Marc Pitzke

Trumps Strategie im US-Vorwahlkampf Die Saat des Bösen

Donald Trumps Tiraden sind nicht mehr lustig. Die Hetze des US-Republikaners gegen Muslime gibt dem radikal-rassistischen Rand Amerikas Aufwind. Eine kalkulierte Eskalation, die Folgen haben wird - egal was aus Trump wird.
Trump auf Wahlkampftour in Iowa: Seine Worte werden bleiben

Trump auf Wahlkampftour in Iowa: Seine Worte werden bleiben

Foto: MARK KAUZLARICH/ REUTERS

Es wäre so schön, wenn sich Donald Trump ignorieren ließe. Als Clown, Entertainer, Narzisst. Als einer, der sich mit kalkulierter Kontroverse Gratiswerbung auf allen Kanälen erschleicht, doch spätestens dann verschwinden wird, wenn es ernst wird im Präsidentschaftswahlkampf.

Doch es ist ja längst ernst. Und der Spitzenreiter im Kandidatenzirkus der US-Republikaner ist weit davon entfernt zu verschwinden. Obwohl seine Auslassungen immer extremer werden. Und immer gefährlicher.

Trumps jüngste Hassgeburt - die Forderung nach "totaler Abschottung"  der USA gegen alle Muslime, also 1,6 Milliarden Mitglieder der zweitgrößten Weltreligion - ist keine Entgleisung mehr. Sondern eine bewusste, einzigartige Eskalation seiner Dauerhetze gegen Einwanderer, Afroamerikaner, Behinderte - und nun Muslime.

Diese Eskalation offenbart, wovor einige schon länger warnen: Trump bedient sich der Mechanismen des Faschismus. Man kann, man muss es endlich aussprechen.

Viele Merkmale sind erfüllt: Personenkult, Opfermentalität einer frustrierten Mittelklasse, Verschwörungswahn, Anti-Intellektualismus, plumpe Sprache ("Newspeak", so George Orwell), paramilitärisches Gehabe, Nationalismus, Rassismus, Entmenschlichung einer ganzen angeblichen "Täter"-Gruppe samt Gewaltappellen gegen diese Gruppe.

Es geht nicht mehr um den Wahlsieg 2016

Dabei geht es gar nicht mehr darum, ob Trump überhaupt Aussichten auf die Nominierung hat, geschweige denn auf einen Wahlsieg in 2016. Nein, die Gefahr liegt tiefer. Sie lauert in den Folgen seiner Zündelei. Trump hat etwas begonnen, das nicht so leicht aus der Welt zu schaffen sein dürfte, auch wenn er selbst scheitert oder die Lust verliert.

Trump gibt dem radikalen Rand eine Stimme und macht dessen Gedankengut salonfähig. Dabei ist seine breitere Zielgruppe eigentlich harmlos - und arglos: weiße, ärmere, ältere, weniger gebildete Amerikaner, die zusehends in Angst leben. Angst vor dem Terror, vor finanzieller Not, vor dem demografischen Umbruch der USA, der die nächste Generation von der Mehrheit zur Minderheit degradieren wird.

14 Jahre nach 9/11 und demoralisiert von zwei sinnlosen Kriegen fühlen sich viele Amerikaner bedroht, überfordert und vergessen: vom Aufschwung, von Washington, von der Mitsprache über ihr Schicksal.

"USA! USA! USA!"

Für diese US-Wutbürger kam es Schlag auf Schlag. Die Wahl und Wiederwahl des ersten schwarzen Präsidenten, den die Hälfte der Republikaner bis heute für einen Muslim hält. Der progressive Fortschritt (Gesundheitsreform, Homo-Ehe, Schwule im Militär). Die Proteste gegen Polizeigewalt, bei denen sie sich als die wahren Opfer sehen. Und nun der Terror, real und eingebildet, von außen wie innen.

Die Terrorserie in Paris (noch fern) und der Anschlag in San Bernardino (plötzlich ganz nah) nahm Trump zum Anlass, noch weiter zu gehen als bisher - und er kommt an. Das zeigte sich zum Beispiel am Montag in South Carolina, wo Hunderte Trump-Fans seine Anti-Muslim-Tiraden bejubelten, mit gereckten Fäusten: "USA! USA! USA!"

Was Trump in der derzeitigen Stimmung anrichtet, zeigt sich im Gewaltpotenzial all seiner Auftritte. Bei einer Trump-Rede in Alabama wurde ein schwarzer Demonstrant von einem weißen Mob verprügelt. Offenbar mit Billigung Trumps, der außerdem anregte, sich als Nächstes die Familien der Täter von San Bernardino "vorzuknöpfen" - sowie kritische Reporter, die er als "Lügner" und "Abschaum" tituliert.

Es zeigt sich auch in den wachsenden Übergriffen auf Muslime landesweit: Die größte US-Lobbygruppe Council on American-Islamic Relations (CAIR) meldet mehr "Diskriminierung, Einschüchterung, Bedrohung und Gewalt gegen amerikanische Muslime" als je zuvor seit 9/11.

Worte haben Konsequenzen

Vor allem gefährdet Trump die nationale Sicherheit Amerikas: Seine verantwortungslose Rhetorik spielt dem "Islamischen Staat" (IS) in die Hände, indem sie dessen apokalyptisch verzerrtes Feindbild bestätigt und Muslimen immer neue Rechtfertigung gibt, sich von den USA abzuwenden.

Selbst George W. Bush, der die Nation in den Irakkrieg trickste, stellte nach 9/11 noch klar: "Der Islam ist Friede." Heute halten 56 Prozent der Amerikaner den Islam für "mit amerikanischen Werten unvereinbar". Worte haben Konsequenzen: Ihr Urheber mag irgendwann verschwinden, doch sie werden noch lange nachhallen.

Im Video: Trump fordert Einreiseverbot für Muslime

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