Prognosen im US-Wahlkampf Angezählt

Hillary Clinton führt klar vor Donald Trump, die US-Wahl scheint knapp zwei Wochen vor dem Stichtag entschieden. Wirklich?
Donald Trump

Donald Trump

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Wer Texas hört, denkt: Öl, Cowboys, riesige Steaks und - Republikaner. Seit 1976 hat dieser Bundesstaat beim Rennen ums Weiße Haus nicht mehr mehrheitlich für einen demokratischen Spitzenkandidaten gestimmt, im Schnitt lag der republikanische immer 15 Prozentpunkte vorn. Was sich 2016 andeutet, ist darum kaum zu fassen.

Umfragen zeigen, dass der Republikaner Donald Trump gerade mal drei Prozentpunkte vor Hillary Clinton liegt. In Texas. Das ist ungefähr so, als käme die SPD bei der Landtagswahl in Bayern bis auf drei Prozentpunkte an die CSU heran.

Texas ist nicht die einzige Überraschung, die Statistiker in diesen Tagen präsentieren. Das Land ist aus den Fugen. Was selbstverständlich schien, gilt nicht mehr. Die Ursache: Donald Trump.

Der einstige Kraftmeier der Republikaner ist mit Umfragen konfrontiert, die ihn im Schnitt landesweit fünf Prozentpunkte hinter seiner Rivalin Clinton verorten. Einen solchen Rückstand hat noch kein Spitzenkandidat so kurz vor der Wahl je aufholen können.

Zur Erinnerung: In den USA wird Präsident, wer die absolute Mehrheit der 538 Wahlmännerstimmen aus den Staaten gewinnen kann (sie liegt bei 270). Nach einer aktuellen Prognose  kommt Clinton auf gut 340 dieser Stimmen. Trump erreicht lediglich 198.

In der folgenden Grafik ist gut zu erkennen, wie sich die Stimmen der Wahlmänner verteilen. Sie zeigt für jeden US-Bundesstaat die Anzahl der Wahlmänner und die Chance, dass Trump oder Clinton den Staat gewinnen. So wird beispielsweise Clinton die 55 Wahlmänner von Kalifornien im Westen mit einer Wahrscheinlichkeit von fast 100 Prozent gewinnen. In Florida im Südosten stehen ihre Chancen bei rund 72 Prozent.

Quelle: FiveThirtyEight Polls-Only-Vorhersage

Quelle: FiveThirtyEight Polls-Only-Vorhersage

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Selbst das einst so enge Rennen in den sogenannten Swing States wirkt nicht mehr so eng. In den meisten dieser Staaten führt Clinton, und, besonders bitter: In Bundesstaaten wie Arizona oder Utah, die zuletzt deutlich an die Republikaner fielen, steht entweder die Demokratin weitaus besser da als erwartet - oder krasse Außenseiter haben plötzlich Chancen.

Noch sind das alles nur Stimmungsbilder. Noch immer haben viele US-Bürger - rund 15 Prozent - nicht entschieden, wem sie ihre Stimme geben wollen. Doch der klare Trend macht Republikaner im ganzen Land nervös.

Im Mormonenstaat Utah, den der Republikaner Mitt Romney (selbst Mormone) vor vier Jahren souverän gewann, findet Hillary Clinton zwar keine Mehrheit. Aber selbst hier ist die Abneigung gegen Trump so groß, dass nun ein unabhängiger Kandidat, der Konservative Evan McMullin, zu Trump aufgeschlossen hat. Eine Niederlage gegen McMullin wäre eine Demütigung für Trump.

Mit Arizona steht eine weitere republikanische Hochburg auf der Kippe. Seit 1952 hat immer ein Republikaner diesen Staat gewonnen. Mit einer Ausnahme: 1996 siegte hier der Demokrat Bill Clinton. Nun könnte auch seine Frau Hillary das schaffen. Aktuelle Umfragen sehen sie in Arizona gleichauf mit Trump.

Die Menschen in Arizona wenden sich aber keineswegs von der republikanischen Partei ab. Einer von Trumps größten innerparteilichen Widersachern, John McCain, bewirbt sich hier um seine Wiederwahl in den US-Senat - und liegt klar in Führung. Dass Trump dagegen zittern muss, zeigt, wie schwer sich republikanische Stammwähler mit dem Präsidentschaftskandidaten tun.

Selbst in Iowa, wo das Trump-Team dank einer dichten Infrastruktur der republikanischen Partei so gut aufgestellt ist wie in kaum einem anderen Bundesstaat, führt der umstrittene Kandidat Trump nicht so klar, wie er sollte.

