Trumps Twitter-Tiraden Hass als Instrument, Rassismus als Programm

Der Skandal um Donald Trumps rassistische Tiraden eskaliert, nun kassierte er eine öffentliche Rüge. Doch der US-Präsident schürt unbeirrt alte Ressentiments - zufällig ist an seinen Ausfällen nichts.
Donald Trump: Erwähnt oft und gern seine eigenen "guten Gene"

Donald Trump: Erwähnt oft und gern seine eigenen "guten Gene"

Foto: MICHAEL REYNOLDS/EPA-EFE/REX

Donald Trump nimmt nichts zurück und entschuldigt sich nie. Diesem Mantra bleibt der US-Präsident auch diesmal treu - trotz des Aufruhrs um seine jüngsten Ausfälle.

"Diese Tweets waren NICHT rassistisch", beharrte er am Dienstag, dem dritten Tag dieses Skandals um seine Tiraden gegen vier dunkelhäutige Demokratinnen. "Ich bin kein bisschen rassistisch!" Und dann legte er nach.

Man kennt das: Trump sagt etwas Kontroverses, seine Kritiker toben, seine Fans jubeln, Trump setzt noch einen drauf. Ein vertrauter Kreislauf, angetrieben von Trump, Twitter und den TV-Kabelsendern.

Am Dienstagabend verabschiedeten die Demokraten im US-Repräsentantenhaus zwar eine Resolution, die Trumps Tweets als rassistisch verurteilte. Doch sie blieb symbolisch: Nur vier von 191 Republikanern schlossen sich der Rüge an.

Die Hetze lässt Übles ahnen für den US-Wahlkampf: Als erster Präsident seit Generationen - und im krassen Widerspruch zum Ideal vom Einwanderungsland Amerika - erhebt Trump rassistisches Gedankengut zur politischen Plattform, um damit seine weiße Basis zu motivieren und nicht nur die Demokraten zu spalten, sondern die gesamte Nation.

Trump nutzt bestehende Vorurteile zu seinem Vorteil aus

Seine aktuellen Ausbrüche zielen auf die linken Abgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez, Ilhan Omar, Ayanna Pressley und Rashida Tlaib: Die sollten doch "in die verbrechensverseuchten" Länder zurückkehren, aus denen sie gekommen seien.

Drei der vier Frauen sind in den USA geboren, Omar floh als Kind aus Somalia nach New York. Doch um solche Feinheiten geht es Trump gar nicht: Er instrumentalisiert Vorurteile gegen Ethnizität, Glaube und Erscheinungsbild der Betroffenen.

Omar, wie Pressley eine Schwarze, und Tlaib, die palästinensischer Abstammung ist, sind die ersten Musliminnen im Kongress, Ocasio-Cortez kommt aus einer puertoricanischen  Familie. Die jungen Politikerinnen, 2018 nach Washington gewählt, personifizieren den demografischen Wandel - während Trumps weiße Wähler fürchten, bald zur Minderheit zu werden.

Seine Wortwahl ist also kaum Zufall. Jeder Amerikaner, der nicht weiß ist, kennt diese Beleidigung: "Geh dahin zurück, wo du herkommst!" Dieser Ausruf begleitet auch viele Gewalttaten gegen Minderheiten.

Im Video: Trumps neue Angriffe auf Kongressfrauen

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Wer nicht weiß ist, wird ausgegrenzt

Er höre immer noch oft, er solle "nach China oder Nordkorea oder Japan 'zurückgehen'", schreibt der Kongressabgeordnete Ted Lieu, der in Taiwan geboren wurde und in der US-Luftwaffe diente, in einem Essay für die "Washington Post" . Allein wegen seiner Hautfarbe zweifelten manche an seiner Loyalität zu den USA.

Trump facht diese Attacken an, weitet sie jetzt sogar noch aus, in autokratischer Manier. Alle kritischen Minderheiten mögen sich verflüchtigen - auch legale Einwanderer und gebürtige Amerikaner: "Wenn es euch hier nicht gefällt, könnt ihr gehen."

Für Trump, der sich selbst gerne seiner "guten Gene" rühmt, ist das eine vertraute Taktik: Seine Karriere ist von rassistischen Klischees, Ressentiments und Feindseligkeiten durchwachsen - von seinen Immobilien-Anfängen bis heute.•

  • In den Siebzigerjahren verklagte das US-Justizministerium ihn und seinen Vater wegen Diskriminierung schwarzer Mieter .
  • Nach der Vergewaltigung einer weißen Joggerin im Central Park forderte er 1989 für die Verdächtigen - vier Schwarze, einen Latino - die Todesstrafe, obwohl sie unschuldig waren.
  • Seine langjährige Topmanagerin Barbara Res beschrieb seine Vorurteile so : "Schwarze waren faul und Juden gut mit Geld."
  • Als Casinobesitzer musste er 200.000 Dollar Strafe zahlen, weil er afroamerikanische Angestellte diskriminiert hatte.
  • Sein Aufstieg in konservativen Kreisen begann mit der "Birther"-Lüge, wonach Barack Obama nicht in den USA geboren sei, sondern in Kenia. Schwarze als illegitime US-Staatsbürger zu verunglimpfen ist ein altbekanntes Mittel der Diskriminierung.
  • Im Wahlkampf beschimpfte Trump Einwanderer aus Mexiko als Vergewaltiger und Drogendealer und einen in Indiana geborenen Richter, der einem Betrugsprozess gegen seine Trump University vorsaß, als "sehr unfair", weil er "ein Mexikaner" sei.
  • Als eine seiner ersten Amtshandlungen erließ er ein pauschales Einreiseverbot für mehrheitlich muslimische Staaten.
  • Nach rechtsradikalen Aufmärschen in Charlottesville, bei denen eine Gegendemonstrantin ermordet wurde, weigerte er sich im August 2017, Neonazis eindeutig zu verurteilen - was der Ku-Klux-Klan und andere Gruppen begeistert begrüßten.
  • Im Januar 2018 nannte er Haiti und afrikanische Staaten "shithole countries": Lieber hätte er Einwanderer aus Norwegen.
  • Auch seine Verteufelung von Migranten und seine Forderung nach einer Mauer an der US-Südgrenze sind rassistisch geprägt: Über Einwanderer aus Europa oder Kanada beklagt er sich nie.
  • Sein gescheiterter Versuch, die Volkszählung um eine Frage nach der Staatsangehörigkeit zu erweitern, sollte hauptsächlich der Unterdrückung von "braunen" Minderheitenstimmen dienen.

Nichts davon ist Zufall, alles fügt sich zu einer Strategie: "Trumps Amerika ist ein Land des weißen Mannes", resümiert der schwarze Kolumnist Jamelle Bouie in der "New York Times" .

Er bereue nichts, verteidigt Trump seine letzten Tweets: "Viele Leute lieben das." Damit hat er sicher Recht.

Und das wird nun verschärft so weitergehen. Trump heize den Rassismus bewusst an und damit die extremen Elemente auf beiden Seiten des Parteienspektrums, schreibt der Kolumnist Niall Stanage im Magazin "The Hill"  - und prophezeit: "Die Wahl 2020 dürfte die toxischste seit Menschengedenken werden."