Nahost Das Rätsel um Trumps erste Israel-Reise

US-Präsident Donald Trump reist Ende Mai nach Israel. Das Staatsarchiv in Jerusalem hat deshalb eine Akte über seinen ersten Besuch im Jahr 1989 veröffentlicht - der hat aber offenbar nie stattgefunden. Eine alternative Geschichte.
Trump und seine damalige Frau Ivana im Jahr 1989 (in New York)

Trump und seine damalige Frau Ivana im Jahr 1989 (in New York)

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SWERZEY/ AFP

Drei Straßen, zwei Sportplätze und eine Synagoge - an Dekel ist wenig "great". Ein paar Dutzend Familien leben in dem Moschaw. Die landwirtschaftlich geprägte Siedlung in der Negev-Wüste liegt fernab der israelischen Großstädte, wenige Kilometer entfernt vom palästinensischen Gazastreifen und der ägyptischen Sinai-Halbinsel.

Nur die kleine Brauerei ist ein wenig außergewöhnlich an diesem Ort. Dort wird Bier hergestellt, Markenname "Isis". Gemeint ist die ägyptische Göttin, nicht die Terrormiliz. Aber das war es dann auch schon. Kurzum: Wer nicht unbedingt muss, der kommt nie nach Dekel.

Donald Trump wollte offenbar genau dorthin. Freiwillig. Am 30. Juli 1989, einem Sonntag, von 14.30 bis 16 Uhr. So steht es in der 56-seitigen "Trump-Akte", die das israelische Staatsarchiv in der vergangenen Woche veröffentlicht hat, nachdem bekannt geworden ist, dass der US-Präsident nach Israel reist.

Bei seiner ersten Auslandsreise besucht Trump Ende Mai nicht nur den Gipfel der Nato und der G7, sondern auch den Vatikan, die Wüstenmonarchie Saudi-Arabien und eben Israel. Allein die Ankündigung, dass er zu diesem Zeitpunkt nach Israel kommt, ist bemerkenswert. Kein US-Präsident vor Trump machte so früh nach Amtsantritt eine Reise nach Jerusalem. Die Folge: Trumpmania in Israel. Und diesen Hype haben die Archivare in Jerusalem mit ausgelöst. Denn sie veröffentlichten die 56-seitige "Trump-Akte" seines ersten Besuchs.

Bislang war angenommen worden, dass Trump zwar eine proisraelische Politik verfolge, er aber noch nie selbst im Land gewesen sei. Der US-Präsident hatte im Wahlkampf nie über seine Israel-Reise Ende der Achtzigerjahre gesprochen. Warum er seinen Besuch unerwähnt ließ, ist unklar. Und hier kommt nun das israelische Staatsarchiv - unfreiwillig - ins Spiel.

Totes Meer und Rotes Meer - zwei Stationen bei Trumps alternativer Israel-Visite

In der orangenen Pappkartonmappe mit dem Aktenzeichen 57496/7 finden sich Telefaxe, schreibmaschinengetippte Korrespondenzen und Zeitungsausschnitte, die Trumps Trip dokumentieren sollen. Der Immobilienmogul kam demnach im Juli 1989 auf Einladung der Regierung mit seinem Privatflugzeug nach Israel.

Offiziell soll es um mögliche Investitionsprojekte gegangen sein. Trump spielte den Dokumenten zufolge mit dem Gedanken, in Eilat ein Casino zu eröffnen. Der damals 43-Jährige hatte während seines zweitägigen Aufenthaltes nach Aktenlage ein volles Programm: Demnach bummelte er nach einer Nacht in der "Präsidentensuite" eines Luxushotels an der Seite des damaligen Bürgermeisters Teddy Kollek durch die Altstadt von Jerusalem, besuchte Bethlehem, reiste in Begleitung von Shimon Peres, seinerzeit Finanzminister, ans Tote Meer und tauchte zu den Korallenriffen des Roten Meeres vor Eilat.

Einladung an Donald Trump

Einladung an Donald Trump

Foto: Israelisches Staatsarchiv

Dass er dem Reiseplan zufolge auch in die Negev-Wüste kam, nach Dekel und in ein benachbartes Kibbuz, hatte persönliche Gründe. Beide Orte waren Anfang der Achtzigerjahre für Familien gegründet worden, die bis dato auf der Sinai-Halbinsel gelebt hatten. Nach deren Räumung durch Israel im Zuge des Friedensvertrages mit Ägypten begannen die einstigen Sinai-Siedler im israelischen Kernland ein neues Leben. Trump hatte das Ansiedlungsprojekt damals unterstützt und wollte offenbar seine Spende - einen Spielplatz - in Augenschein nehmen. So steht es am Rand des Reiseprogramms handschriftlich mit Bleistift auf Hebräisch vermerkt.

Der einzige Haken an dieser schönen Geschichte - in Israel erinnert sich niemand an den Besuch eines Herrn Donald J. Trump im Jahr 1989. Die "Times of Israel" hat bei rund einem Dutzend noch lebender ehemaliger Politiker und Beamten nachgefragt, darunter Minister, hochrangige Diplomaten und ein Bürgermeister. Sie alle hätten in die Organisation von Trumps Besuch involviert gewesen sein oder ihn persönlich getroffen haben müssen, hätte die Visite denn stattgefunden. Das Ergebnis: Keiner von ihnen hat Trump jemals in Israel gesehen. Es gibt auch keine Fotos.

