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13. September 2019, 17:44 Uhr

Bericht über Lauschangriff

Hat Israels Geheimdienst Trump abgehört?

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US-Präsident Donald Trump gilt als kompromissloser Unterstützer der israelischen Regierung. Nun berichten US-Medien, Israels Geheimdienst habe Trumps Handy abgehört. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Die USA mussten sich in der Vergangenheit immer wieder gegen Vorwürfe wehren, Partner abzuhören - unter anderem Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel. Nun sorgt ein Spionage-Skandal unter umkehrten Vorzeichen in Washington für Aufregung: US-Präsident Donald Trump und seine engsten Mitarbeiter sollen Opfer einer Abhöroperation geworden sein. Unter Spionageverdacht steht Israel, einer der engsten Verbündeten der USA.

Wie lauten die Vorwürfe?

Israelische Agenten sollen nahe des Weißen Hauses und an weiteren "heiklen Orten" in Washington Abhörtechnologie installiert haben. Das berichtete das US-Medium "Politico" am Donnerstag unter Berufung auf drei hochrangige, ehemalige Mitarbeiter der Geheimdienste und des Sicherheitsapparats der USA.

Fremde Nachrichtendienste können darauf hoffen, wichtige Handykommunikation abzufangen, weil Präsident Trump laut Medienberichten wiederholt das Sicherheitsprotokoll unterlaufen hat: Zumindest in der Vergangenheit hat er nicht immer ein abhörsicheres Telefon, sondern lieber sein Smartphone benutzt. Auch Russland und China sollen bei seinen Telefonaten schon mitgehört haben.

Das Department of Homeland Security hat Anfang 2018 bekannt gemacht, dass die Geräte in Washington entdeckt wurden. Doch erst nach einer eingehenden forensischen Analyse konnten der Ursprung des Lauschangriffs bestimmt werden. "Es war ziemlich eindeutig, dass die Israelis verantwortlich waren", zitiert "Politico" einen der früheren US-Geheimdienstler. Ob der Lauschangriff erfolgreich war und falls ja, welche Informationen abgeschöpft wurden, ist bisher nicht bekannt.

Welche Technologie soll eingesetzt worden sein?

Der geläufige Name für die Mini-Abhörstationen lautet "Stingray", nach dem Modell des Herstellers Harris Corporation. Technisch korrekt nennt man sie International Mobile Subscriber Identity Catchers (IMSI-Catchers). Diese Geräte von der Größe eines Aktenkoffers imitieren die Signale gewöhnlicher Sendemasten. So bringen sie Mobiltelefone in ihrer Reichweite dazu, Informationen über ihren Standort und die Identität der verwendeten SIM-Karte preiszugeben. Darüber hinaus können sie die Inhalte von Telefonaten, E-Mails und Textnachrichten abfischen.

Was deutet darauf hin, dass der Lauschangriff aus Israel kam?

Dass nicht etwa versierte Hobbyfunker, sondern eine Regierung die "Stingrays" in Washington platziert hat, dafür sprechen allein schon die Kosten: Die können sich pro Gerät auf 150.000 US-Dollar belaufen, schreibt "Politico". Wer die Operation in Auftrag gegeben hat, muss über beträchtliche Ressourcen verfügen.

Auf die Spur Israels hat die US-Geheimdienstler besagte forensische Analyse gebracht. Oft ist es die NSA, die solche Untersuchungen durchführt. Dabei schauen Experten sich die Komponenten an, aus denen die Geräte zusammengesetzt sind. Wie alt sind sie? Wer sind die Hersteller? Wo sind baugleiche Teile zuvor eingesetzt worden? Wer hatte Zugang zu dieser Technologie? Auf diese Weise werden Indizien zusammengetragen, die sich in diesem Fall offenbar verdichtet haben.

Welchen Grund hätte Israels Regierung, ihren engsten Verbündeten auszuspionieren?

Washington trifft regelmäßig Entscheidungen, die israelische Interessen berühren: Wie geht es mit Iran weiter? Wie in der Palästinenserfrage? Erlangt Israel frühzeitig Kenntnis über den Diskussionsstand in der US-Regierung, können Diplomaten gezielt die eigenen nationalen Interessen befördern - etwa, indem sie auf eine bestimmte Sprachregelung drängen.

Belastet der Vorfall das amerikanisch-israelische Verhältnis?

Nach derzeitigem Stand lautet die Antwort: nicht gravierend. Aus Israel kam umgehend ein Dementi, das Büro von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu bezeichnete den Bericht als "unverfrorene Lüge". In einer Mitteilung der israelischen Regierung hieß es am Donnerstag: "Es gibt eine langjährige Verpflichtung und eine Anordnung der israelischen Regierung, keine Geheimdienstoperationen in den USA auszuführen. Diese Vorgabe wird strikt umgesetzt, ohne Ausnahme."

Und Trump? Der sagte nach Veröffentlichung der "Politico"-Story, er könne sich kaum vorstellen, dass die Israelis die "Stringrays" installiert hätten. "Ich glaube nicht, dass die Israelis uns ausspioniert haben", sagte er. "Mein Verhältnis zu Israel ist großartig."

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