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Attacken, Affronts, Drohungen Trump eskaliert seinen Krieg gegen die Medien

Mit kritischen Journalisten konnte US-Präsident Donald Trump nie umgehen. Jetzt hat er seine Kampagne drastisch verschärft - samt vulgären Ausfällen.

Die Breitseite schlug zum Frühstück ein. Noch vor neun Uhr morgens feuerte der mächtigste Mann der Welt am Donnerstag zwei zornige Tweets ab. Nicht gegen Russland. Nicht gegen Nordkorea. Nicht gegen Syrien.

Nein: Gegen Mika Brzezinski und Joe Scarborough, die frisch verlobten Stars des Newssenders MSNBC - "Crazy Mika" und "Psycho Joe", wie er sie nannte.

Deren Show - die in dem Moment lief - "redet schlecht über mich", schäumte US-Präsident Donald Trump, sie habe "miese Quoten" und er gucke sie sowieso nicht. Minuten später keilte er nach: Im Januar habe Brzezinski, die Tochter des im Mai verstorbenen Ex-Sicherheitsberaters Zbigniew Brzezinski, ihn bei einem Empfang hofiert, aber "wegen eines Facelifts schwer geblutet".

Die vulgäre Attacke erinnert an Trumps Blut-Tirade gegen eine andere TV-Lady: Megyn Kelly. Diesmal aber verurteilten selbst Parteifreunde den Ausfall als "würdelos". Nur Trumps Vizesprecherin verteidigte ihren Chef - sowie die First Lady, deren Initiative gegen Cyberbullying offenbar pausiert.

MSNBC-Moderatoren Joe Scarborough (l.), Mika Brzezinski (Archivbild)

MSNBC-Moderatoren Joe Scarborough (l.), Mika Brzezinski (Archivbild)

Foto: Jonathan Ernst/ REUTERS

Doch auch diese Episode wird folgenlos bleiben. Dabei war sie nicht nur ein typischer Ausraster und zugleich Ablenkungsmanöver. Sie war vor allem eine Salve in Trumps eskalierendem Krieg gegen die Wahrheit und die kritischen Journalisten - dem einzigen von der US-Verfassung geschützten Berufsstand.

Immer mehr Propaganda. Immer weniger Transparenz. Beschimpfungen, Drohungen, Angriffe: Dahinter, sagt John Bussey vom "Wall Street Journal", stecke "der Wunsch, eine Mauer ums Weiße Haus zu ziehen". Sprich: die vierte Gewalt kaltzustellen. Wo die US-Pressefreiheit so schon unter Druck steht, wie der Präzedenzfall der Website "Gawker" zeigte, ruiniert durch eine vom Milliardär Peter Thiel finanzierte Klage des Ex-Wrestlers Hulk Hogan.

Beide sind Trump-Fans, beide zerstörten Schwächere. Auch Trump drohte im Wahlkampf, Reporter in Grund und Boden zu klagen - sein Hobby als Immobilienmagnat. Aber was jetzt passiert, ist perfider. Er hat Journalisten - bis auf seine Kumpels beim TV-Sender Fox News und der Website Breitbart - zu "Feinden des amerikanischen Volkes" erklärt. Er nennt alle Medien Fake News, obwohl er selbst, so eine Statistik der "New York Times" , täglich rund eine Unwahrheit von sich gibt. Er hat die Zahl der Regierungspressekonferenzen reduziert, gezielt Reporter ausgeschlossen, Kameras verboten. CNN behalf sich mit einem Gerichtszeichner, um aus dem Weißen Haus zu berichten.

Trump schlachtet jede Gelegenheit aus

Trumps Kampagne gegen die Medien verschärfte sich spürbar Anfang Juni, als die Russlandaffäre an Fahrt gewann - dank Enthüllungen in der "New York Times", der "Washington Post" und bei CNN. Seitdem, erzählt Reporter Brian Karem, sei die Stimmung im Weißen Haus "auf dem Tiefpunkt".

Karem, der für die "Sentinel Newspapers" und den "Playboy" über Trump schreibt, lieferte sich am Dienstag einen Schlagabtausch mit Vizesprecherin Sarah Huckabee Sanders. Die hatte mal wieder lange über Fake News geschimpft, worauf Karem sie der öffentlichen Hetze beschuldigte. Die Regierung verkaufe "Halbwahrheiten wie alte Kekse auf einem Kuchenbasar", sagte er später. "Ich hielt es einfach nicht mehr aus und musste was sagen."

Ursprünglicher Auslöser der Sanders-Polemik war eine einzige Meldung, die CNN widerrufen hatte. Der Bericht über einen Trump-Berater habe interne Prozeduren missachtet, erklärte der Sender kryptisch. Der eigentliche Inhalt der Story, die nur online erschien, stand nie infrage.

Trotzdem schlachtete Trump die Gelegenheit sofort aus. "FNN: Fake News Network", twitterte er: "Quoten im Keller!" Noch Tage später setzte er seine CNN-Angriffe fort, bei der ersten Spendengala für seinen nächsten Wahlkampf 2020 - eine Veranstaltung, von der die Presse ausgesperrt blieb.

Trumps Fans lieben seine Attacken gegen die Medien

Das mit den Quoten stimmt natürlich nicht. Wie Fox News und MSNBC, die so erfolgeich sind wie lange nicht, sieht sich auch CNN im Aufwind. Die drei Rivalen liegen um 33 Prozent über den Zahlen vom Vorjahr - dank Trump: Je mehr der die Journalisten sabotiert, umso mehr verdienen die Sender.

Ähnliches gilt für die meisten anderen US-Medien, die eine Renaissance der investigativen Recherche genießen. Als die "Washington Post" jetzt ein "Time"-Cover mit dem Porträt Trumps, das in seinen Golfklubs hing, als Fake enthüllte, polterte Trump prompt zurück und drohte Amazon, dem Mutterkonzern des Blatts, eine fiktive "Internet-Steuer" an.

Sowas wiederum liebt Trumps medienaverse Anhängerschaft, die Journalisten schon bei seinen Wahlkampfauftritten ausbuhten, beschimpften und anrempelten. Als der republikanische Kongresskandidat Greg Gianforte neulich einen Reporter des "Guardian" blutig schlug, dankten sie ihm das mit einem Wahlsieg.

Wobei Trump ja nicht alle Reporter hasst. Am Dienstag unterbrach er ein Telefonat mit dem irischen Premier Leo Varadkar, um mit der Journalistin Caitriona Perry, die dabei stand, zu flirten und ihr ein Kompliment zu machen - für ihr "schönes Lächeln". Die kommentierte nur hilflos: "Bizarr."

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