Geheimdienstdossier versus Wahrheit Oh, Donald!

Ist Donald Trump erpressbar? Oder wird er nun selbst Opfer einer Lüge? Das Dossier ist eine Warnung: Wir stehen am Anfang eines neuen Zeitalters. Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht.

Donald Trump
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Eine Kolumne von


Es gibt eine Regel, die Sherlock Holmes aufgestellt hat: "Wenn du das Unmögliche ausgeschlossen hast, dann ist das, was übrig bleibt, die Wahrheit, wie unwahrscheinlich sie auch ist." Für den Mann, der am 20. Januar sein Amt als 45. Präsident der Vereinigten Staaten antreten wird, gilt diese Regel nicht. Unmöglich ist nichts, unwahrscheinlich ist alles und wer glaubt im Zusammenhang mit Donald Trump noch an Wahrheit?

Es geht um einen Geheimbericht, dessen Inhalte seit gestern nicht mehr geheim sind. Demnach bespitzelt Russland Trump schon seit Jahren, um ihn "zu beeinflussen", zunächst bei möglichen Geschäften, dann aber auch politisch. Die Russen sollen auch kompromittierendes Material gegen Trump gesammelt haben. Die Geschichte ist die: Donald Trump soll im Hotel Ritz Carlton in Moskau das Zimmer gebucht haben, in dem Barack und Michelle Obama vor ihm schon mal waren. Dann soll er sich ein paar Prostituierte kommen lassen und ihnen bei Praktiken zugesehen haben, die der Bericht als "perverse sexuelle Handlungen" bezeichnet. Und der russische Geheimdienst soll das alles gefilmt haben.

Also Trump und seine Huren in Obamas Bett - und die Russen haben alles auf Band.

Ist das wahr? Gute Frage.

Als Jesus zu Pilatus sagt, er sei gekommen, für die Wahrheit Zeugnis abzulegen, fragt Pilatus: "Was ist Wahrheit?" Und wendet sich ab. Das sind wir. Glauben wir noch an Wahrheit? Uns blüht gerade ein neues Zeitalter. Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht. Es geht längst nicht mehr nur um Fake News. Gefälschte Nachrichten werden irgendwann zu gefälschten Wirklichkeiten.

Wahrheit ist nie ein Wort gewesen, das dem denkenden Menschen leicht über die Lippen geht. Aber dass die Suche nach Wahrheit eine sinnvolle Sache sei, darauf konnten sich viele Menschen lange Zeit einigen. Ist das noch der Fall in einer Zeit, in der Geheimdienste, Regierungen, Unternehmen und die ganz normalen Irren des Alltags beständig am größer werdenden Gewebe ihrer eigenen Realitäten arbeiten?

"Die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, daß sie welche sind", hat Nietzsche geschrieben. Das war ein gefährlicher Gedanke. Eine halbwegs anerkannte Konvention von Wirklichkeit ist unverzichtbar für eine demokratische Gesellschaft.

Die Logik der Geheimdienste triumphiert

Die Quelle des Trump-Dossiers ist unklar. Jetzt wurde ein ehemaliger britischer Agent identifiziert, der das Papier im Auftrag von Trumps innenpolitischen Gegnern angefertigt haben soll. Wenn das Papier wahr ist, stünden alle als Verlierer da: Trump und die Russen, aber auch seine Kontrahenten. Wenn es falsch ist - auch.

Was da geschieht, nennt man Zersetzung. Der Begriff stammt aus dem Wörterbuch der Geheimdienste. Ein anderes Wort, das man da findet, lautet "Kompromat", kompromittierendes Material, das bei Gelegenheit gegen den Gegner eingesetzt werden kann. Ein russischer Begriff - aber wahrlich keine russische Spezialität.

Wir sind Zeugen eines gefährlichen Prozesses: Die Logik der Geheimdienste triumphiert. Die Vernunft verliert die Kontrolle. Und das Ergebnis ist die systematische Zerstörung des Vertrauens, das für die Bindung zwischen den Menschen unabdingbar ist.

