Nach Telefonat mit Witwe Trump eskaliert Streit um getötete US-Soldaten

Hat sich der US-Präsident gegenüber der Familie eines gefallenen US-Soldaten respektlos verhalten? In den Streit um diese Frage sind nun auch eine schwangere Witwe, eine trauernde Mutter und eine lautstarke Kongressabgeordnete involviert.

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Was unumstritten ist: Anfang Oktober starben vier US-Soldaten bei einem Einsatz in Niger. Einer davon ist David Johnson, er wurde 25 Jahre alt. Am Dienstag rief US-Präsident Donald Trump bei der Witwe des Verstorbenen an; Myeshia Johnson ist 24 Jahre alt, hat bereits zwei Kinder und ist im sechsten Monat schwanger. Über den Verlauf dieses Telefonats ist in Amerika nun allerdings ein hässlicher Streit entbrannt.

Trump soll während des Telefonats zur Witwe gesagt haben: "Er wusste, worauf er sich einlässt. Aber ich vermute, es tut trotzdem weh." So schildert es die demokratische Kongressabgeordnete Frederica Wilson. Sie habe während des Gesprächs mit Myeshia Johnson im selben Auto gesessen und das Telefonat über die Lautsprecherfunktion mitgehört. Die Witwe habe die ganze Zeit geweint, und als das Gespräch beendet war, habe sie gesagt: "Er hat sich nicht einmal an seinen Namen erinnert."

Bei Trump klingt das allerdings so: "Komplett erfunden" sei die Schilderung von Wilson, schrieb er am Mittwoch bei Twitter. "Und ich habe Beweise."

Beweise hat Trump bisher nicht vorgelegt. Von Reportern darauf angesprochen, sagte er wenig später im Weißen Haus über Wilson: "Lasst Sie ihre Erklärung noch einmal machen, dann werdet ihr sehen." Er habe nicht gesagt, "was diese Kongressabgeordnete behauptet". Er habe vielmehr "eine sehr nette Unterhaltung mit der Frau, mit der Ehefrau" geführt, sagte Trump. "Sie klang wie eine sehr nette Frau."

Auch Trumps Sprecherin Sarah Sanders warf der Demokratin Wilson vor, den Fall zu instrumentalisieren, ihre Schilderungen seien "ungeheuerlich und widerlich". Das Weiße Haus habe keine Aufzeichnungen des Gesprächs, sagte Sanders, solche Unterhaltungen seien privat. Es hätten aber mehrere Mitarbeiter das Gespräch Trumps mit der Witwe verfolgt. Sie hätten das Telefonat als "sehr respektvoll" beschrieben.

Myeshia Johnson am Sarg ihres Ehemannes
WPLG/AP

Myeshia Johnson am Sarg ihres Ehemannes

Bei der Mutter des getöteten Soldaten klingt das allerdings so: "Präsident Trump hat sich gegenüber meinem Sohn und meiner Tochter respektlos verhalten und auch gegenüber mir und meinem Ehemann", sagte Cowanda Jones-Johnson der "Washington Post". Auch sie habe das Telefonat mit angehört. Die Aussagen der Kongressabgeordneten seien wahr.

Wilson bekräftigte via Twitter, dass sie zu ihren Aussagen über das Telefonat zwischen Trump und Myeshia Johnson stehe. "Das ist ihr Name, Mr Trump. Nicht 'die Frau' oder 'die Ehefrau'." In einer Mitteilung schrieb Wilson, für sie sei die Sache "persönlich, nicht politisch". Der gestorbene Soldat sei Teil ihrer Gemeinde gewesen.

Frederica Wilson
AP

Frederica Wilson

Trump hatte in der Vergangenheit schon häufiger den Ärger von Angehörigen des US-Militärs und deren Familien auf sich gezogen.

  • Nur kurz vor der jüngsten Kontroverse attackierte er seine Amtsvorgänger mit falschen Vorwürfen und kritisierte sie dafür, sich nicht ausreichend um die Familien gefallener US-Soldaten gekümmert zu haben.
  • In dem daraus resultierenden Streit nutzte Trump eine persönliche Tragödie seines Chefberaters John Kelly, um seine eigenen umstrittenen Aussagen zu belegen: Kellys Sohn war 2010 in Afghanistan getötet worden, der Politiker will den Tod seines Sohnes aus der Öffentlichkeit heraushalten. Trump sagte aber in einem Interview: "Sie könnten General Kelly fragen, 'Hat er einen Anruf von Obama bekommen?'"
  • Im Wahlkampf hatte sich Trump wiederholt mit Khizr Khan angelegt, dem Vater eines im Irak getöteten US-Soldaten. Khan trat beim Parteitag der Demokraten auf und erinnerte Trump an die Verfassung. Trump stellte sich daraufhin selbst als Opfer dar, schließlich sei er "böse attackiert" worden.
  • Der republikanische Senator John McCain diente einst im Vietnamkrieg, er geriet in Gefangenschaft, wurde mehr als fünf Jahre festgehalten und gefoltert. 2015 sagte Trump, für ihn sei McCain kein Held. "Er ist ein Kriegsheld, weil er gefangen wurde. Ich mag Leute, die nicht gefangen wurden, okay?" Trump selbst diente nie in den US-Streitkräften.

