"Zerstören und auslöschen"-Tweet Türkei lässt sich von Trumps Tiraden nicht einschüchtern

Via Twitter hatte US-Präsident Trump der türkischen Regierung mit der Zerstörung ihrer Wirtschaft gedroht. Ankara zeigt sich unbeeindruckt - und plant trotzdem eine Militäroffensive in Syrien.

Fuat Oktay, türkischer Vizepräsident: "Unsere Botschaft an die internationale Gemeinschaft ist klar"
Giulio Napolitano/ Bloomberg/ Getty Images

Fuat Oktay, türkischer Vizepräsident: "Unsere Botschaft an die internationale Gemeinschaft ist klar"


Die Wortwahl war selbst für US-Präsident Donald Trump ungewöhnlich: "Wenn die Türkei irgendetwas unternimmt, was ich in meiner großartigen und unvergleichlichen Weisheit für tabu halte, werde ich die türkische Wirtschaft vollständig zerstören und auslöschen", twitterte Trump - ohne deutlich zu machen, was er als Verstoß erachten würde.

Auf die Türkei hat er damit offenbar keinen großen Eindruck gemacht. "Unsere Botschaft an die internationale Gemeinschaft ist klar - die Türkei ist kein Land, das sich von Drohungen bewegen lässt", sagte Vizepräsident Fuat Oktay wenige Stunden später in Ankara.

Oktay bekräftigte, dass die Türkei zu dem Plan stehe, in Nordsyrien gegen Kurdenmilizen vorzugehen. Die Türkei werde niemals zulassen, dass unmittelbar an ihrer Grenze "ein Terrorkorridor, ein Terrorstaat" entstehe, was auch immer die Kosten seien. Es sei an der Zeit, eine "Sicherheitszone östlich des Flusses Euphrat" zu schaffen.

Das Weiße Haus hatte am Sonntag mitgeteilt, US-Streitkräfte würden sich nicht an einer geplanten Offensive der Türkei in Nordsyrien beteiligen und künftig nicht mehr "in der unmittelbaren Region sein". Im Morgengrauen am Montag begannen US-Truppen mit dem Abzug von dort, wie der Sprecher der von Kurdenmilizen dominierten "Syrian Democratic Forces" (SDF) bestätigte.

Der Schritt sorgte sowohl in den USA als auch international für Besorgnis. Die Kurdenmilizen, die dort als US-Verbündete gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" kämpften, fühlen sich verraten. Trump wurde auch aus den eigenen Reihen vorgeworfen, die Kurdenmilizen im Stich zu lassen.

Im Norden Syriens kontrollieren im Grenzgebiet zur Türkei die kurdischen YPG-Milizen Gebiete. Die Türkei betrachtet sie als Terroristen. Zahlreiche Regierungen, darunter die Bundesregierung, und internationale Organisationen, hatten die Türkei dringend vor einer Militäroffensive in Nordsyrien gewarnt. Vertreter der Kurden sagten, so könne ein neues "Kriegsgebiet" entstehen.

Die türkische Nachrichtenagentur Anadolu zitierte den Sprecher des Außenministeriums, Hami Aksoy, mit den Worten: Die Türkei sei entschlossen, Terroristen östlich des Euphrat-Flusses zu vertreiben, um das eigene Überleben zu sichern und eine sichere Zone einzurichten. "Auf diese Weise wird eine ernste Bedrohung für die territoriale Ganzheit und Einheit Syriens beseitigt."

vks/dpa

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syracusa 08.10.2019
1. klare Kante gegen Erdogan zeigen
Die westlichen Regierungen und die EU mögen bitte endlich mal zur Kenntnis nehmen, dass selbst die PKK schon lange keine Terrororganisation mehr ist. Es wird höchste Zeit, diese Einstufung einer Revision zu unterziehen. Sollte die Türkei unter Verletzung des Völkerrechts ihre Aggression gegen die syrischen Kurden fortsetzen und den angekünfigten Angriff samt ethnischer Vertreibungen duzrchsetzen, so muss das von Seiten der demokratischen Staaten dieser Welt klare Konsequenzen haben. Die EU muss dann zwingend sofort auch alle nur noch formal bestehenden Beitrittsverhandlungen mit der Türkei beenden, und muss wirksame Wirztschaftssanktionen gegen die Türkei verhängen.
jerkrussel 08.10.2019
2. Neo Osmanismus
Wir sehen hier den nächsten Schritt der Türkei zur Ausdehnung ihres Territoriums. Ich verstehe nicht, warum man sie gewähren lässt und hoffe, dass Erdogan am Ende seines Wirkens nicht mehr bleibt als nur ein Scherbenhaufen.
isi-dor 08.10.2019
3.
Man weiß bald gar nicht mehr, vor wem man mehr Angst haben muss: Vor Erdogan und seinem geplanten illegalen Angriffskrieg auf syrisches Staatsgebiet, oder vor Trump, dem notorischen Großkotz, der jetzt schon ganzen Staaten mit Vernichtung droht. Trumps Tweed weckt 1:1-Assoziationen an diverse Hitler-Reden. Mir graut.
docker 08.10.2019
4. Die SDF , als Miliz ohne Luftwaffe...
....muss sich jetzt an Bashar anlehnen, um einem Militärschlag begegnen zu können, der auf türkischer Lufthoheit sockelt. .Am Boden unschlagbar, ohne Kampfjets ohne Chance. Das demokratische Projekt Rojava muss überleben und sei es nur mit der -zeitweiligen- Hilfe des Regimes. Der Spatz in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach.
butzibart13 08.10.2019
5. von allen verlassen
Wenn man es ganz eng sieht, ist ja Trump nicht der eigentliche Schuldige in dem Schlamassel, der die Kurden im Stich lässt, sondern Erdogan, der einen Vernichtungsfeldzug gegen die Kurden führt, aber auch die Reste vom IS, die den Kurden das Leben schwer machen können. Die Kurden können sich so nur mit dem ungeliebten Iran oder dem noch ungeliebteren Assad verbinden oder auf Unterstützung von sonst irgendwo hoffen.
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