Die Netzseite "BuzzFeed" hat Trumps Moskauer Dossier veröffentlicht und dazu geschrieben, es beinhalte "unbelegte und vielleicht unbelegbare Anschuldigungen". Ein irrer Satz. Es gab Medien, die auf die Veröffentlichung des Trump-Dossiers verzichtet haben. Begründung: Auch Donald Trump verdiene journalistische Fairness und man solle nur veröffentlichen, was sich verifizieren lasse. Diese Selbstverständlichkeit erscheint plötzlich wie ein rührend altmodisches Argument. Denn das Trump-Dossier wurde im Moment seiner Veröffentlichung "wahr". Es genügt schon, dass wir uns vorstellen können, alles habe sich so zugetragen. Es genügt schon, dass sich dieses Bild so leicht einfügt in unsere Sicht auf die Dinge: Charakter und Verhalten des künftigen amerikanischen Präsidenten; Interessen und Methoden der Russen; die Zerrissenheit der amerikanischen politischen Sphäre. Alles passt.

Hat das Dossier politische Konsequenzen? Wer weiß. Wäre Trump wirklich durch die Russen erpressbar, dann könnte das ein Grund für ein "impeachment" sein, jenes Verfahren zur Amtsenthebung, das seinerzeit bei Bill Clinton gescheitert ist. Aber Erpressbarkeit entsteht aus der Unterwerfung unter soziale Konventionen. Welche gelten noch für Donald Trump?

Angesichts von Trumps Anhängerschaft wäre es unter Umständen weniger peinlich für ihn, mit lauter Blondinen im Bett gezeigt zu werden - als mit einem Buch.

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theanalyzer 12.01.2017
1. Das ist aber ganz kalter Kaffee!
Fake News, Unwahrheiten und ähnliche Meldungen sind doch uraltes Handwerkszeug der Politiker. Das geht von der No-Bail-Out-Lüge über Opa Blüms sichere Renten, den Angriff auf den Sender Gleiwitz bis zum Reichstagsbrand... Und es geht noch viel weiter. Eigentlich bis zur Apfellüge (Baum der Erkenntnis). Das als neuen Trend zu verkaufen... das ist ja schon eine Fake News.
corvey 12.01.2017
2.
Die Lüge war schon immer ein Mittel der Herrschaft, die sich bedroht fühlt, das ist nicht neu. ... neu ist aber, daß das Volk dies endlich merkt ....
Europa! 12.01.2017
3. Entsetzen
Wer die gestrige Pressekonferenz des gewählten amerikanischen Präsidenten gesehen hat, kann sich nur mit Entsetzen abwenden. Eine rasende, belfernde Meute von Journalisten stürzte sich auf den Mann, der das mächtigste Land der Welt regieren soll. Sind diese Menschen von Sinnen? Glauben sie sich wegen ein paar Geheimdienstlügen im Ausnahmezustand zu befinden und jeden Anstand vergessen zu müssen? So geht Amerika vor die Hunde - im wahrsten Sinne des Wortes.
tolate 12.01.2017
4. Neu ist das alles nicht
Diese Praktiken, zweckgerichtete Behauptungen mit fraglichem Wahrheitswert als Tatsachen auszugeben, sind schon lange in der Politik üblich, national wie international. Medien sind ein Bestandteil dieser in der Tat höchst gefährlichen Praktiken, Geheimdienste sind ein weiterer Teil, dazu kommen noch immer mehr NGOs, selbst solche, die früher einmal sich da nicht beteiligt haben. Ob man nun den griechischen Staatshaushalt betrachtet, oder den Krieg in Syrien, Randake in Bautzen,oder irgendein anderes einigermaßen bedeutendes Ereignis sonstwo, es bietet sich immer das gleiche Bild. Weil diee Manöver funktioniern, und ihren Betreibern zumindest zeitweilig einen Vorteil bringen. Hat Putin nicht doch Trump zum Wahlsieg verholfen?
hevopi 12.01.2017
5. Was hat das denn alles mit Politik zu tun?
Nach meinem Verständnis hat die Politik dafür zu sorgen, dass es den Menschen gut geht, dass sie einen Arbeitsplatz haben, an einer positiven Entwicklung teilhaben und sicher leben. Die Quasselgeschichten um eigentümliches Verhalten von Politikern spielt so lange keine Rolle, wie sie nicht zum Nachteil der Menschen führen. Wenn ich mir so die Politik in Deutschland ansehe, hochmoralisch und unfähig, dann doch lieber einen "Sex-Athleten", der sich für sein Land einsetzt.
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