Trumps verstörende Antrittsrede Keine Angst, der will nur dealen

Mit seiner Antrittsrede versetzt Donald Trump den Westen in Angst. Aber wenn Europa auf den neuen US-Präsidenten trotzig und panisch reagiert, tut es genau, was er bezweckt.
Donald Trump

Donald Trump

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Am Vorabend seiner Inauguration besuchte Donald Trump in Washington, D.C., das Denkmal von Abraham Lincoln. Wie so vieles, so war auch dieses symbolträchtige Bauwerk für ihn nichts als Kulisse. Er stellte sich kurz in den Schatten von Lincolns Statue, die Biker spielten und ein paar Countrymusiker und als alles vorbei war, stieg hinter dem Denkmal ein großes Feuerwerk auf.

Es wäre schön gewesen, hätte Donald Trump sich von Abraham Lincoln wirklich inspirieren lassen. Von ihm hätte er lernen können, wie sich auch in finstersten Stunden eine Vision von Freiheit und Versöhnung entwerfen lässt. Lincolns Leitbild einer Regierung, die vom Volk geführt und für das Volk gemacht ist, durchströmt bis heute die amerikanische DNA. Auch Trump brachte in seiner Rede ein paar Mal das Wort "Volk" unter, aber allein deshalb von einer Anlehnung an den Urvater der amerikanischen Nation zu sprechen, wäre ein bisschen viel. Trump war am Freitag eher Darwin als Lincoln.

Wohl noch nie hatte die Antrittsrede eines US-Präsidenten einen radikaleren und martialischeren Ton. Amerika, einzig und allein. Härte, nichts anderes zählt. Das war der Kern der Botschaft. Trump gab sich als ultranationalistischer Führer, der seinem Land "den totalen Gehorsam" verspricht, die politische Elite verachtet und auf dem Planeten wieder das Recht des Stärkeren durchsetzen will. Wir haben lange genug geblutet. Jetzt sind mal die anderen dran - so lautete Trumps Grußbotschaft.

So erschreckend und beunruhigend der Auftritt war, er war auch ein Lehrbeispiel dafür, wie Trump funktioniert. Sein gesamtes Politikverständnis basiert auf Einschüchterung und Eskalation, und der Grad seiner Aggressivität bemisst sich stets an den Dimensionen des Resonanzraums. Je größer das Publikum, desto härter gibt er sich. Und je härter er sich gibt, desto größer der Effekt.

Trump spielt Amerikas Rächer

Die Inauguration war in dieser Hinsicht die Klimax der trumpschen Kampagne. Nie haben ihm mehr Menschen zugeschaut. Und anstatt in seinem Vorstellungsgespräch ein paar nette Worte von sich zu geben, spielt er Amerikas Rächer und versetzt die Welt in einen Schockzustand. Noch vor jeder konkreten politischen Maßnahme herrscht nun allseits Angst. Trump hat mit einer einzigen Rede alle Freunde und Feinde dort, wo er sie haben will: im Erdloch.

Ja, man kann Trumps Auftritt als weiteren Beleg seiner Unberechenbarkeit sehen. Aber die Ironie ist, dass in dieser Unberechenbarkeit eine große Berechenbarkeit liegt. Der US-Präsident agiert stets so, wie niemand es für möglich hält. Wenn es etwas gibt, das einem ansatzweise die Sorge vor Trump nehmen kann, dann vielleicht das: Er geht in der Regel über die rote Ampel. Gewöhnen wir uns endlich dran.

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Für Europa stellen sich in der Ära Trump viele Fragen, vor allem jene, wie es auf den neuen US-Präsidenten reagieren soll. Das ist eine schwierige Aufgabe, aber jene Ansätze, die in Brüssel und Berlin derzeit kursieren, wirken nicht sehr vielversprechend. Europa, so heißt es, müsse sein Schicksal nun "in die eigene Hand" nehmen - ganz so, als sei Europa bislang ein kleines Schisserchen und die USA die alleinigen Erziehungsberechtigten gewesen, von denen es sich fortan zu emanzipieren gilt.

Wer das Mantra verwendet, muss es auch mit konkreter Politik füllen. Das "Schicksal in die eigene Hand zu nehmen" hieße, von selbst die transatlantische Partnerschaft infrage zu stellen, von selbst eine europäische Armee aufzubauen, von selbst an der Nato herumzureformieren und amerikanische Importe womöglich mit Zöllen zu versehen. Diese Vorstellung basiert auf dem Wunsch, es dem Milliardär heimzuzahlen.

Aber agierten wir so, würden wir in vorauseilendem Gehorsam Trumps Arbeit erledigen, noch bevor der US-Präsident wirklich angefangen hat zu arbeiten. Trump liebt es zu verhandeln. Der aus seiner Sicht beste Deal wäre, wenn alle schon ihre Verhandlungsmasse aufgäben, noch bevor das erste Gespräch geführt wurde.

Trump stellt dem Westen eine Falle. Trotz und Panik helfen nicht weiter. Mehr Sinn macht es, Trump nüchtern und selbstbewusst gegenüberzutreten - und auf seine ersten Züge zu warten.

Denn lässt man seine Drohgebärden mal beiseite, so wird klar, dass er selbst es eigentlich ist, der vom Rest der Welt etwas will: mehr Geld für Verteidigung, neue Regeln für den Handel, neue Allianzen und Partnerschaften, Veränderungen beim Klimavertrag und dem iranischen Atomabkommen. Ganz alleine wird auch er - der große Zen-Meister - Schwierigkeiten haben, auf diesen Feldern Erfolge zu erzielen. Wer fordert, muss ein Angebot vorlegen.

Lassen wir ihn doch erst mal kommen.

IM VIDEO: Die wichtigsten Ausschnitte aus Trumps Inaugurationsrede

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