Heikle Vorwürfe Woher stammt das Trump-Dossier?

Ein Ex-Agent des britischen MI6 soll das umstrittene Trump-Dossier aufgesetzt haben. Der Mann gilt als Russland-Kenner - und vertrauenswürdig. Um die Herkunft des Papiers kursiert aber noch eine ganz andere Theorie.
Donald Trump

Donald Trump

Foto: Evan Vucci/ AP

Die USA erleben stürmische Zeiten. Ohnehin gespalten in Anhänger und Gegner von Immobilienmilliardär Donald Trump, polarisiert jetzt ein 35 Seiten langer Bericht das Land. Das Dossier, das Trump Skandalöses unterstellt, zirkulierte schon monatelang unter Journalisten und Amtsträgern in Washington - aber erst jetzt, keine zehn Tage vor der Vereidigung des nächsten Präsidenten, kommt es an die Öffentlichkeit.

Ob die Anschuldigungen darin - Trump soll Prostituierte in Moskau für ungewöhnliche Dienste bezahlt, sein Wahlkampfteam soll im Austausch mit Russland gestanden und er soll versucht haben, zwielichtige Geschäfte in Russland einzufädeln - stimmen oder nicht, ist unklar. Einen eindeutigen Beleg konnten die Reporter, die sich damit befassten, bislang nicht erbringen. Das FBI prüft noch.

Auch weil die Quellenlage so unklar ist, gerät der Verfasser des Berichts in den Fokus. Wer ist der Mann? Und wer heuerte ihn an? Eine Rekonstruktion.

  • Nach Informationen der "New York Times"  ("NYT") beauftragte ein republikanischer Kontrahent Trumps im September 2015 eine Washingtoner Recherchefirma, Fusion GPS. Sie sollte belastendes Material über den Immobilienmogul zusammentragen. Wer der Geldgeber war, ist nicht bekannt. Glenn Simpson soll Fusion GPS führen, ein ehemaliger Reporter des "Wall Street Journal".
  • Doch nachdem Trump im Frühjahr zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner avancierte, verlor seine Partei das Interesse an dem Material - die Demokraten sprangen ein. Es wurde laut "NYT" unter anderer Schirmherrschaft weiter nach Belastendem geforscht. Der "Guardian" merkt an, dass es sich auch um einen einzelnen Geldgeber gehandelt haben könnte und der Auftrag damit nicht zwingend aus dem direkten Umfeld der Clinton-Kampagne stammen muss.
  • Simpson wiederum beauftragte Christopher Steele, 52, mit dem Dossier. Steele ist laut "Wall Street Journal"  ("WSJ") ein ehemaliger Agent des britischen Geheimdienstes MI6. Seit 2009 führt er die Firma Orbis Business Intelligence Ltd. Einem ehemaligen CIA-Mitarbeiter zufolge hatte Steele einen guten Ruf als Geheimdienstmitarbeiter und lebte jahrelang in Russland. Steele ist nach der Veröffentlichung des Dossiers am Dienstag untergetaucht.
Firmengebäude von Orbis Business Intelligence Ltd in London

Firmengebäude von Orbis Business Intelligence Ltd in London

Foto: DANIEL LEAL-OLIVAS/ AFP

  • Der Ex-Agent soll die Firma zusammen mit Christopher Burrows leiten, berichtet das "WSJ". Von den Reportern angesprochen, wollte Burrows weder bestätigen noch dementieren, dass Orbis das Dossier aufgesetzt hat.
  • Steele konnte als ehemaliger Spion allerdings nicht unentdeckt in Russland recherchieren. Deshalb engagierte er laut "NYT" Russisch sprechende Mitarbeiter, die seine Informanten kontaktierten. Die Erkenntnisse schrieb Steele in Form von Memos auf und gab die Informationen ab Juni 2016 an Fusion GPS weiter.
  • Im Dezember hörte auch der republikanische Senator John McCain von dem Trump-Dossier. Er schickte einen Vertrauten nach London, der sich dort mit dem Verfasser treffen sollte. Am Flughafen kam es zu einer bizarren Szene wie aus einem Agententhriller: Der Abgesandte McCains solle nach einem Mann Ausschau halten, der sich hinter einer Ausgabe der "Financial Times" verberge, berichtet der "Guardian" . So fanden sie sich, in Steeles Haus sollen sie sich über das Papier ausgetauscht haben.
  • McCain gab die Information an den FBI-Chef James Comey weiter, der zu dem Zeitpunkt schon lange von dem Papier wusste - Steele selbst gab es wohl an ihn weiter.

Heikles Dossier nur ein Scherz?

Das umstrittene Dossier wurde schließlich durch die Nachrichtenseite "BuzzFeed" am Dienstag öffentlich . Trump reagierte mit einem Wutausbruch, erst auf Twitter, dann bei seiner Pressekonferenz am Mittwoch: Die Berichte seien Fake News, "erfundenes Zeug". Trump dementierte die Anschuldigungen: "Das ist nicht passiert."

Anhänger der ultrarechten "Alt Right"-Bewegung propagieren derweil im Internet eine ganz andere Entstehungsgeschichte des Papiers. Dieses gehe demnach auf einen Internetscherz zurück. Die Behauptung: Das Dossier kommt ursprünglich von Nutzern des Webforums 4chan, wo man es schon vor den Wahlen als Scherz fabriziert habe. 4chan ist eine Art anarchisches Bilderforum, aus dessen undurchdringbarem Dickicht aus Pornobildchen, politischen Diskussionen und Memes auch das Hackerkollektiv Anonymous hervorgegangen ist.

Von 4chan aus habe das Dossier dann, so die Theorie, seinen Weg zu den US-Geheimdiensten genommen. Auf dem großen Trump-Forum von Reddit, r/The_Donald , wird behauptet, die Anschuldigungen seien von einem anonymen Nutzer an den Republikaner-Strategen Rick Wilson herangetragen worden. Über Wilson und weitere Mittelsmänner seien sie zu den US-Geheimdiensten gelangt.

"Ich bin nicht die Quelle"

Wilson widersprach den Berichten. "Ich bin nicht die 'BuzzFeed'-Quelle", schrieb er in einem Blogeintrag  mit der Überschrift "Fool Chan". Zum ersten Mal sei er dem Dossier begegnet, als der "BuzzFeed"-Bericht erschien. Wilson geriet bereits im Januar 2016 ins Visier der 4chan-Nutzer, als er sich in einem Fernsehinterview abfällig über Trump-Unterstützer äußerte. In dem Forum wurde Wilson daraufhin gezielt belästigt.

Wilson benennt zusätzlich zu seinem Dementi zeitliche Ungereimtheiten in der 4chan-Theorie: Medien hätten schon im Juli 2015 bezüglich Trumps persönlichen und geschäftlichen Verbindungen in Russland recherchiert. Eine ganz konkrete, besonders heikle Anekdote aus dem angeblichen Trump-Dossier über eine Begebenheit im Moskauer Hotel Ritz Carlton habe er zudem bereits im Sommer 2016 als Gerücht gehört.

Tatsächlich verweisen Befürworter der 4chan-Theorie bislang lediglich auf Posts aus dem Herbst 2016, um zu belegen, dass das Forum der Ursprungsort der Trump-Anschuldigungen ist. Zu dieser Zeit wurden die ersten Artikel mit Andeutungen über Inhalte des Dossiers publiziert, etwa im Oktober von der US-Seite "Mother Jones" . Wilson schreibt dazu: Wer die 4chan-Theorie glaube, "kann keinen Kalender nutzen, und auch nicht seinen gesunden Menschenverstand".

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