehmen. Bergleute, die fürchten, dass ihre Industrie nicht zurückkehrt. Trump verspricht ihnen, diese unausweichlichen Trends aufzuhalten, ja umzukehren.

Brett Kavanaugh, der blasse, wütende Mann, dient ihm da als Beleg. Seine Präsenz soll dem seit Langem politisierten Supreme Court endlich eine sichere "konservative" Mehrheit geben und den gesellschaftspolitischen Wandel, als dessen letzte Instanz sich das Gericht sieht, auf Jahrzehnte im Gestern einfrieren.

Video von den Protesten gegen Kavanaugh: "Alle Frauen, die ich kenne, sind gegen ihn"

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Doch so einfach ist das trotzdem nicht. Der Oberste Gerichtshof, dessen neun Richter auf Lebenszeit amtieren, hinkte der Gesellschaft immer schon hinterher: Er stellte sich dem Fortschritt oft entgegen, schon zu Zeiten der Sklaverei, um schließlich einzulenken, zum Beispiel bei der gleichgeschlechtlichen Ehe.

Solche Fortschritte könnte der Supreme Court sicher wieder rückgängig machen, wie er es kürzlich beim Wahlrecht tat und wie es viele nun beim Abtreibungsrecht erwarten. Doch die sozialen Revolutionen Amerikas wurden nie vor Gericht erreicht, sondern von den Menschenmassen auf der Straße.

Und die sind durch die Kavanaugh-Tragödie jetzt mobilisierter, engagierter, befeuerter als je zuvor - auf beiden Seiten.

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