Es geht um mehr als das Weiße Haus

Die Republikaner haben bei der Wahl 2016 mehr zu verlieren als das Weiße Haus. Viele Abgeordnete im US-Kongress kämpfen nämlich um ihre Wiederwahl.

  • Im Repräsentantenhaus stehen alle 435 Sitze zu Wahl, noch haben hier die Republikaner die stärkste Mehrheit seit 1928. Um das zu ändern, müssten die Demokraten 30 Sitze hinzugewinnen, was als unwahrscheinlich gilt, aber eben auch nicht mehr als völlig undenkbar.
  • Im Senat (100 Sitze), wo momentan die Republikaner die Mehrheit haben, geht es um 34 Sitze, die vergeben werden. Die Demokraten müssten mindestens vier Sitze gewinnen und ab Januar erneut den Vizepräsidenten stellen (der im Senat ein Patt übertrumpft), um die Machtverhältnisse zu ihren Gunsten zu verändern, und es sieht nicht mehr so aus, als sei das unmöglich.

Weil der negative Sog des republikanischen Spitzenkandidaten Trump so gefährlich ist, haben sich viele Republikaner von ihm entkoppelt. Sie wenden sich an ihre Wähler mit dem Appell, ein Durchregieren der nächsten Präsidentin Clinton zu verhindern - das sei nur möglich, wenn der US-Senat republikanisch bleibe.

Warum kann Trump den Trend nicht stoppen?

Seit drei Wochen scheint Trump wie paralysiert von den eigenen Skandalen und Misserfolgen: das verheerende "Grapscher"-Video von 2005, die vielen Vorwürfe sexueller Belästigung, die überraschend deutlichen Niederlagen in den drei TV-Debatten mit Clinton.

Seitdem seine Talfahrt begann, ist Trump offenbar nicht fähig oder willens, sich der drohenden Niederlage mit einer neuen Strategie entgegenzustemmen: Statt klar und konkret zu formulieren, warum man ihn wählen sollte, brabbelt er bei Wahlkampfveranstaltungen Verschwörungstheorien, sät er Zweifel am Wahlsystem, an der amerikanischen Demokratie und jammert darüber, dass die Medien ihn hassen. Das trotzige "Wir gegen die Eliten"-Weltbild seiner treusten Anhänger mag er so bestätigen - doch er erschließt damit weder neue Wählerschichten noch stärkt er das Vertrauen vieler republikanischer Wähler in den eigenen Kandidaten.

Ist Nevada schon verloren?

Ein Blick auf klassische Wählergruppen zeigt, wo Trump nicht liefern kann: Weiße Frauen mit hohem Bildungsniveau wählen in der Regel mehrheitlich republikanisch, doch in dieser Gruppe führt Clinton deutlich.

Eine Wählergruppe, die Trump mehrheitlich gewinnen kann, sind Weiße ohne höhere Bildung. Deshalb sollte er in einem Swing State wie Nevada leichtes Spiel haben, hier haben nur ein Drittel aller Wähler einen Hochschulabschluss.

Doch da auch der Anteil an hispanischen und asiatischstämmigen Wählern in Nevada hoch ist, steht auch in diesem Bundesstaat unterm Strich Clinton bislang besser da: mit seinen rassistischen Parolen ist Trump für weite Teile dieser ethnischen Gruppen nicht wählbar.

Zudem hat Clinton das dickere finanzielle Polster, um in der Schlussphase vor dem 8. November ihre Wähler zu mobilisieren. Die Heerscharen an Unterstützern, die es braucht, um an Haustüren zu klingeln, Fahrgemeinschaften zu Wahllokalen zu organisieren oder Telefonrundrufe zu starten, kann sie finanzieren - Trump kann es im selben Maß nicht.

"Trump kann nichts mehr ausrichten", sagt der konservative Radiomoderator Steve Deace aus Iowa dem Magazin "Politico". Deace ist ein Anhänger des republikanischen Trump-Rivalen Ted Cruz. "Die Demokraten haben die Bürger davon überzeugt, dass Trump irre ist, und Trump hat ihnen dabei geholfen." Dass Clinton ihrerseits ein Glaubwürdigkeitsproblem habe, falle da nicht mehr ins Gewicht. "Wenn Amerikaner die Wahl haben zwischen korrupt und irre, dann ist ihnen korrupt immer noch lieber."

Mitarbeit: Yuliana Romanyshyn, Achim Tack
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