Reaktionen auf Merkels Besuch bei Trump "Großer Zerstörer" trifft "letzte Verteidigerin der liberalen Weltordnung"

"Die Körpersprache der zwei Spitzenpolitiker während einer unbehaglichen Begegnung im Oval Office sprach Bände": Was internationale Medien über Merkels Besuch bei Trump schreiben.

Merkel, Trump
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Merkel, Trump


Sie hat aus Sicht vieler Journalisten nicht nur alles richtig gemacht, nein, sie hat vor allem ihren Gastgeber übertrumpft: Die Berichte vieler großer US- und europäischer Medien über den Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel beim US-Präsidenten Donald Trump sind eindeutig pro Merkel.

Ein paar Stimmen:

Die liberale und Trump gegenüber kritische Zeitung "New York Times" kommentierte:

"Der große Zerstörer tritt der letzten Verteidigerin der liberalen Weltordnung gegenüber. Welten trennen sie in Stil und Politik, doch Mr Trump und Ms Merkel wollten zeigen, dass sie zusammenarbeiten, als sie Seite an Seite im East Room des Weißen Hauses standen. Aber sie konnten den Graben, der sie beim Thema Handel, Einwanderung und einer Reihe anderer heikler Fragen trennt, nicht verbergen."

Das US-Magazin "The Atlantic" griff Trumps frühere Kritik an Merkels Flüchtlingspolitik auf:

"Was Merkel angeht, nutzte sie ihr eigenes Statement für eine versteckte Schelte für Trump, der in der Vergangenheit gesagt hatte, sie 'ruiniere' Deutschland mit dem 'katastrophalen Fehler' einer Politik der offenen Tür für Flüchtlinge. Merkel hat betont, es sei besser, miteinander zu reden als übereinander. Fraglich ist aber, ob die beiden wirklich miteinander gesprochen haben. Während Trump bei der Pressekonferenz aus der Hüfte geschossen hat, war Merkel bemüht, die Lage zu beruhigen oder sich rauszuhalten."

Das Magazin "Politico" beschreibt eine "peinliche" Szene des Treffens:

"Präsident Donald Trump, der damit Schlagzeilen gemacht hat, als er mit Japans Ministerpräsident vor Reportern ganze 19 Sekunden lang die Hände geschüttelt hat, schien die deutsche Kanzlerin Angela Merkel zu ignorieren, als sie einen Händedruck während ihres Besuches im Weißen Haus am Freitag vorschlug. In einem auf Video festgehaltenen Austausch sammelten sich Fotografen um Trump und Merkel im Oval Office (...) und schlugen vor, dass die beiden für die Kameras die Hände schütteln.
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Erstes Zusammentreffen: Trump empfängt Merkel

Merkel, eine vom früheren Präsidenten Barack Obama hoch geschätzte Verbündete der USA, wandte sich an Trump und fragte: 'Wollen Sie einen Handshake?' Trump, der das Gesicht zu verziehen schien, als er neben Merkel saß, antwortete nicht. Er blickte weiterhin geradeaus, als die Kameras liefen. Es ist unklar, ob Trump die Kanzlerin gehört hat, aber Videos von dem Austausch machten unmittelbar danach die Runde auf Twitter. Reporter bezeichneten es als 'peinlich'."

Auch die britische Tageszeitung "The Times" beschreibt am Samstag anschaulich das Zusammentreffen von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit US-Präsident Donald Trump:

"Die Körpersprache der zwei Spitzenpolitiker während einer unbehaglichen Begegnung im Oval Office sprach Bände."

Und die liberale britische Tageszeitung "The Guardian" beschreibt den Besuch der Kanzlerin in Washington am Freitag als Versuch, deutsche Autos zu verkaufen:

"Hier stieß eine ruhige, bedächtige und passionierte Europäerin mit einem Mann zusammen, dessen Unwissenheit über Außenpolitik bodenlos zu sein scheint und dessen Gehirn in 140 Zeichen langen Ergüssen von Vulgarität und Provokation zu funktionieren scheint. Die Fronten waren natürlich schon lange vor dem Besuch abgesteckt. [...] Angela Merkel, Europas mächtigste, wertebezogene, Flüchtlinge willkommen heißende und Putin widerstehende Spitzenpolitikerin traf endlich Donald Trump, den potenziellen Zerstörer des Westens und der liberalen Demokratie. Merkels Ziel für das Treffen mit Trump: deutsche Autos verkaufen und nicht die Weltordnung retten. Der Unterschied hätte kaum krasser sein oder weniger auf dem Spiel stehen können."