Die Archivare in Jerusalem haben offenbar den Reiseplan und die übrigen Dokumente - darunter eine offizielle Einladung an Trump, unterzeichnet vom damaligen israelischen Botschafter in Washington - überstürzt als Fakten für seinen Besuch gewertet.

Allein Trumps Spende für das Ansiedlungsprojekt im Negev ist belegt. Bis heute steht im Zentrum des Moschaws Dekel eine steinerne Wand, auf der alle Spender in hebräischer und englischer Sprache aufgelistet sind, darunter auch: Donald J. Trump, New York.

Reise nach Jerusalem mit der Familie

Nun, Jahrzehnte später, fliegt Trump wirklich ein. Am 22. Mai, mit großer Entourage für rund 26 Stunden: Neben seiner Frau Melania, seiner Tochter Ivanka und ihrem Ehemann Jared Kushner werden auch Verteidigungsminister James Mattis und Außenminister Rex Tillerson erwartet.

Trump hat dann keine Zeit, sich die Mauer in Dekel anzuschauen. Er will, dass ihm gelingt, woran vor ihm letztlich alle gescheitert sind - Frieden schaffen. Er will einen Nahost-Deal. Deshalb werden die israelischen Siedlungen als Debattengegenstand Teil seines Besuches sein. Diesmal die im Westjordanland.

Bereits bei Benjamin Netanyahus Besuch in Washington im Februar ermahnte Trump den israelischen Ministerpräsidenten, er solle sich mit dem Siedlungsbau "eine Weile zurückhalten". Eine Formulierung, die einigen Spielraum lässt.

Trump ist bei vielen Palästinensern umstritten. Das Bild zeigt einen wütenden Mann in Hebron im Februar 2017

Trump ist bei vielen Palästinensern umstritten. Das Bild zeigt einen wütenden Mann in Hebron im Februar 2017

Foto: HAZEM BADER/ AFP

"Es ist bislang unklar, welche Rolle die Siedlungen in dem 'Deal' spielen, den Trump erreichen möchte", sagt Sara Hirschhorn von der Universität Oxford. Sie forscht seit Jahren zur israelischen Siedlungspolitik, besonders zu den 60.000 jüdischen US-amerikanischen Staatsbürgern, die das Westjordanland zu ihrer Heimat gemacht haben. Sie machen rund 15 Prozent der israelischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten aus und sind besonders einflussreich, so Hirschhorn.

Trump-Unterstützer eröffneten ein Wahlkampfbüro im Westjordanland

Trump hat enge Kontakte zu vielen von ihnen. Im vergangenen Jahr eröffneten Trump-Unterstützer sogar ein Wahlkampfbüro in Karnei Schomron, einer nach internationalem Völkerrecht illegal errichteten Siedlung im Westjordanland.

Zudem hat er mit David Friedman einen neuen US-Botschafter in Israel ernannt, der als Hardliner bekannt ist und im Bau von immer mehr israelischen Siedlungen kein Hindernis für den Frieden sieht.

"All diese Aktionen sind Indizien dafür, dass Trump vermutlich eine Art Treuepflicht zu dieser Anhängerschaft sieht", sagt Hirschhorn.

"Miss Universe"-Wettbewerb auf Masada

Da passt es auch ins Bild, dass der israelische TV-Sender "Channel 2" berichtet, Trumps Voraus-Emissäre hätten angedeutet, er plane, die Hauptrede während seines Aufenthaltes in Israel auf Masada zu halten. Ein Affront gegen die Palästinenser. Und doch könnte es kaum einen passenderen Ort für ihn geben.

Auf dem Tafelberg am Toten Meer thront die Felsenfestung Masada, ein Symbol für bedingungslosen Widerstand

Auf dem Tafelberg am Toten Meer thront die Felsenfestung Masada, ein Symbol für bedingungslosen Widerstand

Foto: MENAHEM KAHANA/ AFP

Die von König Herodes gebaute Bergfeste thront rund 400 Meter hoch über dem Toten Meer. Im Jahr 73 n.Chr. begingen dort 960 jüdische Männer, Frauen und Kinder im Angesicht einer Übermacht römischer Legionäre und aus Angst vor der Sklaverei Massenselbstmord. Monatelang hatten sie den Belagerern Widerstand geleistet; schließlich, als der Feind vor dem Durchbruch der Mauern stand, töteten sie sich selbst, um nicht in Gefangenschaft zu geraten. Es gibt wenige Orte, die für die offizielle Saga des Staates Israel wichtiger sind als dieser. "Masada darf nie wieder fallen", so lautet seit der Staatsgründung die allegorische Losung.

Die Geschichte vom Underdog kennt Trump gut. Damit hat er Wahlkampf gemacht und ist so zum mächtigsten Mann der Welt geworden. Zudem scheint er den Ort bereits zu kennen.

Nachdem der Masada-Plan in der vergangenen Woche publik geworden war, twitterte Eran Sidis, Stabschef des Knesset-Sprechers, ein weiteres Bonmot aus dem Vor-Präsidenten-Leben: Trump habe vor sechs Jahren bei der israelischen Regierung angefragt, ob er einen seiner "Miss Universe"-Wettbewerbe auf Masada veranstalten könne. Der Contest fand dort nie statt.

Foto: Twitter/ Nadav Pollak
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