Bericht über den 25.000-Dollar-Scheck

Am Mittwoch veröffentlichte die "Washington Post" einen Bericht über Chris Baldridge. Sein 22-jähriger Sohn Dillon war im Juni in Afghanistan gestorben. Baldridge sagte nun der Zeitung, Trump habe ihn wenige Wochen nach dem Todesfall angerufen und ihm während des etwa 15-minütigen Gesprächs zwei Dinge versprochen: einen Scheck über 25.000 Dollar, umgerechnet etwa 21.200 Euro; und den Start einer Online-Spendenaktion für die Familie. Beides sei nicht passiert, zitiert die Zeitung Baldridge.

Eine Sprecherin des Weißen Hauses kritisierte die Medien in einer schriftlichen Erklärung dafür, voreingenommen zu sein und schrieb: "Der Scheck wurde verschickt."

aar

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gandhiforever 19.10.2017
1. History
Es ist ja nicht das erste Mal, dass dieser Praesident durch , milde ausgedrueckt, ungeschickte, peinliche Aeusserungen darauf hinweist, dass er nur sich selbst sieht, kein Mitgefuehl fuer andere hat. Das fing an mit McCain, dem der Drueckberger vorhielt, er ziehe Leute vor , die (so wie er) nicht in Gefangenschaft geraten. Es ging weiter mit den Khans, wo er besser sein geschwiegen haette. Mal ganz abgesehen davon, dass Trump so lange brauchte (die vier Soldaten starben schon vor einigen Wochen in Niger), bis er mit den Angehoerigen Kontakt aufnahm. Und nun dies. Die Stellungnahmen von Mutter und Witwe passen voellig zu diesem Praesidenten. Sein Pech auch noch, dass eine Demokratische Abgeordnete anwesend war. Trump ist natuerlich unglaubwuerdig, denn, wer so oft luegt wie dieser notorische Luegner, dem glaubt man einfach nicht mehr, da kann er Zeugen anfuehren, so viel er will (Zeugen, denen er einen Eid auf sich selbst abverlangte). Wie viele Tage ist es denn her, dass er , um sich selbst in ein strahlendes Licht zu stellen, andere Praesidenten in Sachen Kondolenz schlecht machte. Trump respektiert niemanden, weder die fuer die USA Gefallenen noch die Buerger selbst. Sonst wuerde er nicht permanent das Volk beluegen. Ergo hat der Mann im Weissen Haus auch keinen Respekt zu erwarten.
01723950755 19.10.2017
2.
Für einen pathologischen Lügner - seine Persönlichkeit wurde immerhin in einer "Ferndiagnose" als die eines pathologischen Narziss ohne Empathie festgestellt - geben ihm seine republikanischen Parteigenossen aber noch sehr viel Vertrauen. Wurde Clinton wegen einer "geflunkerten" Aussage zu einem Techtelmechtel gleich mit einem Impeachmentverfahren belegt, haben Trumps Kollegen gar nichts gegen seine tagtägliche Lügnerei einzuwenden. Die Angestellten im weißen Haus haben auch alle Hände zu tun, die Aussagen - egal ober per Teitter oder mündlich - ihres Präsidenten stets im Nachhinein zu relativieren. "Er habe dies ja nie so gemeint" lautet dabei die Standartkorrektur. Bei einer solchen Vorgehensweise ist die allgemeine Kommunikation mit Trump als Oberhaupt eines Staates schlicht nicht möglich, weil nicht vertrauenswürdig. Die USA haben aufgrund dieser Non-Kommunikationsfähigkeit mit ihrem Staatsoberhaupt derzeit international kein Vertrauen mehr. Trumps Wahlspruch "America First" kann als Kriegserklärung an das eigene Land verstanden werden, das unter seinen Lügen zu leiden hat.
timofine 19.10.2017
3. Die Wahrheit ist...
Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das aktuelle Telefonat zwischen Trump und der Witwe des getöteten Soldaten so stattgefunden hat, wie es die Kongressabgeordnete, die Witwe und deren Schwiegermutter beschrieben haben - ist doch Trump oberflächlich, undifferenziert, verroht und grobschlächtig (in Worten und Taten). Ich glaube aber auch, dass die Aussage zum Telefonat des Weißen Hauses stimmt, dass Trump 'sehr respektvoll' gewesen sei... seine Worte "er wusste, worauf er sich eingelassen hat..." sind für Trump Ausdruck höchsten Respekts... so erschreckend dies ist, so traurig zugleich ist dies für den amerikanischen "Präsidenten"...
p-touch 19.10.2017
4. Trumps Problem
ist das die meisten Leute ihn als notorischen Lügner sehen. Zu dem passt der Inhalt dieses Gesprächs zu Trumps emphatielosen, rüpelhaften Verhalten.
Harry Hutlos 19.10.2017
5. Respektlos ist sein zweiter Vorname
Von Trump kann man nicht erwarten, dass er sich feinfühlig und respektvoll verhält. Der Mann ist hauptsächlich von Leuten gewählt worden, die Rache an einem System üben wollen, das ihnen vermeintlich übel mitgespielt hat. Da passt es gut ins Bild, wenn der Gewählte all das auch tatsächlich zerstört, was Amerika mal ausgemacht hat.
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