Die spanische Zeitung "El País" kommentierte:

"Der Präsident der Vereinigten Staaten träumt davon, Mauern zu bauen. Die deutsche Kanzlerin hat am eigenen Körper die Diktatur hinter einer solchen Mauer erlebt. Aus dieser Distanz heraus haben beide versucht, eine Beziehung wieder herzustellen, die sich auf einem historischen Tiefpunkt befindet. [...] Merkel hatte auch die Wahl im September im Blick, wo jedes Ungleichgewicht tödliche Folgen für sie haben kann. Denn Trump ist in Deutschland höchst unbeliebt. [...] Vor dem US-Präsidenten Schwäche zu zeigen, könnte viele Wählerstimmen kosten, aber sich zu weit zu entfernen ebenso. Darunter würde die Wirtschaft leiden."

Deutsche Medien heben in ihren Kommentaren am Samstag vor allem auf die wirtschaftlichen Aspekte des Besuchs ab. Es wird gelobt, dass Merkel die Bedeutung offener Grenzen und eines freien Welthandels zum Thema machte.

"Wenn die Bilder vom Treffen mit Wirtschaftsvertretern und die ersten Nachrichten nicht täuschen, dann hat die deutsche Delegation alles richtig gemacht", schrieb das "Flensburger Tageblatt". Beim Geschäft würden sich alle verstehen, offenkundig besonders bei der Frage der dualen Ausbildung. Und wenn sonst zwischen Trump und Merkel nicht viel zusammenpasse - die gemeinsamen Interessen seien immer das stärkste Argument. "Es war keinesfalls herzlich, aber besser als befürchtet", lautet das Fazit der Zeitung.

Das "Göttinger Tageblatt" schreibt angesichts der engen wirtschaftlichen Verflechtung beider Länder: "Es sich mit den Deutschen zu verscherzen, könnte für die USA sehr unklug sein." Wenn Trump in den nächsten Wochen und Monaten keinen Handelskrieg anfängt, habe Merkel schon viel erreicht, betont die "Märkische Allgemeine".

Die Zukunft der deutsch-amerikanischen Beziehungen hängen nach Meinung des "Darmstädter Echos" davon ab, ob es Merkel wie bei Bush und Obama schaffe, eine belastbare Arbeitsbeziehung zu etablieren. Ob das gelingt, sei offen. Aber Trump brauche Merkel, weil sie Wladimir Putin und andere Staatschefs viel besser kennt als er. "Das Justieren und Taxieren hat also gerade erst begonnen."

Viele amerikanische Journalisten zeigen sich auf Twitter beeindruckt von den kritischen Fragen ihrer deutschen Kollegen auf der Pressekonferenz von Merkel und Trump. Eine dpa-Journalistin hatte den US-Präsidenten gefragt, warum er bewusst Unwahrheiten verbreite, ein "Welt"-Reporter, ob er manchmal bereue, was er auf Twitter verbreite. Reuevolle Antworten bekamen sie zwar nicht, aber dafür den Respekt der US-Kollegen:

"Was für ein Unterschied zwischen den Fragen des amerikanischen Reporters und der deutschen Reporterin", schreibt Ryan Lizza, CNN-Journalist.

Auch der Politik-Korrespondent David Drucker von CNN findet lobende Worte: "Gute Arbeit der deutschen Presse. Ernsthaft."

"Die deutsche Presse beschämt uns", twitterte "Politico"-Korrespondentin Tara Palmeri.

Das Treffen war mit großer Spannung erwartet worden. Trump hatte Merkel zwar zwischenzeitlich als "fantastisch" und "große Anführerin" gelobt, sie aber gleichzeitig scharf für ihre Flüchtlingspolitik kritisiert. Es sei irrsinnig, so viele Menschen ins Land zu lassen. Für beide Seiten ging es also vor allem auch darum, Vertrauen aufzubauen und nach Gemeinsamkeiten zu suchen.

Auf der Pressekonferenz nach dem vertraulichen Gespräch gaben sich beide Regierungschefs professionell, betonten die Wichtigkeit der transatlantischen Beziehungen.

lgr/dpa

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