Jakob Augstein

Demokratie Fünf Gründe, Donald Trump zu danken

Der US-Präsident hat in nur sieben Wochen die Welt verändert. Nicht nur zum Schlechten. Trump erzeugt Widerstand - das belebt die Demokratie. Plötzlich gibt es Hoffnung: Vielleicht hat der liberale Westen doch eine Zukunft.
Anti-Trump-Proteste (in Sydney)

Anti-Trump-Proteste (in Sydney)

Foto: WILLIAM WEST/ AFP

Sieben Wochen im Amt und der Präsident erfüllt alle Erwartungen. Die der "New York Times" etwa, dass Trump "die logische Konsequenz von allem Schlechten in Amerika" sei. Und seine eigenen, nach denen er mindestens der GRÖPAZ ist, der größte Präsident aller Zeiten.

Letzte Zeugnisse von Trumps Twitter-Manie sprechen jedenfalls für den ungebrochenen Glauben an sich selbst: "Ein unglaublicher Geist des Optimismus erfasst das ganze Land gerade - wir bringen die JOBS zurück!" Oder: "Wir kommen wunderbar zurecht und bekommen eine Menge auf die Reihe."

Sieben Wochen - und es ist Zeit, dem Präsidenten recht zu geben. Trump hat mehr bewirkt, als sich ahnen ließ. Weltweit, vor allem aber in Europa, schulden die liberalen Demokraten diesem Präsidenten Dank.

Hier die fünf Gründe:

1. Freiheit ist plötzlich ein Wort, das wieder eine Bedeutung bekommt. Wie mit allen wirklich wichtigen Dingen spürt man auch die Freiheit erst dann, wenn sie fehlt - oder wenn sie in Gefahr ist.

2. Die rechte Revolution hat die politischen Grenzen verschoben und dadurch eine neue Solidarität der Demokraten geschaffen. Es stehen sich nicht mehr Progressive und Konservative gegenüber, sondern Autoritäre und Liberale.

3. Die öffentliche Debatte erlebt eine neue Blüte - der Streit, das Gespräch, das Argument. Menschen, denen alles immer selbstverständlich war, beginnen zum ersten Mal, über die Grundlagen der liberalen Gesellschaft nachzudenken. Der Journalismus findet wieder zu sich selbst. Die Profession, die durch das Netz in eine Sinnkrise gestürzt war, nutzt die Gelegenheit, sich selbst und der Welt ihren Wert zu beweisen. Politischer Journalismus war - vielleicht weltweit - niemals besser als heute.

4. Die europäische Integration schien ein Projekt von gestern. Durch den Brexit geschwächt, durch die Rechtspopulisten gefährdet. In Wahrheit war Europa nie wichtiger als heute - und wenn man die jüngsten Zeichen aus den Niederlanden und Frankreich richtig liest, dann kommt diese Nachricht jetzt bei den Menschen an.

5. Das Trumpeltier im Weißen Haus hat auch die politische Landschaft in Deutschland erschüttert. Dieses Verdienst muss er sich zwar mit der AfD teilen - aber erst Trump hat aus der Sorge über den Erfolg der Rechten das blanke Entsetzen werden lassen. Das schadet der AfD, das schadet auch der Kanzlerin, die plötzlich so alt aussieht, wie sie sich vermutlich fühlt. Und das nützt der SPD. Martin Schulz hält dem bösen Populismus der Rechten den guten Populismus der Demokraten entgegen. Das kann Merkel nicht.

Die beste Beschreibung hat der Journalist Chemi Shalev der israelischen Zeitung "Haaretz" geliefert: Donald Trump sei es gelungen, in ganz kurzer Zeit einen neuen moralischen Maßstab zu setzen - aber einen negativen: "Die neue weltweite Daumenregel lautet: Wenn Trump gegen etwas ist, weißt du, es ist gut. Wenn er für etwas ist, weißt du, es muss schlecht sein." Für die Dauer dieser Präsidentschaft kommen wir damit aus.

Es ist kein Zufall, dass der Historiker Timothy Snyder ausgerechnet jetzt ein Buch vorgelegt hat, das sich wie ein Brevier fürs demokratische Partisanentum liest. "Über Tyrannei" heißt der Band, der jetzt in Deutschland erschienen ist. Untertitel: "Zwanzig Lektionen für den Widerstand."

Snyder wurde mit "Bloodlands" berühmt, einer Schilderung des Zweiten Weltkrieges in Osteuropa. Auch jetzt steht nicht weniger auf dem Spiel als die liberale Demokratie im Westen. Snyder schreibt: "Geschichte wiederholt sich nicht, aber wir können aus ihr lernen."

Das Buch ist ein Überlebensführer für den zivilgesellschaftlichen Überlebenskampf gegen die Ausbreitung der autoritären Wüste. Jens Bisky hat es in der "Süddeutschen Zeitung" einen Leitfaden für das "demokratische Minimum" genannt.

Die Kapitelüberschriften zeigen: Das hier ist keine Theorie. Das sind praktische Tipps und Ratschläge.

"Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam. "

"Sei freundlich zu unserer Sprache"

"Nimm Blickkontakt auf, und unterhalte dich mit anderen."

"Bleib ruhig, wenn das Undenkbare eintritt."

"Sei patriotisch."

"Sei so mutig wie möglich."

Es ist bei biologischen Metaphern ja Vorsicht angeraten. Aber das Erstarken der Rechten ist das Fieber der Demokratie. Die Zivilgesellschaft ist ihr Immunsystem. Und wir Einzelnen, die wir uns fragen, was ist unsere Aufgabe, was unser Auftrag, unser Ort - wir sind die Abwehrkörper. Wir müssen dorthin, wo die Infektion sich ausbreitet. Und den Kampf aufnehmen.